Reflektionen über den britischen Bergarbeiterstreik 1984/85

(Referattext eines Genossen der Communist Workers`Organisation)

Die Krise

Der britische Bergarbeiterstreik war einer der wichtigsten Momente in der Geschichte der Arbeiterklasse – und dies nicht nur in England. Er fand vor dem Hintergrund des Endes des Nachkriegsboom statt, der von vielen Kapitalisten für unerschöpflich gehalten wurde. Das letzte Signal dafür, dass der tendenzielle Fall der Profitrate die Kapitalverwertung erschwerte, war die Aufkündigung des Bretton Woods Abkommens 1971 durch die USA, der eine Aufwertung des Dollars folgte. In Großbritannien war die Krise weiter fortgeschritten. Einige Studien gingen davon aus, dass die Profitrate auf Null zuging. Die britische herrschende Klasse hatte sich nach 1945 sozialen Frieden erkauft, indem sie einen Sozialstaat und weitgehende Vollbeschäftigung einführte. Die ging zu Lasten der Modernisierung und der Investition in neue Industrien – dennoch war ein langsamer Rationalisierungsprozess im Gange. Die einzige Industrie die nahezu zusammenbrach, war die Textilindustrie, die der Konkurrenz aus Fernost nicht mehr standhalten konnte. 1970 kam eine neue rechtsgerichtete Regierung ins Amt, die sich dieses Problems annahm. Sie versuchte die Unterstützung früherer Regierungen für schwache Industrien (die sog. lahmen Enten) zu durchbrechen und eine neue Industriepolitik durchzusetzen. Fünf Hafenarbeiter wurden wegen ihres Widerstandes dagegen eingesperrt aber Streiks, Sit Ins und Demonstrationen zwangen die Regierung sie frei zu lassen. Ihre Pläne 75% der Jobs in der Glasgower Schiffbauindustrie abzubauen, trafen auf den Widerstand der Arbeiter und führten zu Besetzungen der Werften. Dies zwang die Regierung weitere Subventionen zu zahlen und die fünf Werfen in Clydeside zu erhalten.
Das andere Problem war die Inflation. Die britische Regierung druckte schon Geldnoten um ihre Defizite zu kompensieren, als Die OPEC auf den Verfall ihrer Dollarrevenuen reagierte, und einen Anstieg des Ölpreises auf ein ähnliches Niveau wie 1945 forderte. Dies war ein tödlicher Schlag für die britische Produktion und führte zu einem doppelten Anstieg der Inflation. Gleichzeitig verdoppelte sich die Arbeitslosigkeit auf fast eine Million. 1972 gab das den Bergarbeitern die Möglichkeit ihre Rechnung mit dem britischen Staat zu begleichen.

Der Niedergang der Kohleindustrie und die Bergarbeiterstreiks von 1926, 1972 und 1974

1920 beschäftigte die britische Bergbauindustrie 1.25 Millionen Arbeiter aber zu diesem Zeitpunkt setzte schon der Niedergang dieser Industrie ein. Mit dem Verlust der Märkte in Übersee war Kohle nicht mehr so profitabel wie früher. Die Kohleindustrie wurde 1916 verstaatlicht aber 1921 wieder ihren ursprünglichen Besitzern zurückgegeben. Diese versuchten sofort eine Lohnkürzung durchzudrücken. Die Bergarbeiter traten für drei Monate in den Streik und erhielten auch Basiunterstützung von den Hafenarbeitern und Eisenbahnern. Gleichwohl führte die Entscheidung der Führer der Transport- und Eisenbahnergewerkschaft vom 15. April 1921 (Schwarzer Freitag) das vor dem Krieg abgeschlossene gewerkschaftliche Abkommen der gegenseitigen Streikunterstützung aufzukündigen dazu, dass die Bergarbeiter alleine kämpften und verloren.
Das Gegenteil passierte vier Jahre später als dieselben Gewerkschaftsführer beschlossen die Bergarbeiter zu unterstützen als Winston Churchill beschloss Britannien wieder an den Goldstandard zu koppeln, was zu massiven Lohnkürzungen durch die Kohlebarone führte. Dieses Mal begann der Streik 1926 und führte zu einem Generalstreik. Die Regierung war vorbereitet und schickte Kriegsschiffe nach Liverpool, die Armee bewachte Lebensmittelkonvois und Horden von Freiwilligen aus der Mittelschicht wurden für Streikbrecherdienste mobilisiert. Es war ein blanker Klassenkrieg und wieder einmal beschlossen die Gewerkschaftsführer sich auf die Seite des britischen Staates zu stellen. Sie kapitulierten nach nur neun Tagen. Die Bergarbeiter kämpften weiter aber es war ein heißer Rekordsommer und es gab wenig Hoffnung. Im November wurden sie wieder zur Arbeit gezwungen. Allerdings nicht alle von ihnen. Einige wurden für ihre Rolle im Streik gemaßregelt während andere nach dem Crash an der Wall Street ihren Job verloren. Die Arbeitsplätze in der Kohleindustrie gingen von 1.25 Millionen auf 700 000 im Jahre 1947 (als die Gruben verstaatlicht wurden) zurück.
Viele Bergleute sahen in der Verstaatlichung die Erfüllung eines Traums. Über jeder Grube hing nun ein Schild mit der Aufschrift „In Volkseigentum“. Die Bergarbeiter dachten dass sie damit gemeint waren, aber es war in Wirklichkeit die britische herrschende Klasse der die Bergwerke nach wie vor gehörten. Diese rief ein „National Coal Board“ ins Leben welches mit einem Programm der Rationalisierung, d.h. der Schließung von Bergwerken begann. 1979 waren bereits 400 000 Arbeitsplätze in der Bergbauindustrie abgebaut worden, so dass lediglich 300 000 Bergleute übrig waren als Thatcher an die Macht kam. Damit ging eine Absenkung des Lohnniveaus in der Bergbauindustrie einher. 1950 standen die Bergleute an der Spitze der Lohnskala aber 1974 waren sie bereits auf den 17 Platz gefallen. Damals forderten die Bergleute eine Lohnerhöhung um 43% während die konservative Regierung es ablehnte über 7% hinaus Zugeständnisse zu machen. 1974 führte die Regierung ihren Wahlkampf unter dem Motto „Wer regiert das Land – die Gewerkschaften oder das Parlament“ und verlor nur knapp. Die nachfolgende Labor-Regierung gestand den Bergleuten dann Lohnerhöhungen zu. Diese Episode ist aus zweierlei Gründen wichtig: Auf der einen Seite führte dies die Bergleute zu dem Glauben, dass sie aus eigener Kraft den Staat herausfordern und gewinnen könnten, auf der anderen Seite überdachten die konservativen Elemente der britischen Bourgeoisie ihre Strategie für die Zukunft.
Die Tories verloren die Wahlen 1974 knapp aber der Kurs auf eine Restrukturierung der Industrie ging weiter. Davon besessen den Haushalt in Ordnung zu bringen wandte sich die Labourregierung 1976 an den IWF. Premierminister Wilson der einst versprochen hatte die britische Wirtschaft durch die „weiße Hitze der Technologie“ zu erneuern, trat zurück da die ihm die vom IWF angeordnete Radikalkur als nicht umsetzungsfähig erschien. Dies brachte Callaghan und Healey an die Macht, die die vom IWF verlangten Kürzungen bereitwillig umsetzten. Der Rückgang des Widerstands der Arbeiterklasse gegen die Krise setzte zu diesem Moment ein (und nicht erst 1979 mit Thatchers Machtantritt) Die Labour-Regierung setzte Truppen ein um den Streik der Feuerwehrleute zu brechen, kürzte im Gesundheits- und Sozialwesen und versuchte in Zeiten hoher Inflation die Löhne einzufrieren. Den sog. „winter of discontent“ (Winter der Unzufriedenheit), den sie damit provozierte, zeigte, dass „Old Labour“ ihren Zenit als nützliches Instrument der britischen herrschenden Klasse überschritten hatte und führte schließlich zu der 18 Jahre andauernden Herrschaft der Tories.

Der Hintergrund des Streiks

Als die Tories im Juni 1979 an die Macht kamen, hatten sie keinen Masterplan zur Lösung der kapitalistischen Krise aber sie hatten aus dem Debakel der Heath-Regierung gelernt. Sie hatten sich insbesondere Gedanken darüber gemacht wie den Bergarbeitern zu begegnen sei. Diese nahmen im sog. Ridley Plan (benannt nach Nicholas Ridley der später Minister in in Thatchers Regierung werden sollte) Gestalt an. Die Grundzüge des Ridley Plans waren kein Geheimnis und wurden bereits im Mai 1978 in der Zeitschrift The Economist veröffentlicht. Ridley und sein Team hatten intensiv darüber nachgedacht wie etwaigen politischen Bedrohungen der Tory- Regierung begegnet werden könnte. Sie kamen zu dem Schluss, dass die entscheidenden Schlachten auf einem von der Tory-Regierung selbst gewählten Terrain geschlagen werden sollten, also in Bereichen wo es die günstigsten Siegesaussichten gäbe, so z.B. bei der Eisenbahn, im Öffentlichen Dienst oder der Stahlindustrie. Die größte Bedrohung sahen Ridley und Co in den Bergarbeitern. Sie schlugen daher vor, im voraus Kohlelager anzulegen, Pläne für einen verstärkten Import von Kohle auszuarbeiten und schnellstmöglich Vorkehrungen zu treffen um Kraftwerke auch mit Öl befeuern zu können. Ferner sollten nicht gewerkschaftlich organisierte Lkw-Fahrer als Streikbrechertruppen angeheuert werden und die Polizei verstärkt für den Einsatz gegen Streikpostenketten trainiert werden.
All diese Maßnahmen sollten schließlich zum Einsatz kommen, allerdings nicht ganz genau nach Ridley´s ausgearbeitetem Schema. Thatcher hatte die Wahlen 1979 nur knapp gewonnen. Der Sieg der Tories ging in erster Linie darauf zurück, dass die Arbeitslosigkeit unter Labour auf 1.5 Millionen angewachsen war. Gleichwohl stieg diese Zahl unter Thatcher noch an, während die Inflationsrate die Marke von 22 % erreichte. Die Thatcher-Regierung wurde eine der unbeliebtesten seit Neville Chamberlain in den 40er Jahren. Dennoch ging die Thatcher-Regierung dazu über Anti-Gewerkschaftsgesetze durchzusetzen die wilde Streiks, Solidaritätsstreik und Massenblockaden unter Strafe stellten. Faktisch wurde dadurch jedoch eher die Kontrolle der Gewerkschaftsführer über ihre Mitglieder verstärkt. In Wirklichkeit waren diese Gesetze gegen die Arbeiterklasse und ihre Kämpfe als gegen die Gewerkschaften gerichtet. Diese Gesetze boten letztendlich den rechtlichen legalen Rahmen für die Repression gegen den Bergarbeiterstreik.
Der erste Konflikt brach jedoch nicht mit den Bergarbeitern sondern im Herbst 1979 mit den Stahlarbeitern aus, denen eine lächerliche Lohnerhöhung von 2% angeboten worden war (also faktisch eine Lohnkürzung in anbetracht der damaligen Inflationsrate von 20%)
Über dreizehn Wochen lang kämpften die Stahlarbeiter und versuchten durch mobile Streikposten die Auslieferung von Stahl zu verhindern. Sie wurden dabei von den Bergarbeitern unterstützt, die sich aktiv an den Streikposten beteiligten. Weniger Unterstützung erhielten sie freilich von ihrer eigenen Gewerkschaftsführung (der späteren ISTC) um Bill Sirs, die alle Hebel in Bewegung zu setzte, um den Streik im Sinne der Bosse zu beenden. Als schließlich ein Verhandlunsgergebnis öffentlich gemacht wurde, dass eine Lohnerhöhung um 16% unter der Bedingung vorsah tausende Arbeitsplätze abzubauen, verbrannten Stahlarbeiter in Sheffield öffentlich ihre Gewerkschaftsausweise.
Die Niederlage der Stahlarbeiter ermutigte die Regierung. Ian Macgregor kam aus den USA um einen Großteil der Stahlindustrie stillzulegen und die Privatisierung voranzutreiben. (150 000 Arbeitsplätze wurden in den nächsten 20 Jahren in der staatlichen und privaten Stahlindustrie vernichtet) 1981 dachte die Thatcher-Regierung dass es an der Zeit sei sich die Bergarbeiter vorzunehmen und kündigte die Schließung von 23 Gruben an. Ausgehend von South Wales provozierte dies eine Welle von Arbeitsniederlegungen in den Gruben die sich schnell im ganzen Land ausbreitete. Die Tories waren noch nicht in der Lage dieser Herausforderung zu begegnen. Nach einer Woche des Zögerns wurden die Grubenschließungen schließlich zurückgenommen. Dieser relativ einfach errungene Sieg führte dazu, dass sich viele Bergarbeiter in falscher Sicherheit wogen und glaubten allein aus eigener Kraft siegen zu können.
Die Dinge änderten sich auch auf der politischen Bühne. Die Unbeliebtheit der Thatcher-Regierung war auf einem Tiefpunkt als eine diplomatische Panne zum Ausbruch des Falklandkrieges führte. In der Annahme dass ihr die Falklandinseln widerstandslos überlassen werden würde, entschloss sich die argentinische Junta um General Galtieri die Inselgruppe zu besetzen. Das Galtieri-Regime war in einer genauso schweren sozialen und politischen Krise wie Thatcher und erhoffte sich durch einen kriegerischen Akt die öffentliche Aufmerksamkeit auf die neuen Geländegewinne lenken zu können. Der britische Außenminister trat aufgrund diplomatischer Verstimmungen zurück und es gab in der britischen herrschenden Klasse einige Diskussionen darüber ob die Falklandinseln wirklich einen Krieg wert wären. Thatchers Junta hingegen war jedoch fest entschlossen Galtieri nachzueifern und stellte hastig eine Streitmacht zur Wiedereroberung der Inseln zusammen. Dies war der politische Wendepunkt der 80er Jahre. Der „schnelle siegreiche Krieg“ erlaubte es der herrschenden Klasse den Nationalismus anzuheizen und Englands Großmachtsanspruch zu unterstreichen. Wir schrieben damals über die Folgend es Krieges:
„Das Unvermögen der Arbeiterklasse dem Falklandkrieg substantiellen Widerstand entgegenzusetzen führte zu einer Welle neuen Selbstbewusstseins in den Zirkeln der herrschenden Klasse. Dies schlug sich auch in der bürgerlichen Presse wieder. Bis dahin hatte die Bourgeoisie bezüglich der Bürgerkriegstaktiken der Tories große Zweifel. Nach den Riots arbeitsloser Jugendlicher in vielen britischen Städten wurde Thatcher als schlimmste Premierministerin seit Neville Chamberlain dargestellt. Heute müssen wir feststellen dass es noch nie einer besser vorbereitete Offensive der Bourgeoisie gegeben hat als die derzeit von der Konservativen Partei durchgeführte.“
(Der Bergarbeiterstreik und die Aufgaben der Kommunisten in Revolutionary Perspectives Nr. 22)
Die bürgerliche Presse hatte daran einen gehörigen Anteil. Als gegen Ende des Falklandkrieges ein Streik der Eisenbahner ausbrach erschien die Daily Mail (die sich schon 1938 dagegen aussprach „schmutzigen Juden“ Asyl zu geben) mit der Schlagzeile „Zerschlagt die ASLEF“. Alle Zeitungen druckten das Bild eines heimkehrenden Kriegsschiffes mit einem großen Transparent auf dem stand „ Beendet den Eisenbahnerstreik sonst gibt es einen Luftschlag“ (Call off the rail strike or we`ll call an air strike“). Eine Welle des Chauvinismus schwappte über Britannien.

Die meisten Vorbereitungsmaßnahmen der herrschenden Klassen waren bereits im Ridley Plan vorgesehen, aber einige gingen noch darüber hinaus. Die Polizei wurde militarisiert und stärker zentralisiert so dass größere Einheiten schnell in jeden Landesteil verlegt werden konnten. Taktiken die in Nordirland gelernt wurden kamen nun zur Anwendung. Viele der mit Kohle befeuerten Kraftwerke wurden nun umgebaut so dass sie zusätzlich auch mit Öl betrieben werden konnten. Den Arbeitern in der Energiebranche und der Polizei wurden kurz vor Ausbruch des Bergarbeiterstreiks saftige Lohnerhöhungen zugestanden. Der Transport von Kohle wurde von der „unsicheren Schiene (da Solidaritätsaktionen der Eisenbahnarbeiter befürchtet wurden) auf die Straße verlegt. Scheinselbstständige LKW-Fahrer und nicht gewerkschaftlich organisierte Arbeiter wurden angeheuert um die Transporte sicher zu stellen. Die einzige Provokation die es nach brauchte bestand darin Ian Macgregor der bereits die Stahlindustrie abgewickelt hatte zum Vorsitzenden von British Coal zu ernennen.
In Anbetracht dieser Vorbereitungsmaßnahmen der herrschenden Klasse begann sich die Situation der Bergarbeiter zusehends zu verschlechtern. Doch wiedereinmal ging der Angriff von angeblichen Freunden aus. Tony Benn war der Energieminister in beiden Labourregierungen. In seiner ersten Amtszeit 1964-70 hatte er in Übereinstimmung mit der Führung der NUM bereits 200 Gruben geschlossen. Während seiner zweiten Amtszeit führte er ein Besoldungssystem ein, welches für Bergarbeiter in modernen Gruben hohe Zuschläge vorsah während Arbeiter in weniger modernen Gruben leer ausgehen sollten. Die Bergarbeiter durchschauten diesen Spaltungsversuch und lehnten Benns Vorstoß in einer nationalen Urabstimmung a. Der Vorsitzende der NUM Joe (später Lord) Gormely führte dieses System aber Bezirk für Bezirk ein und unterminierte so die Einheit der Bergarbeiter. Während des Bergarbeiterstreiks traten die Bergarbeiter Bezirk für Bezirk in den Streik und wurden von der Presse dafür kritisiert dass keine nationale Urabstimmungen gegeben hätte. 1977 fiel dieser „Mangel an Demokratie“ bei Gormley`s Vorgehen natürlich keinem auf. Ebenso war Tony Benns Rolle als Minister vergessen als er während des Bergarbeiterstreiks mit Arthur Scargill gemeinsame Veranstaltungen abhielt. Gleichwohl war das Nichtabhalten einer nationalen Urabstimmung ein Propagandageschenk für die bürgerliche Presse. Es besteht auch kein Zweifel daran, dass dies mit dazu führte die Klassensolidarität zu untergraben. So wurde in den Gruben in Nottingham weitergearbeitete, weil dem Versprechen diese nicht schließen zu wollen, fälschlicherweise Glauben geschenkt wurde. Dadurch wurden die Reihen der Bergarbeiter empfindlich gespalten. Gewerkschaftsführer nutzen dies auch für die Propaganda zur Verteidigung ihrer Interessen. Bill Sirs (Chef der Stahlarbeitergewerkschaft ISTC) bedankte sich für die Solidarität die die Bergarbeiter den Stahlarbeitern 1979-80 entgegen gebracht hatten indem er jeden Aufruf zu Unterstützungsaktionen mit den Worten ablehnte: „Wir werden uns nicht auf einem fremden Altar opfern“. Wie bereits im Jahr 1926 gewährleisteten die Gewerkschaftsführer die Isolierung der Bergarbeiter.

Der Streik von 1984-5

Die Bergleute machten sich darüber keine Sorgen. Die Art und Weise wie sie die Regierung 1972, 1974 und wieder 1981 herausgefordert hatten, ließ sie in den Glauben dies auch in der Zukunft zu tun. Aber während all dieser früheren Ereignisse war die Arbeiterklasse noch nicht mit einer so massiven Arbeitslosigkeit bedroht, die sie nun konfrontierte. Für die Regierung war klar, dass eine Niederlage der Bergarbeiter die Tür zu Restrukturierung und Privatisierung der gesamten britischen Industrie aufstoßen würde. Es gab bescheidene Propagandaversuche revolutionärer Gruppen wie uns, die versuchten vor dieser Gefahr zu warnen. Aber in der Arbeiterklasse wurde die ganze Tragweite noch nicht klar erfasst.
Die Führung der NUM stimmte weiteren Grubenschließungen zu und weitere 50 000 Arbeitsplätze wurden zwischen 1979 und 1984 abgebaut. Die führte zwar zu Spannungen zwischen der NUM -Führung und der Basis aber die NUM war eine sehr föderalistisch strukturierte Gewerkschaft und viele Entscheidungen wurden auch auf unterer Ebene gefällt. Dies war auch einer der Gründe warum der Ausbruch des Streiks die NUM- Führung um Arthur Scargill total überraschte. Die Exekutive der NUM befürchtete dass die Regierung ein Manöver gegen sie versuchte und führte während des Winters 1983-4 eine viermonatige Dienst-Nach-Vorschrift- Kampagne durch. Dadurch konnten die Kohlevorräte zu einem bestimmten Grad reduziert werden. Als jedoch im Januar 1984 die Schließung von 15 weiteren Gruben angekündigt wurde, traten die Bergarbeiter von Cortonwood in einen spontanen wilden Streik. Ihnen schlossen sich bald 6000 weitere Bergleute in anderen Gruben an, was die Bezirksorganisation der NUM in Yorkshire schließlich zwang den Streik zu unterstützen.
Es gibt eine Reihe von Punkten über diesen Streik zu berichten. Als erstes ist zu sagen, dass es eine besonders bittere Episode des Klassenkampfes war. Wir haben schon gesehen wie sich die Bourgeoisie auf die Ereignisse vorbereitet hatte. Als Antwort darauf setzten die Bergarbeiter auf die althergebrachten Streikpostenketten um Streikbrecher abzuhalten. In den Bergarbeitergegenden war das nicht schwierig. Gleichwohl warf die föderalistische Struktur der NUM ein anderes Problem auf. In Nottinghamshire forderten die lokalen Gewerkschaftsführer (die eine lange Tradition der Kooperation mit den Bossen hatten) eine nationale Urabstimmung über den Streik. Dies wurde zu einem großen Thema und die Weigerung der nationalen NUM- Führung um Scargill eine solche Urabstimmung abzuhalten führte zur weiteren Isolierung der Bergarbeiter. Faktisch führte Scargill und die NUM-Führung die gleiche Politik seines rechtsgerichteten Vorgängers Joe Gomley fort, der nachdem er eine nationale Urabstimmung über einen Streikabbruch verloren hatte, jede Bezirksorganisation für sich abstimmen ließ. Auf alle Fälle war dies ein gefundenes Fressen für die bürgerliche Presse und die Führer der Bergarbeiter von Nottinghamshire spalteten sich von der NUM ab, um die „Democratic Union of Mineworkers“ zu gründen, die sich dafür aussprach weiterzuarbeiten. Die Gruben in Nottinghamshire waren produktiver und die Regierung versprach den dortigen Bergarbeitern dass sie ihre Jobs behalten würden. Ein falsches Versprechen wie sich später herausstellte (Heute gibt es in Nottinghamshire nur noch drei Bergwerke) Die Bergarbeiter verwendeten viel Energie darauf die Gruben in Nottinghamshire zu blockieren. Hier fanden die größten Streikpostenketten und die massivste Gewalt statt. Streikposten gab es jedoch überall. Wenn man damals zur Arbeit ging kam es einem angesichts der eingestürzten Mauern, ausgebrannten Autos und der Brickets die als Wurfgeschosse benutzt wurden und überall herumlagen, manchmal vor, als wenn man über ein Schlachtfeld gehe. Nicht alle Aktionen waren sonderlich intelligent. Ein Taxifahrer aus Süd Wales wurde getötet als drei Bergarbeiter einen Klotz von einer Autobahnbrücke durch seine Windschutzscheibe warfen. Es ist unnötig zu sagen dass dem Tod des Taxifahrers in den Medien ein Maximum an Aufmerksamkeit gewidmet wurde und die im Verlaufe des Streiks getöteten Streikposten keine Schlagseite wert waren.
Im Spätsommer 1984 gab es Anzeichen dafür, dass der Widerstand die Regierung ins Wanken brachte. Trotz aller Versuche der Polizei sie auf den Autobahnen zu stoppen war es den mobilen Streikposten gelungen 14 von 25 Gruben in Nottinhamshire, alle 5 Gruben in Lancashire und 8 von 9 Gruben in Derbyshire zu blockieren. Ich habe mehr als einen Bericht gelesen, dass Premierministerin Thatcher trotz ihrer in der Öffentlichkeit zur Schau getragenen Unnachgiebigkeit in Verhandlungen mit dem Kohleboss Ian MacGregor war, um einen Deal mit der NUM abzuschließen. Der Wendepunkt war zweifellos die Niederlage des Hafenarbeiterstreiks. Dieser begann am 9 Juli und wurde explizit von den Hafenarbeitern ausgelöst die den Bergarbeitern zu Hilfe kommen wollten, nachdem die Regierung und der Oberste Gerichtshof klar gemacht hatte, dass die Bergarbeiter für ihren Streik kriminalisiert und die NUM- Konferenzen illegalisiert werden sollten. Aber weder die NUM noch die TGWU machten keine ernsten Anstalten koordinierte Aktionen zu organisieren. Die TGWU-Führer stellten immer wieder klar, dass ihre Auseinandersetzung nichts mit den Bergarbeitern zu tun hätte. So ist es nicht überraschend, dass sie den Streik nach wenigen Tagen absagten. Ein zweiter Hafenarbeiterstreik brach im September aus, als den Hafenarbeitern klar wurde, dass sie die nächsten sein würden die auf Sozialhilfe angewiesen sein würden. Aber wieder einmal wurde er von der Gewerkschaftsführung abgebrochen. Ein drohender Streik der NACODS, der Gewerkschaft des technischen Sicherheitspersonals der Bergwerke, war eine ernste Gefahr für die Regierung da er alle Gruben stillgelegt hätte. Dies führte die Regierung dazu über ein Einlenken nachzudenken, aber auch die NACODS-Führung sagte den Streik gegen das leere Versprechen die Grubenschließungen noch einmal zu überdenken ab.
Um Weihnachten 1984 befanden sich noch 100 000 Bergarbeiter im Streik. Es wurde aber immer deutlicher, dass die Kombination aus Polizeirepression und gesetzlichen Beschränkungen es immer mehr Streikbrechern erlauben würde zur Arbeit zu kommen. Nach einem Jahr Streik beschlossen die Delegierten der NUM- Konferenz mit 98 zu 91 Stimmen die Arbeit wieder aufzunehmen.

Nach dem Streik

Der Bergarbeiterstreik war eine der bittersten Kapitel des Klassenkampfes in der Geschichte der britischen Arbeiterklasse. Die Niederlage der Bergarbeiter führte zur Niederlage der ganzen Klasse. In den folgenden Jahren hatten die Kapitalisten grünes Licht um die britischen Kapitalismus umzustrukturieren. Millionen gut bezahlter Industriejobs wurden vernichtet und durch weitaus schlechter bezahlte Jobs im Dienstleistungssektor ersetzt. In den Bergabeitergegenden setzte eine zunehmende Verelendung ein. Heute sind im Bergbau nur noch 6000 Menschen beschäftigt. Die Jugendarbeitslosigkeit von 70% führt zu wachsenden Drogenproblemen und viele dieser Gegenden gehören zu den ärmsten in der EU.
Der Streik hätte gewonnen werden können aber die Isolation in die sich die Bergarbeiter mit ihrem Slogan „Coal not Dole“ (Kohle keine Almosen) bewegt hatten und die einfach ignorierte dass 3 Millionen andere Arbeiter von Sozialhilfe leben mussten, sowie der Umstand dass die Bergarbeiter selber in jene die Grubenschließungen akzeptieren und jene die kämpfen wollten gespalten waren, stellte einen gemeinsamen Kampf vor große Schwierigkeiten. Die Gewerkschaften behinderten den Kampf zusätzlich, da ihre Funktionäre nur zu bereit waren zu verhandeln. Ursprünglich waren die Streikposten von der Basis organisiert worden und sehr effektiv aber nach zwei bis drei Monaten gelang es den Gewerkschaften wieder die Kontrolle zu übernehmen. Die Effektivität der Streikpostenketten ging zurück weil die Gewerkschaftsfunktionäre im legalen Rahmen verbleiben wollten, aber auch weil das Hauptquartier der NUM abgehört wurde und die Polizei über alle Schritte genaustes Bescheid wusste. Dies erklärt auch warum sie die Blockade der Kokerei von Orgreave aufheben konnten, indem sie 6000 Polizisten aus dem ganzen Land zusammenzogen.
Als wir damals versuchten die Isolationspolitik der Gewerkschaft gegenüber den Bergabeitern zu kritisieren, haben viele dies nicht verstanden und einige bezeichneten uns sogar als Streikbrecher weil wir ihre Führung kritisierten. Dies unterstreicht nur die ganze Tragödie. Während sie für und um ihre Branche kämpften, kämpfte der britische Staat für viel weitergehende und politischere Ziele. Die Art und Weise wie die alte Arbeiterbewegung (von den Stalinisten über die Labour Linke bist hin zu rechtsgerichteten Gewerkschaftsführern) in der Lage war, den Kampf auf einem ökonomischen Level zu halten, zeigte die Grenzen eines der militantesten Sektoren der Klasse auf. Der Streik setzte die Frage einer Gesellschaft der Arbeiter gegen die kapitalistische Produktionsweise auf die Tagesordnung, diese wurde aber nur von einer kleinen Minderheit artikuliert.
Die Niederlage der Bergarbeiter blieb nicht ohne Spuren. Innerhalb weniger Jahre wurde im restlichen Europa und den USA die Industrielandschaft grundlegend umstrukturiert. Produktionsanlagen wurden in Niedriglohnnländer transferiert und durch hohe Summen von Investitionskapital in den kapitalistischen Kernländern finanziert. Das wirkliche Geld wurde nicht mehr vorrangig in der Produktion sondern in der Spekulationsblase gemacht, die als Folge der Deregulierung des Finanzwesens in den 80er- und 90er-Jahren entstand. Weder die Niederschlagung der Bergarbeiter, noch die Inflation als Folge der Spekulationsblase löste die Krise des Kapitals. Sie ist immer noch im Gange. Allerdings muss sich eine sehr viel fragmentiertere Arbeiterklasse umgruppieren und neue Wege des Kampfes gegen die unvermeidlichen Angriffe finden, die der Kapitalismus in den nächsten Jahren fahren wird.