Buchbesprechung – Ante Ciliga: „Im Land der verwirrenden Lüge“

Die deutsche Ausgabe von Ante Ciligas »Im Land der verwirrenden Lügen« ist endlich wieder aufgelegt worden. Der erste Teil des Buches erschien 1938 in Frankreich mit dem Titel »Au pays du grand mensonge«. Ciliga beschreibt seine Erlebnisse und Beobachtungen von 1926 bis 1933 in Moskau, Leningrad und Werchne-Uralsk. Seinen Weg vom kommunistischen Kader und Ausbilder, zur trotzkistischen Oppositon, von dort in den Knast und ins Lager. Im Lager nahm er aktiv an den Debatten und Aktionen der weit aufgefächerten kommunistischen Oppositon teil. Dieses Buch schlug hohe Wellen in der anti-stalinistischen Linken.
Ante Ciliga begann seine Politisierung 1918 in der kroatischen sozialdemokratischen Partei, in der er 1919 bereits einen linken Flügel bildete, um sich noch im selben Jahr – nach Beteiligung an der ungarischen Revolution – der frischen jugoslawischen KP anzuschliessen. Für seine weitere Biografie sei an das ausführliche Nachwort von Stephen Schwartz (erschienen u. a. in Revolutionary History) und Philippe Bourrinets Text »Nationalistische Barbarei oder Weltrevolution? – Ante Ciliga (1898-1992) – Lebensweg eines Kommunisten aus Kroatien« (erschienen im Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit Nr. 13) verwiesen.
Sein Buch legt Zeugnis ab über die Debatten der rechten und linken Bolschewisten-Leninisten (wie sich die Trotzkisten nannten), Dezisten (Demokratische Zentralisten) und Anhängern der Arbeitergruppe (siehe Artikel zur russischen Linken in dieser SoB). Gerade um die Frage des Charakters des Staates, der diese Oppositionellen in Knast und Lager hielt, wurde immer wieder heftigst gestritten. Ciliga selbst trennte sich 1932 im Lager von Trotzkis Analyse des degenerierten Arbeiterstaates und schloss sich den Positionen der linken Kommunisten an, die Russland als staatskapitalistisch bezeichneten. Dieser Bruch wurde in Frankreich erneuert und endgültig vollzogen. Veröffentlichte Trotzkis Bulletin im Februar 1936 noch den Artikel »staatliche Repression in der UdSSR«von Ciliga, stand er einige Monate später für Trotzki auf der anderen Seite der Barrikade.
Neben der in der deutschen Ausgabe leider gekürzten Dokumentation dieser politischen Entwicklung (während die englische Ausgabe 573 Seiten umfasst, kommt die deutsche nur auf knappe 300), zeigt sich auch die Fähigkeit von Ante Ciliga die Klassenrealität von unten genau zu beschreiben. Diese eindrucksvollen Skizzen setzen sich im 2. Teil des Buches (1941 in Frankreich unter dem Titel »Sibérie, terre d‘exil et de l‘industrialisation« erschienen) fort.
Die heutige Lektüre ist immer noch anregend, um sich ein weiteres Puzzlestück der Geschichte (wieder) anzueignen. Die Debatte der kommunistischen Linken war 1938 auch unter den schwierigsten Bedingungen von Stalinismus, Faschismus und aufziehendem Weltgemetzel noch eine internationale. So vollzog die (österreichische) Gruppe RKD (Revolutionäre Kommunisten Deutschlands) nach ausgiebiger Diskussion (nach Lektüre des Buches) den Bruch mit dem Trotzkismus und war in der Lage im besetzten Frankreich eine Propaganda für den revolutionären Defätismus zu entwickeln.
Die Herausgeber sind für den fairen Preis von 12 Euro zu loben und dem Buch ist eine weite Verbreitung zu wünschen, so dass ähnliche Projekte ermöglicht werden können. Die massenhaften Zeichenfehler der digitalen Übertragung sind dann hoffentlich zu korrigieren. Das Buch bekommt ihr im Buchladen, bei der SoB oder bei: http://www.diebuchmacherei.de (g)