Bordiga, „Bordigismus“ und die Italienische Kommunistische Linke

Bordiga, „Bordigismus“ und die Italienische Kommunistische Linke

Sowohl die theoretischen Beiträge als auch die Wirkungsgeschichte der Italienischen Kommunistischen Linken sind hierzulande weitgehend unbekannt. Allenfalls geistert ab und zu der Name des italienischen Linkskommunisten Amedeo Bordiga durch die Debatten.
Aus einem Hang zur Vereinfachung aber auch zur schrägen Polemik wird die Italienische Kommunistische Linke gern mit dem Begriff des “Bordigismus” belegt. Der folgende Text basiert auf einem Diskussionsbeitrag der von den Genossen der Internationalist Workers Group (Sektion des IBRP in den USA) verfasst wurde, um die Geschichte und wesentlichen Positionen der Italienischen Kommunistischen Linken zumindest in Grundzügen zu skizzieren. Wir werden uns in den nächsten Ausgaben weiter mit dem Thema beschäftigen.
Durch den Faschismus wurden die Aktivisten der Italienischen Kommunistischen Linken ins Exil getrieben, in Gefängnissen inhaftiert und auf Inseln verbannt oder in den Untergrund gedrängt. Dennoch gelang es ihnen bis 1938 die Zeitschrift “Prometeo” herauszugeben.
Nach seiner ersten Verhaftung wurde Amadeo Bordiga durch das Zentrum um Gramsci und Togliatti (die auf die Unterstützung der Komintern bauen konnten) in der italienischen KP zunehmend an den Rand gedrängt.
Bordiga sah sich ziemlich schnell sowohl in der Internationalen als auch in seiner eigenen Partei isoliert. Er stand zunehmend unter dem Druck immer wechselnde opportunistische Taktiken der Moskauer Zentrale umzusetzen.
Die Kommunistische Partei von Italien (PCd’I) war sehr spät gegründet worden.
Erst nach einem harten und langwierigen Kampf zwischen der Italienischen Linken und der Sozialdemokratie waren die ersten Schritte zur Gründung der PCd’I eingeleitet worden.
Als also 1921 die PCd’I endlich gegründet war, war die revolutionäre Welle schon verklungen. Die Namensgebung Kommunistische Partei von Italien (Partito Comunista d`Italia) kam nicht von ungefähr. Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass die italienische Partei nur ein Teil einer internationalen revolutionären Partei war. Erst als die Stalinisten die Partei im Zuge der sog. “Bolschewisierung” übernommen hatten, wurde der Name in Partito Comunista Italiano” (PCI) geändert und damit der spezifisch italienische Charakter der Partei hervorgehoben.
Dies war ein Ausdruck der bürgerlichen und nationalistischen Perspektiven der Konterrevolutionäre die sowohl die italienische Partei als auch die gesamte Komintern übernommen hatten.
1926 hatte sich Bordiga nahezu völlig aus dem politischen Leben zurückgezogen. Auch wenn er noch wichtige Dokumente wie z.B.
die 1925 verabschiedete Oppositionsplattform der “Comitati di Intesa” (Ententekomitees) unterschrieb, waren die Italienischen Linkskommunisten weitgehend auf sich alleine gestellt. Diese Plattform signalisierte die Trennung der Italienischen Kommunistischen Linken von der KP als eigenständige politische Strömung. Die Zeitschrift “Prometeo” fungierte weiterhin als wichtigstes Sprachrohr der Italienischen Linken. Nach einer Unterbrechung von fünf Jahren wurde sie 1943 von Aktivisten wieder illegal im Untergrund herausgegeben.
Bordiga kehrte erst Ende der 40er Jahre in die aktive Politik zurück ?? also lange nachdem die Militanten der Italienischen Linken die Internationalistische Kommunistische Partei (Partito Comunista Internazionalista, PCInt) gemeinhin unter dem Namen ihrer Zeitung Battalgia Comunista bekannt, gegründet hatten. Während all dieser Jahre hatten die Gruppen um “Prometeo” (als auch die Exilpublikationen der italienischen Linken) ihre Theorien unabhängig von Bordiga ausgearbeitet. Sie waren das Ergebnis kollektiver Diskussionen und nicht das Produkt eines einzige Theoretikers oder Aktivisten.
Bordiga entschied sich nicht an der Gründung des Partito Comunista Internazionalista (PCInt) teilzunehmen obwohl ihn die Genossen ausdrücklich zur offiziellen Konferenz die von Dezember 1945 bis Januar 1946 in Turin stattfand, einluden. Bordiga argumentierte anfangs dafür, dass die Italienische Linke in die von Togliatti geführte stalinistische KP zurückkehren sollte, ließ diese Idee dann aber fallen ohne sich jedoch dem PCInt anzuschließen. Von Beginn an war Bordigas Rückkehr zur politischen Aktivität von schweren Meinungsunterschieden zwischen ihm und großen Teilen des PCInt überschattet, denen er vorwarf sich von den Positionen der italienischen Linken in den 20er Jahren entfernt zu haben. 1952 kam es zur Spaltung zwischen den Anhängern Bordigas und dem Rest der Kommunistischen Linken. Bei dieser Spaltung ging es nicht nur um Differenzen zwischen den zwei Individuen Amadeo Bordiga auf der einen und Onorato Damen [1] auf der anderen Seite. Sie hatte ihre Ursache in Differenzen über die Theorie und Praxis der Partei hinsichtlich ihres Verhältnisses zu den Gewerkschaften, zum Parlamentarismus, der sog. nationalen Befreiungsbewegungen, dem Verhältnis der Partei zur Klasse und vielfältigen Organisationsfragen. Während Bordiga und seine Anhänger zu den Positionen der italienischen Linken der frühen 20er Jahre zurückkehren wollten, weigerten sich die Aktivisten des PCInt (Battaglia Comunista) ihre theoretischen Fortschritte und politischen Erfahrungen die sie im Kampf gegen Faschismus, Stalinismus und imperialistischen Krieg gemacht hatten, über den Haufen zu werfen.
Wenn in linkskommunistischen Kreisen von “Bordigisten” gesprochen wird, werden damit gewöhnlich jene gemeint, die sich 1952 mit Bordiga abspalteten, um die sog. “Internationale Kommunistische Partei” (IKP) zu gründen.
Jene die sich in dieser Auseinandersetzung also nicht Bordiga anschließen wollten, waren weit davon entfernt sich als “Bordi gisten” zu bezeichnen, noch sahen sie sich als dessen Anhänger. Als “Bordigisten” werden also für gewöhnlich die Nachfolger und vielen Spaltprodukte der 1952 von Bordiga gegründeten Partei bezeichnet.
Die Erfahrungen der italienischen Kommunistischen Linken können nicht einfach auf Bordiga oder einen einzigen Theoretiker zurückgeführt werden und genau dies unterscheidet diese Strömung von anderen politischen Tendenzen. Bestimmte Label wie “Bordigisten”, “Neo-Bordigisten” oder “Ultra- Leninisten” sind mitnichten geeignet den Charakter dieser Strömung zu verstehen.
Ursprung und Methode
Die italienische Kommunistische Linke musste mit dem Problem umgehen, dass die Arbeiterklasse von einer Partei verraten wurde, die sie gerade einmal fünf Jahre vorher mitgegründet hatte. In der Periode von 1921 bis 1926 wurden all ihre Aktivisten in der KP isoliert.
Sie standen vor der Wahl entweder zu schweigen oder ausgeschlossen zu werden.
Der Kampf den sie in und um die KP und die Kommunistische Internationale führten, dauerte also nur fünf Jahre. Das ist keine sehr lange Zeit, wenn bedenkt dass der Kampf der Italienischen Linken in der Sozialdemokratie gegen den reformistischen Flügel um Turati wesentlich länger dauerte. Dieser Kampf begann 1912 mit der Gründung der kleinen marxistischen Zeitschrift La Soffitta (ital.
“Die Rumpelkammer” eine ironische Replik auf die Reformisten, die den Marxismus in die Rumpelkammer verbannen wollten) und führte 1921 zur Gründung der PCd’I. Aus den Erfahrungen des Kampfes in der Sozialdemokratie leiteten sich die politischen Herangehensweisen der italienischen Linken ab.
Anstatt die Internationale als eine Föderation einzelner nationaler Parteien zu verstehen, wie es in der Sozialdemokratie üblich war, sahen sie die Internationale als revolutionäre Weltpartei. Die Zugehörigkeit zur Internationale bedeutet für sie die Zurückweisung des Opportunismus und des Reformismus der Zweiten Internationale und dies waren die Kernfragen im Kampf gegen Turati und die italienische Sozialdemokratie.
Es sollte noch auf das Verständnis der italienischen Kommunistischen Linken bezüglich der Demokratie, der Arbeiterräte und der revolutionären Organisation eingegangen werden.
Allgemein wurde die Demokratie als die Herrschaftsform angesehen, die es der Bourgeoisie erlaubte, den Faschismus an die Macht zu hieven und die Arbeiterklasse zu zerschlagen.
Der Frage der Demokratie in den Arbeiterräten im Kampf des Proletariats standen die italienischen Linkskommunisten jedoch alles andere als gleichgültig gegenüber.
Die Arbeiterräte wurden als Instrumente des Proletariats verstanden, um die Kapitalisten als Klasse zu entmachten. Die Räte müssen wie auch die Partei auf dem Prinzip der Wählund jederzeitigen Abwählbarkeit der Delegierten basieren. Als permanente Institutionen innerhalb des Kapitalismus können sie aber nur dasselbe Schicksal wie die Gewerkschaften erleiden. Die Räte wurden in erster Linie als Gradmesser der Militanz und Kampffähigkeit des Proletariats gesehen. So interpretierte die Italienische Kommunistische Linke auch den Zusammenbruch der Räte als weiteres Anzeichen für das Abflauen der revolutionären Welle. Die italienischen Linkskommunisten machten jedoch aus den Arbeiterräten niemals einen Fetisch. Vielmehr betonten sie ihre Bedeutung im Kontext des revolutionären Kampfes und hoben hervor, dass die Räte ohne einen revolutionären Aufschwung dasselbe Schicksal ereilen würde wie die Gewerkschaften — entweder zerschlagen oder von der Bourgeoisie absorbiert zu werden.
Die Gruppen die aus der Italienischen Kommunistischen Linken kommen sehen in der Existenz einer revolutionären und internationalen proletarischen Partei, eine unbedingte Notwendigkeit für den Sturz des Kapitalismus.
Über die Konzeption und Rolle der Partei gibt es zwischen den ??Bordigisten?? und den anderen Gruppen der italienischen Kommunistischen Linken unterschiedliche Auffassungen. So hat bspw. der PCInt bzw.
Battaglia Comunista und die Gruppen des IBRP (Internationales Büro für die revolutionäre Partei) niemals die Auffassung vertreten, dass die Partei im Namen des Proletariats die Macht übernehmen könne.
Die Stärke der theoretischen Arbeiten der Italienischen Kommunistischen Linken liegen in ihren materialistischen Analysen der Ereignisse, die sie unter schwierigen Bedingungen und auf der Grundlage ihrer Erfahrungen erarbeiteten.
Diese Analysen können jedoch nicht statisch verstanden werden, noch stellen sie eine Allerweltserklärung dar. Dennoch sind diese im Kontext des Aufstiegs des Faschismus, des Zweiten Weltkrieges und der schlimmsten Periode der Konterrevolution erarbeiteten Positionen ein wichtiger Bezugspunkt für all jene, die die Entwicklung des Kapitalismus bis zur heutigen Zeit verstehen wollen. (A.S.)
(Für weitere Ursprünge und Positionen der Italienischen Linken verweisen wir auf die Broschüre der Genossen der Communist Workers Organisation: “The Platform of the Comittee of Intesa”.)

[1] Onorato Damen (1893 — 1979): 1917 wegen Antikriegsaktivitäten und Aufruf zur Desertion inhaftiert. Mitglied der Abstentionistischen Kommunistischen Fraktion der PSI. Leitende Funktionen in der PCd’I. Nach bewaffneten Auseinandersetzung mit Faschisten in deren Verlauf ein Faschist getötet wird unter Mordverdacht und Flucht nach Frankreich. Leitender Redakteur der italienischen Beilage von L`Humanite` in Paris.
1924 Rückkehr nach Italien und aktiv in der kommunistischen Linksfraktion der KP. Mitinitiator der “Comitati di Intesa”. 1926 Verbannung nach Ustica. Nach seiner Freilassung illegale Aktivitäten für die Kommunistische Linke und Gründungs — und Leitungsmitglied des Partito Comunista Internazionalista — Battaglia Comunista. Für weitere Informationen siehe auch den Artikel “Una vita al servizio della lotta di classe” auf der website des IBRP (www.ibrp.org).