Die Subprimekrise – Eine marxistische Analyse

Die Subprimekrise – Eine marxistische Analyse

Obwohl die Zentralbanken sich förmlich ausbluten, um die Liquiditätsnachfrage der Finanzmärkte zu befriedigen, hat die Finanzkrise, die im letzten August explodierte, nun das System der Weltökonomie ergriffen. Frühere optimistische Vorhersagen über die Zukunft der globalen Ökonomie sind abgelöst worden von Pessimismus. Anderthalb Punkte des nächstjährigen globalen Bruttosozialproduktes (BSP) sind bereits abgeschrieben, ein weiterer Prozentpunkt für das folgende Jahr.
Aber wie auch immer, angesichts der wenigen verfügbaren Statistiken sind selbst diese Voraussagen sehr problematisch. Tatsächlich sagte Bernanke, der Leiter der Federal Reserve, einen Verlust von ca. $ 100 Milliarden im Immobilienkreditmarkt voraus. Nun aber scheint es, dass der Verlust bereits 400 Milliarden Dollar erreicht, und selbst diese Zahl ist nicht endgültig, da sie auf der Basis der erwarteten Verluste einiger weniger großer Banken berechnet wurde, wie der Bank of America ($ 4 Milliarden), Citygroup ($ 2,2 Milliarden), Morgan Stanley ($ 750 Millionen), Merryl Lynch ($ 2,24 Milliarden), etc. In Wahrheit gibt es weltweit niemanden, auch nicht unter den Bankiers und Fondsmangern, der fähig wäre, zu sagen, auf wie viel sich die Verluste wirklich belaufen. In der Tat werden die so genannten CDOs (collateralized debt obligations) auf einer Art Stufenleiter gehandelt.
CDOs werden von Hypotheken abgeleitet, die an Hauseigentümer ohne sicheres Einkommen vergeben werden — zu einem Zinssatz, der um einiges über dem am Markt üblichen liegt, auch wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht. Einmal ausgegeben, unterhalten sie einen Kreislauf, der sich von einer Bank zur nächsten hinaufdreht, von dort zu hochriskanten Investitionsfonts gelangt, um in den Aktienportfolios der Pensionsfonds und bei Sparern (besonders kleinen Sparern) zu enden und bei jedem Schritt in diesem Prozess wie eine Lawine anwachsen. Wir haben es also bloß mit Papierschnitzeln zu tun, die die meiste Zeit über nicht verkauft werden können — bis zum Zeitpunkt ihrer Fälligkeit.
Und so kann ihr Wert nicht auf dem Markt bestimmt werden, außer durch annähernde Schätzung, aufgrund der es unmöglich ist, den gesamten Betrag oder die eventuellen zusammenhängenden Verluste zu bestimmen.
Angesichts der trügerischen und vieldeutigen Natur von Finanzderivaten — und genau das sind CDOs — behauptet die überwältigende Mehrheit der Ökonomen, dass ihre Schöpfung eher eine Anomalie des Systems ist als eine eigentümliche und charakteristische Erscheinung des modernen monopolistischen Kapitalismus. Ebenso behaupten sie, die von ihnen herrührenden Krisen seien bloß das Ergebnis einer exzessiven Produktion dieser besonderen Form von Finanzkapital, etwas, das über kurz oder lang überwunden und absorbiert werden könne — vorausgesetzt, hinsichtlich der Senkung oder Hebung der Leitzinsen würden die richtigen Entscheidungen getroffen. Aber wie auch immer, zum jetzigen Zeitpunkt hat die Überproduktion dieser Derivate eine solche Größe erreicht, dass die Weltökonomie sie nur absorbieren kann, wenn sie unter das Joch kriecht und einen Wachstumseinbruch in Kauf nimmt. Die Gefahr liegt darin, dass die Sub-primekrise auf den Binnenmarkt ebenso wie auf die allgemeine US-Nachfrage zurückwirkt, was eine Beeinträchtigung der weltweiten Nachfrage nach sich zöge. Eine beträchtliche Anzahl dieser Hypotheken sind für die Finanzierung des Privatverbrauchs von Familien vergeben worden, die durch den kontinuierlichen Wertverfall ihrer Häuser dahin kamen, eine höhere Hypothekenschuld zu zeichnen, um dem Wertverfall Rechnung zu tragen, bzw. um die Tilgungsfrist wegen des gefallenen Wertes ihrer Häuser zu verkürzen. Amerikanische Familien gehören, historisch gesehen, zu jenen mit der größten Neigung, Kredite aufzunehmen.
Vor diesem Hintergrund haben sie in der Illusion, die Schuld könne sich selbst tilgen, nicht gezögert, sich bis über den Kopf zu verschulden. In der Liga der weltweit meistverschuldeten Familien liegen die USA mit einer Schuldenrate von 128% gemessen am verfügbaren Einkommen auf dem zweiten Platz nach Groß-Britannien mit 148%, während Italien nur auf 50% kommt. [1] Die Illusion, dass Hypotheken sich selbst tilgten, schwand, als die US Federal Reserve gezwungen war, die Zinssätze zu erhöhen, um der Inflation entgegenzuwirken, die auf die Entwertung des Dollars folgte. An diesem Punkt waren viele Hypothekenschuldner nicht mehr in der Lage, ihre Schuld zu bedienen, sie mussten ihren Bankrott (in den USA können Privatpersonen Bankrott anmelden) erklären, und ihre Häuser wurden versteigert; andere verkauften ihre Häuser zu Niedrigpreisen, um die Zahlungsunfähigkeit abzuwenden.
Folgen waren nicht allein der Kollaps des Immobilienmarktes sondern auch der Konsumkreditfinanzierung, basierend auf der spekulativen Bewertung privaten Besitzstandes.
Trotzdem, und obwohl sie erkennen, dass eine sehr gefährliche Situation geschaffen wurde, versichert die Mehrheit der Ökonomen, dass das Fundament der so genannten “real economy” solide sei und vertritt die Ansicht, dass auch diese Krise des internationalen Finanzsystems ohne große Störungen aufgefangen werden könnte. Alan Sinai beispielsweise, ein prominenter Vertreter der monetaristischen Schule Milton Friedmans, der in den 1980ern von der Federal Reserve konsultiert wurde, später dann von Bush senior und Clinton, antwortete, obgleich sehr in Sorge über die möglichen Rückwirkungen der Sub-prime Krise, in einem Interview mit La Repubblica (29.10.07) auf die Frage “Wird es eine Rezession geben?”:
Nicht notwendigerweise. Während einer Periode, die sechs bis neun Monate dauern kann, werden wir uns in einer Semi- Rezession befinden: aber die Ökonomie braucht nicht in Schulden zu versinken; es braucht höchstens ein Vierteljahr, um dann langsam zu einer jährlichen Wachstumsrate von 1% oder etwas darüber überzugehen.
Und auf die Frage: “Aber all das rührt her von der Immobilienkrise”, antwortete er:
Ja, obwohl es schwer zu glauben ist, die Bedeutung dieses Sektors in Amerika hat nicht ihresgleichen. Wir können in eine Rezession geraten, obwohl der Fertigungssektor in keiner Krise ist.
Es wird der Mühe wert sein, den drastischen Widerspruch, in dem sich hier die neo-liberale ökonomische Politik befindet, zu untersuchen, bzw. die politische Ökonomie des großen Finanzkapitals und der Banken. Einerseits wird beansprucht, dass das Kapital, welches Marx als “moneyed capital in dem Sinn des Zins tragenden Kapitals” definiert, ebenfalls in Marxens Worten “Kapital par Excellence” sei und dementsprechend freie Produktions — und Warenzirkulation eingefordert als sei dies eine unerschöpfliche Wertquelle.
Auf der anderen Seite wird zugegeben, dass wir es mit einer Form von Kapital zu tun haben, die klar unterschieden ist vom “Warenkapital und vom produktiven Kapital”, so dass behauptet werden kann, die tiefe Krise des Finanzsystems beeinträchtige keineswegs den Fertigungssektor. Nun — entweder, oder! Entweder die Verantwortlichen lügen, wenn sie vorgeben, die ungehinderte Schaffung von Zins tragendem Kapital sei eine Quelle neuen Werts oder aber sie lügen, wenn sie behaupten, dass dies wiederum keinen Einfluss auf die wirkliche Ökonomie habe, auch nicht in dieser Periode des Imperialismus.
An diesem Punkt lohnt es sich, eine Zeit lang bei dieser besonderen Form von Finanzkapital zu verweilen.
Die Produktion fiktiven Kapitals im Allgemeinen
Die Schaffung fiktiven Kapitals ist keine Erfindung des modernen Kapitalismus. Bereits Marx bestimmte diese besondere Form des Finanzkapitals, als er die spezifischen Bestandteile des Bankkapitals untersuchte. In Kapital Bd. III schreibt er:
Das Bankkapital besteht 1. aus barem Geld, Gold oder Noten, 2. Wertpapieren. Diese können wir wieder in zwei Teile teilen: Handelspapiere, Wechsel, die schwebend sind, von Zeit zu Zeit verfallen und in deren Diskontierung das eigentliche Geschäft des Bankiers gemacht wird; und öffentliche Wertpapiere, wie Staatspapiere, Schatzscheine, Aktien aller Art, kurz Zins tragende Papiere, die sich wesentlich von den Wechseln unterscheiden. [2]
Und bezüglich staatlicher Wertpapiere stellt er umgehend klar:
Der Staat hat seinen Gläubigern jährlich ein gewisses Quantum Zins für das geborgte Kapital zu zahlen. Der Gläubiger kann hier nicht seinem Schuldner aufkündigen, sondern nur die Forderung, seinen Besitztitel darüber, verkaufen. Das Kapital selbst ist aufgegessen, verausgabt vom Staat. Es existiert nicht mehr. [3]
Die Schuldverschreibung, die diesen Kredit darstellt, ist deshalb nur dem Anschein nach Kapital, indem ihre Selbstverwertung nicht in der Form eines in die Warenproduktion investierten Kapitals stattfindet. Nichtsdestotrotz — weil diese Schuldverschreibungen als Produzenten von Zinsen ihren eigengesetzlichen Markt haben — können sie wiederverkauft werden. Und in den Augen derer, die ihr eigenes Kapital investieren, um sie zu erwerben, erscheint der Wert dieses Kapitals unabhängig vom realen Prozess der Mehrwertproduktion; und…
… die Vorstellung vom Kapital als einem durch sich selbst verwertenden Automaten befestigt sich. [4]
in Wahrheit aber:
Diese Transaktionen mögen sich noch so sehr vervielfältigen, das Kapital der Staatsschuld bleibt ein rein fiktives, und von dem Moment an, wo die Schuldscheine unverkaufbar würden, fiele der Schein dieses Kapitals weg. [5]
Trotz bedeutender Unterschiede gilt gleiches für Aktien, denn auch diese sind Schuldverschreibungen, die Kapital darstellen, das bereits ausgegeben wurde oder in Erwartung steht, ausgegeben zu werden.
Marx schrieb:
Auch da, wo der Schuldschein — das Wertpapier — nicht wie bei den Staatsschulden rein illusorisches Kapital darstellt, ist der Kapitalwert dieses Papiers rein illusorisch. Man hat vorhin gesehen, wie das Kreditwesen assoziiertes Kapital erzeugt. Die Papiere gelten als Eigentumstitel, die dieses Kapital darstellen.
Die Aktien von Eisenbahn-, Bergwerks-, Schiffahrts- etc. Gesellschaften stellen wirkliches Kapital dar, nämlich das in diesen Unternehmungen angelegte und fungierende Kapital oder die Geldsumme, welche von den Teilhabern vorgeschossen ist, um als Kapital in solchen Unternehmungen verausgabt zu werden. Wobei keineswegs ausgeschlossen ist, dass sie auch bloßen Schwindel darstellen.
Aber dieses Kapital existiert nicht doppelt, einmal als Kapitalwert der Eigentumstitel, der Aktien, und das andre Mal als das in jenen Unternehmungen wirklich angelegte oder anzulegende Kapital. Er existiert nur in dieser Form, und die Aktie ist nichts als ein Eigentumstitel, pro rata, auf den durch jenen zu realisierenden Mehrwert. A mag diesen Titel an B, und B ihn an C verkaufen. Diese Transaktion ändert nichts an der Natur der Sache. A oder B hat dann seinen Titel in Kapital, aber C sein Kapital in einen bloßen Eigentumstitel auf den von dem Aktienkapital zu erwartenden Mehrwert verwandeln. [6]
Oberflächlich gesehen scheint sich das Kapital verdreifacht zu haben, aber in Wirklichkeit ist es immer dasselbe Kapital; das anfängliche Kapital ist bereits verausgabt und was als eine Akkumulation von Realkapital aus dem Nichts erscheint, ist in Wirklichkeit die Akkumulation eines Rechtstitels auf Einkommen irgendwann in der Zukunft. Nun, da diese Papierschnitzel nicht auf der Grundlage eines realen Einkommens berechnet sind, sondern aufgrund der Erwartung eines zukünftigen Gewinns, eröffnet sich ein Raum für bloße Vermutungen, eine rein spekulative Komponente: über etwaige Verluste in schlechten Perioden oder Gewinne unter günstigen Bedingungen.
Wenn beispielsweise die Regierung Anleihen aufnimmt, um den Etat auszugleichen oder — allgemeiner — wenn es um Schuldscheine geht, genügt es, dass auf dem Finanzmarkt ein Problem auftritt, das ein Steigen der Zinssätze hervorruft, damit sie entwertet werden. Dasselbe gilt für Aktien: Gibt es eine veränderte Situation aufgrund irgendwelcher außerökonomischer Bedingungen, ändert das die Aussicht der zukünftigen Mehrwertrealisation, für die diese Finanzanlage steht. Die Wertschwankungen behandelnd kommt Marx zu dem Schluss:
Soweit die Entwertung oder Wertsteigerung dieser Papiere unabhängig ist von der Wertbewegung des wirklichen Kapitals, das sie repräsentieren, ist der Reichtum einer Nation zuvor genau so groß wie nach der Entwertung oder Wertsteigerung… Sofern diese Wertminderung nicht einen tatsächlichen Stillstand der Produktion und des Verkehrs auf Eisenbahnen und Kanälen oder das Aufgeben von angefangenen Unternehmungen oder dem Vergeuden von Kapital in wertlosen Unternehmungen reflektiert, wurde die Nation durch das Zerplatzen dieser Seifenblasen von nominellem Geldkapital um keinen Heller ärmer. [7]
Aber das galt für das 19te und den Beginn des 20sten Jahrhunderts, als die Produktion fiktiven Kapitals zeitlich und räumlich überaus beschränkt war.
Die Grenzen der Umwandlung von fiktivem in reales Kapital Gestern
Wir haben gesehen, dass, sofern sie den Anspruch auf einen zukünftigen Gewinn repräsentieren, fiktives Kapital darstellende Aktien und Anleihen ihren eigenen Markt eröffnen und jederzeit in Geld umsetzbar sind — etwa in Dollar, Euro, Yen, etc., eben Banknoten, — das wiederum entweder in Waren-Kapital oder Mehrwert produzierendes Kapital verwandelt werden kann. So ist es möglich — durch die einfache Metamorphose einer Form monetären Kapitals in eine andere — eine Wertproduktion voranzutreiben, die in Wirklichkeit noch nicht stattfindet. Die Zeitlücke zwischen den beiden Momenten kann nur auf zwei Wegen gefüllt werden: entweder wird der Vorschuss durch einen Aufschub des gleichen Wertes ersetzt oder eine vergangene Produktion, angehäuft als Geldware, realisiert.
In der Expansionsphase eines Akkumulationszyklus, innerhalb der Grenzen eines Währungssystems, in dem die Geldzirkulation beschränkt und geregelt ist durch nationale Grenzen und ferner internationale Transaktionen reguliert sind durch Geldwaren (im allgemeinen Gold und Silber), geschieht dies täglich. Wenn der reale Kapitalreproduktionszyklus — der auf einer erweiterten Basis stattfindet — expandiert, also tatsächlich in jedem Produktionszyklus, wird die Diskrepanz zwischen Vorschüssen und Aufschüben, die die wachsende Menge von Waren eventuell mit sich bringt, leicht kompensiert und kann so im Rahmen der Finanzmärkte gehalten werden.
Des weiteren sind dem Prozess der Produktion fiktiven Kapitals ernsthafte Grenzen gesetzt durch Regelungen, die auf die Anlage verschiedener Arten von Reserven verpflichten, so dass auch in schwierigen Perioden auf dem Geldmarkt die plötzlichen Schwankungen von steigenden und fallenden Gewinnen zum gegenseitigen Ausgleich tendieren, ohne den Produktionsprozess des Real- Kapitals zu stören. In einem solchen System halten sich auch die Gewinne aus dem Import- Handel in klar umrissenen Schranken. In einem System internationaler Zahlungen, dass auf Geldware basiert, können — außer durch Kreditgewährung der exportierenden Nation — die Importe die Reserven an Geldware nicht übersteigen, die das betreffende Land angehäuft hat und die zunächst nichts anderes darstellen als die vergangene Wert- Produktion umgewandelt in Geldware und verwendet für internationale Zahlungen, gemeinhin Gold und Silber. In einem System also, in dem monetäres Kapital in all seinen Formen reguliert ist und internationale Zahlungen in das Verhältnis zur Geldware gesetzt sind, ist die Schaffung fiktiven Kapitals strikt limitiert, so dass Krisen, die durch einen Spekulationsexzess hervorgebracht werden können, dazu bestimmt sind, von der Entwertung des überschüssigen Fiktiv-Kapitals, das auf den Finanzmärkten entstanden ist, absorbiert zu werden.
Aber das ist heute nicht länger mehr der Fall.
Die Grenze zwischen dem Produktionsprozess realen und fiktiven Kapitals ist viel schmaler geworden und schafft eine Mischung, die potentiell hochexplosiv ist.
Heute
Beginnend mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, im Juli 1944 um genau zu sein, wurden Veränderungen am Weltwährungssystem und in der Folge an den Staatshaushalten vorgenommen. Im Lauf der der Zeit haben diese Veränderungen die makroökonomischen Beziehungen zwischen der Produktion von fiktivem Kapital und realer Kapitalakkumulation radikal umgestaltet.
Wie bekannt ist, trafen sich zu dieser Zeit die Delegierten einiger der Länder, die den Zweiten Weltkrieg gewonnen hatten, um den so genannten West-Block zu bilden. Auf der Tagesordnung des Treffens stand die Rekonstruktion des internationalen Währungssystems, das bis dato auf dem Goldstandard basiert hatte, in der Krise von 1929 bereits einige Mängel gezeigt hatte und die den Interessen der USA nicht mehr entsprachen.
Dies war der Ursprung des an den Wechselkurs des Dollar gebundenen internationalen Währungssystems, das auf Papiergeld basierte, als sei es Geldware. Die Emission dieses Papiergelds sollte immerhin durch die Konvertibilität von Dollar in Gold und die Auflage garantiert werden, dass die US Federal Reserve Goldreserven anlegte, um einen Wechselkurs von um 35 Dollar für eine Unze Gold zu stützen. Mit diesen Elementen konnte das System als eine flexiblere Variante des alten Goldstandards durchgehen. Es war nicht perfekt, aber es war um einiges sicherer.
Obwohl die Übereinkunft half dem vorzu beugen, wurde die Sicherheitsklausel dadurch konterkariert, dass Papiergeld (der Dollar) ins Zentrum des Systems gerückt wurde an Stelle der Geldware, denn das erlaubte die Schaffung von Kredit und fiktivem Kapital in internationalem Maßstab, der exklusiv von der Zentralbank allein des Landes kontrolliert wurde, das mit der Herstellung von Papiergeld begonnen hatte — der USA.
Paolo G. Conti und E. Fazi schrieben in ihrem letzten Buch mit dem Titel “Euroil”:
Rund zwanzig Jahre lang behaupteten die USA die unbestrittene Führungsrolle und über diese Zeitspanne funktionierte der Dollargebundene Standard sehr gut. Die Weltwirtschaft erlebte eine lange Periode des Wachstums. Und beinahe alle Länder, insbesondere jene, deren Wirtschaft der Zweite Weltkrieg verwüstet hinterlassen hatte, wie Deutschland, Italien und Japan, zogen Nutzen aus der Stabilität des Systems. [8]
Aber als die Krise explodierte und ein Fall der durchschnittlichen Profitrate einsetzte — was, ausgehend von den USA, die Weltwirtschaft ergriff und bis heute unausgestanden ist — konnte die Gold-Deckung des Dollar nicht länger aufrechterhalten werden.
Praktisch fuhren die USA fort damit, Dollars zu drucken, obwohl sie aufgehört hatten, die von Bretton Woods vorgeschriebenen Goldreserven bereitzustellen. Und so widerriefen sie die Übereinkunft im Sommer 1971 und erklärten die Inkonvertibilität des Dollar. Dies setzte faktisch ein internationales Zahlungssystem in Kraft, das auf der Produktion fiktiven Kapitals basierte. Was aber waren diese ohne Golddeckung emittierten Dollars wenn nicht verschleierte Schulden der USA beim Rest der Welt? Die unmittelbare und wichtigste Konsequenz des Widerrufs von Bretton Woods, der ja nichts anderes war als der Ausdruck der Weigerung der USA, ihre Schulden zu bedienen, war eine wilde Dollar- Entwertung und die Explosion eines Inflationsprozesses, im Laufe dessen die USA erfolgreich ihre Krise auf den Rest der Welt abluden. Von einer allgemeineren Warte aus gesehen konstituierte die Erklärung der Inkonvertibilität des Dollar für die USA ein neues Bretton Woods; in dem Sinn, dass die Vereinigten Staaten ein neues internationales Zahlungssystem stützten, das vollständig auf der Ausgabe inkonvertibler Scheine beruhte und deren zwingender Zirkulation im internationalen Maßstab basierend auf fiktivem Kapital.
Trotz der Erklärung seiner Nicht- Umrechenbarkeit blieb der Dollar das internationale Zahlungsmittel schlechthin, sowohl auf dem Markt für Rohstoffe, insbesondere dem Ölmarkt, als auch als Währungsreserve verschiedener Zentralbanken. In der Folge entstand eine Situation, die zu Marxens Zeiten einfach nicht vorstellbar gewesen war: Verschiedenheiten im Wert des zirkulierenden Geldkapitals, ausgedrückt in einer fixen Währung, in diesem Fall dem Dollar, waren nicht länger Ausdruck des realen Wertes der Nation, die diese Währung ausgab — in unserem Beispiel die Fähigkeit der USA Wert zu produzieren — , sondern Ausdruck des Preises einer Ware, bzw. von Waren, die auswärts produziert wurde, wie etwa Öl, oder wahlweise beinahe jedem Rohstoff von strategischer Relevanz.
Der Mechanismus funktioniert so: eine Nation, angenommen Japan, braucht Öl und kauft es von der OPEC. Um dies zu bewerkstelligen, benötigt es Dollars von den Vereinigten Staaten, für die es einige Güter austauscht, z.B. Toyota-Autos. Die Amerikaner schütten Greenbacks aus, verkaufen sie an Japan und erhalten Autos. Die OPEC hingegen erhält diese Dollars als Zahlung für Öl und auf diese Weise werden sie zu Petrodollars: eine Bezeichnung, welche die Geschäftstätigkeit des Amerikanischen Wertes zum Ausdruck bringt, Frucht des Ölverkaufs der Welt. Und wir sprechen über eine enorme Menge Geld. Nach einer Studie der Unicredit Bank von 2006 erreichten die Ölexporte einen Umfang von $840 Milliarden. Ein Teil dieser Dollars werden in die Ökonomien der Ölproduzenten investiert… aber ein anderer Teil, und zwar der weitaus bedeutendere, wird im Ausland angelegt — und da in Dollar gehandelt wird, ist es nur natürlich, die USA als Zielort für Investitionen zu wählen. Für die USA bedeutet das die Quadratur des Kreises. Die Petrodollars werden in Wohnungen, Aktien, Schatzanweisungen, Hypotheken und Kredite, sowie in die massiv ansteigenden US-Schulden investiert: stetig anwachsend haben sie eine Höhe von inzwischen $3000 Milliarden erreicht — eine Zahl, die 27% des gesamten US Bruttosozialprodukts entspricht und die größer ist als die Summe der Schulden der übrigen Welt. [9]
Der Triumph des Wildcat Banking
Aber damit noch nicht genug. Eine große Zahl dieser Dollars fließt fortwährend in die USA zurück, um in Schatzanweisungen, Schuldscheinen, Aktien usw. reinvestiert zu werden, in Sicherheiten also, die fiktives Kapital darstellen. Die wohlbekannte Deregulierung, die die Produktion von Geldkapital liberalisierte, hat die Bedingungen für die neuen Sicherheiten, die wie Pilze aus dem Boden schossen, geschaffen. Daraus resultierend gehen die so genannten Finanzderivat- Produkte nicht, wie in der Vergangenheit, aus einer öffentlichen oder privaten Schuld oder aus der Gründung einer neuen Gesellschaft durch Aktienausschüttung hervor, sondern aus den Sicherheiten und Schuldverschreibungen selbst oder direkt aus den Spekulationen mit Preisschwankungen, Zinssätzen sowie anderen Waren, vor allem Öl. Dies hat eine unendliche Reihe von Finanzanlagen in die Welt gesetzt, die auf fiktivem Kapital gründen. Sofern sie in Geld verwandelbar bleiben, können sie nicht allein für Toyotas, wie in unserem Beispiel, zum Austausch angeboten werden, sondern für eine enorme Menge von Waren, die im Ausland hergestellt wurden. Auf diese Weise sind die Beschränkungen, die für gewöhnlich verhinderten, dass der Wert der Importe die Reserven des Import-Landes an Geldware überstieg (außer in kleinem Maßstab und für kurze Zeit) und die in der Vergangenheit unantastbar waren, jetzt durchbrochen worden. Aber nicht nur das. Mit der vollständigen Deregulierung und Liberalisierung der Verwendung fiktiven Kapitals als Ausgangspunkt für die Schaffung weiteren fiktiven Kapitals ist Gresham’s Law — demzufolge schlechtes Geld gutes verdränge — bestätigt worden, und das Fiktiv-Kapital hat im Handumdrehen die Binnenzirkulation des klassischen Greenback übernommen.
So sind wir in mancherlei Hinsicht in die Periode von 1830 bis 1863, als der National Banking Act angenommen wurde, zurückgefallen, in der das so genannte Wildcat Banking vorherrschte.
Dies war eine Zeit, in der Banken gegründet wurden, bloß, um wertloses Papiergeld auszugeben, gerade so, wie die CDOs unserer Tage oder die Aktien von Cirio, Parmalat oder Enron. Um eine Vorstellung von dem ungeheuren Ausmaß des Phänomens zu gewinnen, betrachten wir die Jahre von 1959 bis 2003, in denen die Produktion virtuellen Geldes zu Beginn im selben Verhältnis wuchs wie die auf dem effektiven Wert der hergestellten und verkauften Waren basierte Dollarmenge und letztendlich bei einem Verhältnis von 1 zu 10 landete. [10]
Und seit 2003 hat die Federal Reserve zumindest offiziell aufgehört den Anstieg zu berechnen mit der Behauptung, dass dieser der verwendeten Indices:
… keine sinnvollen Informationen über die ökonomische Aktivität enthält. Konsequenterweise hat der Vorstand entschieden, dass die Kosten zur Erhebung der Zahlen ihren Nutzen überwiegen. [11]
Mit der Möglichkeit, Importe mit einfachen Papierschnitzeln, die als Dollars ausgezeichnet werden, zu bezahlen oder mit einer Kreditkarte, gewährt auf der Basis einer Schuldverschreibung, von der, wie wir bereits an den Hypotheken gesehen haben, angenommen wird, sie bezahle sich selbst, ist das Missverhältnis von US-Importen und Exporten über die letzten drei Jahrzehnte exponentiell angewachsen, während das Defizit in der Zahlungsbilanz
2006 die genaue Höhe von $862 Milliarden erreicht hat, ungefähr um das zehnfache höher als Spanien, dem zweiten Land in der Liste der Länder mit Handelsbilanzdefizit. [12]
Aber vielleicht können wir das Phänomen klarer vorstellen mit Hilfe eines Zitats F. Rampinis aus La Repubblica vom 15. August 2007:
Wenn ein amerikanischer Journalist versuchte, ein Jahr lang ohne das Label “Made in China” zu leben, würde er feststellen, dass das unmöglich ist, ohne sich zu der archaischen Existenz eines Robinson Crusoe zurückzuentwickeln.
“Die Vorstellung, das Kapital repräsentiere etwas, das sich automatisch durch sich selbst verwerte” hat eine solch materielle, konkrete Form angenommen, dass das, was stets noch eine einfache Wertabstraktion bleibt, die Adern des Systems bis zu einem Punkt durchdrungen hat, wo sie den gesamten Prozess der kapitalistischen Akkumulation im internationalen Maßstab übernimmt; und die Verflechtung der beiden Sphären, der abstrakten und der realen, hat das System dermaßen durchlässig gemacht, dass es beina he unmöglich geworden ist, zu entscheiden, wo die eine beginnt und die andere endet.
In Wahrheit könnte dieses System keinen Tag überleben, hätte es nicht die größte Armee der Erde hinter sich, bereit, jederzeit zur Hilfe zu kommen, wenn dieser Betrug aufzufliegen droht.
Um also den wirklichen Effekt der Subprimekrise und ihre möglichen Konsequenzen zu verstehen, ist es notwendig, sie innerhalb des ganzen Prozesses der globalen Kapitalakkumulation zu verorten und in Bezug zu setzen zur veränderten Form imperialistischer Vorherrschaft.
In einer Rede gehalten vor dem Kongress am 15. Februar 2006 erklärte der republikanische Senator Ron Paul:
Wenn ein Land ausgerüstet mit einer mächtigen Armee und ungeheuren Goldreserven beginnt, sich ein Imperium leicht verdienten Geldes aufzubauen, mit dem es seine häusliches Wohlbefinden erhält, dann ist das ein untrügliches Zeichen seines Falls. Das Prinzip ist dasselbe geblieben; es ist der Prozess, der anders ist. Gold ist nicht länger die bevorzugte Währung des “Königreichs”. An seiner Statt haben wir Papier. Heute gilt die Regel “derjenige, der das Geld druckt, macht das Gesetz”, zumindest für den Moment. Obwohl Gold nicht länger verwendet wird, ist der Mechanismus doch derselbe geblieben: fremde Länder durch unsere militärische Überlegenheit und unsere Kontrolle über das Drucken des Geldes zur Produktion zu bewegen und auf diese Weise unser Land zu finanzieren. [13]
Da die Sub-primekrise entstanden ist, weil die Kontrolle über das Gelddrucken wirklich ins Schwanken geraten ist, ist es offensichtlich, dass wir nicht bloß über das Platzen einer Seifenblase sprechen, sondern von einer Krise des gesamten Kommandomechanismus der Kapitalakkumulation im Weltmaßstab.
Deshalb ist die Vorstellung, dass alles durch die Injektion von mehr fiktivem Kapital in die Adern des Systems wieder angepasst werden könnte, eine Illusion — zumindest was “die Vorstellung vom Kapital als einem durch sich selbst verwertenden Automaten” angeht.
In Wirklichkeit zeichnet sich eine Krise von planetarischem Ausmaß ab, die letztendlich 1929 wie einen harmlosen Schluckauf aussehen lassen könnte. (G.P.)

[1] Zahlen aus Anatomia di una crisi von E. Della Porta in Il Manifesto 16.11.2007
[2] Karl Marx, Das Kapital Bd.III, S.481 (Berlin 1974)
[3] a.a.O. S.482
[4] a.a.O. S.484
[5] a.a.O. S. 483
[6] a.a.O S.484f.
[7] a.a.O. S.486
[8] Paolo G. Conti und E. Fazi Euroil , S.35 (Hrsg. E. Fazi)
[9] a.a.O. S.63f.
[10] a.a.O. S.58
[11] a.a.O. Ibid
[12] a.a.O. S.60
[13] a.a.O. S.41