Von der „Arbeiteraristrokratie“ zur Prekarisierung – Imperialismus und Klassenzusammensetzung

(Aus Prometeo Nr.14 Zeitschrift der PC Internazionalista – Battaglia Comunista)

In den letzten drei Jahrzehnten haben sich die Arbeits- und Lebensbedingungen des internationalen Proletariats katastrophal verschlechtert. In vielen Teilen der Welt hat die kapitalistische Ausbeutung Ausmaße angenommen, dass im Vergleich dazu die Sklaverei in der Antike geradezu wie ein Paradies auf Erden erscheint. Um vollständig die wirtschaftlichen Entwicklung zu verstehen, welche zum Wiedererscheinen solcher Formen der absoluten Armut (wo hunderttausende Menschen täglich gegen den Hungertod kämpfen…) geführt hat, ist es notwendig, die modernen Formen der imperialistischen Herrschaft zu untersuchen. Diese haben zu einer Aneignung eines wachsenden Teils des Mehrwerts durch eine außerordentliche Zunahme von fiktivem Kapital geführt. Der Imperialismus ist nicht unveränderlich. (…) Vielmehr modifiziert der Imperialismus kontinuierlich seine Methoden, um sich den durch das internationale Proletariat erzeugten Mehrwert einzuverleiben.
Wir wären schlechte historische MaterialistInnen, wenn wir nicht an den Kern des dynamischen Charakters des Imperialismus (den Lenin als die höchste Phase des Kapitalismus definierte) vordringen würden und wenn wir nicht die Fähigkeit des Imperialismus erkennen würden, sich an die verändernden Bedingungen anzupassen, in denen sich die strukturellen Widersprüche der Kapital-Lohnarbeit-Beziehung offenbaren. Diese Entwicklungen haben zwangsläufig auch Auswirkungen auf den Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Die Passivität des Proletariats auf internationaler Ebene hat es dem Imperialismus erlaubt, all seine Instrumente für die ungestörte Aufrechterhaltung des Akkumulationsprozesses zu verfeinern, – was im Gegenzug zur Verarmung der großen Mehrheit der Menschheit geführt hat.
Wir wollen im Folgenden die Auswirkungen skizzieren, die diese neuen Aspekte des Imperialismus auf die Zusammensetzung des internationalen Proletariats gehabt haben und ebenso die Schwierigkeit der ArbeiterInnen sich als Teil einer Klasse zu begreifen hervorheben. Seit den Zeiten Lenins hat sich der Imperialismus grundlegend verändert. Es ist daher von zentraler Wichtigkeit, die gegenwärtigen Aspekte des Imperialismus und deren Konsequenzen für die Zusammensetzung der Klasse auf Weltniveau zu analysieren. Das ist ein schwieriger Versuch, da sich gegenwärtig das Proletariat nicht einmal als Klasse wahrnimmt. All dies zwingt uns jeden Aspekt der gesellschaftlichen Auswirkungen der Art und Weise, wie sich der gegenwärtige Imperialismus darstellt, zu analysieren und zu verstehen.

Lenin: Imperialismus und “Arbeiteraristokratie“

In seiner während des Ersten Weltkrieges verfassten Schrift „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ versuchte Lenin die neuen Merkmale kapitalistischen Produktionsweise und deren Auswirkungen auf die Zusammensetzung des Proletariats und die politischen Konsequenzen auf den Klassenkampf zu verstehen.
Für Lenin stellte das wichtigste wirtschaftliche Merkmal des Imperialismus die Durchsetzung des Monopols dar. Die vorherige Wirtschaftsstruktur des Kapitalismus basierte auf (weitgehend) freiem Wettbewerb. Dieser Laissez Fair-Kapitalismus (wenn er in dieser Form überhaupt jemals rein existiert hat) wandelte sich zunehmend und führte zu wachsender Monopolkonzentration. Eines der besonderen Merkmale dieser großen Monopolbündelungen ist die Breite ihrer wirtschaftlichen Interessensverflechtungen, sowohl im Banken- als auch im Industriesektor. Und tatsächlich bestimmen diese Monopolinteressen die internationale Politik. Mit dem Imperialismus hat der Prozess der Konzentration und Zentralisation des Kapitals und damit des Reichtums ein solch beispielloses Ausmaß angenommen, dass es dadurch zu einer Änderung im Preisbildungsprozess und somit in der Profitrate selbst kam. Lenin war sich völlig der neuen wirtschaftlichen Gegebenheit bewusst, dass dank dem Monopol die Kapitalisten einen Extra-Profit erzielen können, welcher ausschließlich aus den Einnahmen herrührt, die sie aufgrund ihrer Marktposition (Monopol) erhalten. Ein Aspekt des Imperialismus zu Zeiten Lenins war die Kapazität der großen Monopole, eine höhere Profitrate zu erzielen als in einer „freien“ Marktwirtschaft. Die aus der Vorherrschaft der Monopole erzielten Extra-Profite erlaubten den Prozess der Kapitalakkumulation aufrecht zu erhalten und zu stabilisieren. So wurden die notwendigen Voraussetzungen für die beschleunigte Bildung von überschüssigem Kapital, das nur Verwendung auf den internationalen Märkten finden konnte, geschaffen. Wenn sich auf dem Binnenmarkt keine einträgliche Tätigkeit für ihr Kapital finden ließ, exportierten die großen Monopole ihr Kapital ins Ausland. So wurde ein erbitterter Kampf zwischen diesen großen Wirtschafts- und Finanzkonglomeraten um die Kontrolle der Gebiete für den Kapitalexport entfesselt. Vor diesem Hintergrund wurde der internationale Konflikt, der im Jahr 1914 ausbrach, von Lenin als ein imperialistischer Krieg der Großmächte um die Kontrolle der Märkte für den Export von überschüssigem Kapital definiert.
Im Hinblick auf die wissenschaftlichen Analysen der neuen Formen, die das Kapital zu Beginn des 20. Jahrhunderts angenommen hat, war die Analyse Lenins nicht vollkommen neu. Vor Lenin war der Imperialismus von vielen anderen ÖkonomInnen, im besonderem Maße vom Engländer Hobson und dem deutsche Sozialdemokraten Hilferding, untersucht worden. Lenins neuer Beitrag bestand in der Erkenntnis aller Aspekte, die den Beginn des Niedergangs der kapitalistischen Produktionsweise einleiteten. Mit dem Imperialismus begann die Phase, in dem der Prozess der Kapitalakkumulation auch von Faktoren außerhalb der eigentlichen Produktionssphäre aufrechterhalten wurde. Die dank der Monopolstellung erzielten Extra-Profite stellten die ersten Anzeichen der Dekadenz der bürgerlichen Gesellschaftsformation dar.
Diese Extra-Profite (der so genannt werden, weil sie außerhalb des Profits, den die Kapitalisten aus den ArbeiterInnen im eigenen Land herauspressen, erzielt wird) wurden (…) zu einem sehr kleinen Teil von der Bourgeoisie genutzt, um bestimmten Sektoren der ArbeiterInnenklasse Zugeständnisse zu machen. Dies führte zu einer veränderten Klassenzusammensetzung und der Herausbildung einer sog „Arbeiteraristrokratie“. Lenin identifizierte die Herausbildung dieser „Arbeiteraristrokratie“ als eines der Instrumente, mit denen die Bourgeoisie versuchte, die Einheit des Proletariats zu brechen, indem sie die ArbeiterInnenklasse auf ideologischer Ebene korrumpierte und sie für ihre Interessen im Ersten Weltkrieg einspannte ( Mobilisierung des Proletariats für den imperialistischen Krieg unter der Parole der Vaterlandsverteidigung). Durch die Verteilung der Krümel der Extraprofite an das Proletariat blieb die ArbeiterInnenklasse in vielerlei Hinsicht in den Fesseln der reformistischen Politik der Zweiten Internationale gefangen. Auf der anderen Seite stellte Lenin die Frage, wie der Mechanismus zu verstehen sei, der es der Bourgeoisie ermöglichte, das europäische Proletariats für den Ersten Weltkrieg zu mobilisieren; während sich doch gleichzeitig die Widersprüche im Reproduktionsprozess dermaßen anhäuften und zuspitzten. Durch die Herausbildung einer „Arbeiteraristrokratie“ eröffnete der Imperialismus somit Spielräume für reformistische Politik, indem er die ArbeiterInnen mit dem Versprechen der ständigen Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen in die Irre führte. Bezüglich der „Arbeiteraristrokratie“ kam Lenin zu folgenden höhnischen Urteil:
„Diese Schicht der verbürgerten Arbeiter oder der „Arbeiteraristokratie“, in ihrer Lebensweise, in ihrer Lebensweise, nach ihrem Einkommen, durch ihre ganze Weltanschauung vollkommen verspießert, ist die Hauptstütze der II. Internationale und in unseren Tagen die soziale (nicht militärische) Hauptstütze der Bourgeoisie. Denn sie sind wirkliche Agenten der Bourgeoisie innerhalb der Arbeiterbewegung, Arbeiterkommis der Kapitalistenklasse (labor lieutenants of the capitalist class), wirkliche Schrittmacher des Reformismus und Chauvinismus. Im Bürgerkrieg zwischen Proletariat und Bourgeoisie stellen sie sich in nicht geringer Zahl unweigerlich auf die Seite der Bourgeoisie, auf die Seite der „Versailler“ gegen die „Kommunarden“. (Lenin: Vorwort zu:“ Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ )
Einerseits signalisiert der Imperialismus den Beginn der dekadenten Phase des bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftssysstems und setzte eine Reihe von Ausbeutungsmechanismen in Kraft, die typisch für eine Gesellschaft im Niedergang sind. Andererseits haben es seit einigen Jahrzehnten die gleichen Mechanismen der Bourgeoisie erlaubt, einen Teil dieser aus den Extraprofiten herrührenden Geldmittel an bestimmte Teile der ArbeiterInnenklasse in den zentralen Bereichen des Weltkapitalismus weiterzuleiten. Für alle, die es gewohnt sind, die Wirklichkeit durch die verzerrte Linse des Idealismus oder aus der Sicht des alten mechanischen Materialismus zu betrachten, scheinen Dekadenz und ArbeiterInnenaristokratie zwei unvereinbare Phänomene zu sein, weil Dekadenz nicht vorhanden sein kann, solange sich die Bedingungen für einen erheblichen Teil der ArbeiterInnenklasse verbessern. Oberflächlich betrachtet scheint hier ein Paradoxon vorzuliegen, aber eine korrekte Anwendung des Marxismus ermöglicht es uns zu verstehen, dass verbesserte Arbeits- und Lebensbedingungen für Teile der ArbeiterInnenklasse, (der sog. Arbeiteraristrokratie), vollkommen kompatibel sind mit der Aneignung von Mehrwert und damit der Dekadenz der bürgerlichen Gesellschaft.

Imperialismus und wachsende Unsicherheit

Der wirtschaftliche Mechanismus, der die Existenz der “ArbeiterInnenaristokratie“ in den fortgeschrittenen Gebieten des Kapitalismus gestützt hatte, funktionierte weitestgehend bis zum Beginn der 70er des 20en Jahrhunderts. Seit dem Zweiten Weltkrieg wurde mindestens drei Jahrzehnte lang ein winziger Teil der von den großen europäischen Monopolgruppen erzielten Extraprofite in höhere Löhne umgesetzt, wofür es im Gegenzug umfassenden ( von den Gewerkschaften garantierten) soziale Frieden gab. Die industrielle Produktion im großen Maßstab erforderte die Lenkung des gesamten Produktionszyklus und in diesem Zusammenhang war es für das Kapital sinnvoll eine stabile Beziehung zur Arbeitskraft zu wahren. Die Wirtschaftskrise der frühen siebziger Jahre des 20en Jahrhunderts- Folge der durch die zunehmende organische Zusammensetzung des Kapitals verursachten fallenden Profitrate – veränderte jedoch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen grundlegend. Im Kontext der Krise setzten sich neue Mechanismen der Mehrwertaneignung durch, die letztendlich Klassenzusammensetzung nachhaltig änderten. Der moderne Imperialismus hat seine Struktur radikal weiterentwickelt. Er breitet seine Krallen überall auf dem Planeten aus. Zu Beginn des 20en Jahrhunderts beherrschte das kapitalistische Wirtschaftssystem zwar schon den Planeten; doch es existierten damals noch große Gebiete, in denen vorkapitalistische Verhältnisse bestehen blieben. Im Wesentlichen ist es dem Kapital in der ersten Phase des Imperialismus gelungen, die gesamte Erde zu erfassen. Gleichzeitig waren jedoch weite Teile Afrikas und Asiens von vorkapitalistischen Produktionsweisen geprägt. Der Kapitalexport öffnete zwar den Weg zur Internationalisierung des Proletariats, aber dieser Prozess dauerte mehrere Jahrzehnte und verlief nicht so, wie Lenin es sich vorgestellt hatte. Während in früheren Stadien des Imperialismus die kapitalistische Entwicklung bessere Bedingungen für das Proletariat im Zentrum des Systems mit sich brachte, verlief die Entwicklung in den Ländern der kapitalistischen Peripherie anders. Der Kapitalismus hat endgültig die alte Produktionsweise zerstört. Vorkapitalistische Gebiete existieren nicht mehr- nicht einmal mehr diejenigen, die den Interessen des Kapitals dienlich wären. Der gesamte Planet wird von der kapitalistischen Produktionsweise beherrscht. Der bei weitem größte Teil des Proletariats in den peripheren Ländern lebt unter schrecklichen Bedingungen. Die weltweite Zerstörung der alten bäuerlichen wirtschaftlichen Infrastruktur hat einen Ansturm von Menschen, die versuchen dem Hunger zu entkommen, auf die Ballungszentren ausgelöst. Dadurch wurde eine beispielslose Proletarisierung von Hunderttausenden Menschen forciert.
Ferner wurden durch die Wirtschaftskrise die Mechanismen für die Aneignung von Mehrwert durch die Produktion von fiktivem Kapital verfeinert. Der Zusammenbruch von Bretton Woods, die Deregulierung der Kapitalmärkte, die Entstehung neuer, höchst spekulativer Märkte- all dies sind Schritte, die einen radikalen Wandel in der Gestalt der imperialistischen Herrschaft eingeläutet haben. Marxens Modell der kapitalistischen Reproduktion (G-W-G`) nachdem sich Kapital in Form von Geld in industrielles Kapital verwandelt und dann durch den Verkauf der Waren in eine höhere Summe Geld umgewandelt wird, findet sein Ergänzung in der Formel G-G`: Das Kapital in Form von Geld verwandelt sich also nicht zuerst in industrielles Kapital, sondern lässt die Stufe der Produktion aus. Die vorherrschende Art der Aneignung von Mehrwert findet heute durch fiktives Kapital (oder vielmehr durch Kapitalmittel, die nicht direkt in die Produktion eintreten) statt. Lenin definierte Imperialismus als die Phase des Monopolkapitalismus, in welcher das Finanzkapital, in anderen Worten Bankkapital, das in der Form von Geld in die Produktionsphäre investiert wird, vorherrscht. Heute jedoch zwingt uns die Realität diese Definition zu aktualisieren und den Begriff des Finanzkapitals durch den geeigneteren des fiktiven Kapitals zu ersetzen. Bis in die 70er Jahre funktionierten die Mechanismen der Mehrwertaneignung weitgehend so wie Lenin sie beschrieben hatte. Allerdings nahm Anfang der achtziger Jahre die Bedeutung des fiktiven Kapitals mehr und mehr zu. Fiktives Kapital trägt in keinster Weise zur Herstellung auch nur eines Funken Mehrwerts bei, da es niemals direkt in die reale Warenproduktion eintritt. Als Ausdruck des enormen Ausmaßes, den der Prozess der Konzentration und Zentralisation des Vermögens erreicht hat, strömen immer größere Kapitalmengen auf die internationalen Märkte und suchen nach profitablen Anlagemöglichkeiten. Fiktives Kapital kann sich jedoch nur dadurch profitabel verwerten, weil irgendwo auf der Erde reale ProletarierInnen produzieren und damit Mehrwert erzeugen. Die Profite des fiktiven Kapitals basieren also immer auf dem realen Mehrwert, den die ArbeiterInnen irgendwo produzieren.
In sozialer Hinsicht hat die grassierende Finanzspekulation weltweit große Verwüstungen angerichtet. Die neuen Formen der imperialistischen Herrschaft verschärfen unaufhaltsam die Ausbeutung der Arbeitskraft, da eine ständig wachsende Kapitalmenge nicht direkt in die Produktion von Waren eintritt und gleichzeitig doch Profit fordert. Wir erleben heute ein exponentielles Wachstum spekulativer Aktivitäten und eine steigende Ausbeutung des Proletariats. In den zentralen kapitalistischen Ländern nimmt die Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse immer mehr zu, während in den Ländern der Peripherie immer mehr Menschen verarmen. In einem Zeitraum von wenigen Jahrzehnten sind die industriellen Kernsektoren der Arbeiterklasse durch die Zunahme von schlecht bezahlten und unsicheren Arbeitsverhältnissen grundlegend geschliffen worden. Dies wurde maßgeblich durch die Schaffung eines einheitlichen globalen „Arbeitskräftemarktes“ ermöglicht, ein Prozess, der im 19. Jahrhundert begann und erst vor kurzem abgeschlossen wurde. Diese Vereinheitlichung des Arbeitsmarktes hat einen enormen Druck hin zu niedrigeren Löhnen und immer prekärer werdenden Beschäftigungsverhältnissen erzeugt. Die Arbeits – und Ausbeutungsstrukturen haben sich grundlegend verändert. Das Fließband, wo früher Tausende Seite an Seite arbeiteten, existiert in den kapitalistischen Zentren weitgehend nicht mehr. Ebenso hat sich auch das Verhältnis zwischen Kapital und Lohnarbeit im Vergleich zu der Situation die bis zum Ende der 70er Jahre existierte verändert. Den Interessen des Kapitals folgend geht der Trend unbestreitbar in Richtung hoch flexibler und damit prekärer Arbeitsverhältnisse.

Schlussfolgerungen

In den kapitalistischen Zentren sind immer breitere Teile des Proletariats immer größerer Existenz-Unsicherheit ausgesetzt. Doch in der Peripherie leben hunderttausende ProletarierInnen in noch viel extremerer Armut, was die Herausbildung einer globalen Klassenidentität erschwert. Es existieren neue Formen imperialistischer Herrschaft, die einen tiefen und bestimmenden Einfluss auf die Zusammensetzung des internationalen Proletariats haben. Das außergewöhnliche und wachsende Wuchern der Finanzspekulation, das Anwachsen von fiktivem Kapital führt dazu, dass in den fortgeschrittenen kapitalistischen Gebieten die industrielle Arbeiterklasse zugunsten des tertiären Sektors schwindet. Dies hat die Bedingungen für die Entwicklung von Klassenbewusstsein grundlegend verändert.
In der Peripherie hat das Wuchern des fiktiven Kapitals die totale Zerstörung der alten wirtschaftlichen Strukturen besiegelt. In diesem Prozess werden Hunderttausende von Menschen proletarisiert. Davon zeugt nicht zuletzt die Landflucht der ProletarierInnen, in die Städte, wo sie gezwungen sind jede Arbeit anzunehmen um zu überleben.
Heute sind die Möglichkeiten und Spielräume für reformistische Politik definitiv nicht mehr gegeben. Reformen die die Lebenssituation der ArbeiterInnen nachhaltig verbessern gehören der Vergangenheit an. Das Kapital kann keine Spielräume mehr zugestehen. Um seinen unersättlichen Hunger nach Profiten zu stillen ist es gezwungen Angriff um Angriff auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Klasse durchzuführen. Angesichts des Ausmaßes der kapitalistischen Angriffe hat das Proletariat bisher auf diese Angriffe unzureichend geantwortet: Den kapitalistischen Angriffen setzt die ArbeiterInnenklasse bisher kaum Widerstand entgegen, der Klassenkampf spielt sich auf niedrigen Niveau ab. Die Gründe dafür liegen in der veränderten Klassenzusammensetzung die der moderne Imperialismus hervorgerufen hat und die die Herausbildung einer Klassenidentität erschweren. Auch wenn das Proletariat in den letzten Jahrzehnten zahlreicher geworden ist und sich auf alle Teile der Welt verteilt hat; so ist es doch gleichzeitig zersplittert und nimmt sich selbst als soziale Klasse mit bestimmter Position in der kapitalistischen Gesellschaft kaum wahr. In den letzten Jahren hat die Bourgeoisie die Sektoren in denen sich Klassenbewusstsein am besten entwickeln könnte abgeräumt. Sie hat soziale Räume und Fabriken zerstört und sogar proletarische Stadtviertel wurden abgerissen, um Platz für neue Finanztempel zu schaffen. Hinzu kommt noch die ideologische Fessel und ideologische Umklammerung durch die Bourgeoisie, welche die Entwicklung eines proletarischen Klassenbewusstseins zusätzlich erschwert.
Die sporadischen Episoden des proletarischen Klassenkampfes in den letzten Jahren können uns helfen, einige abschließende kurze Erwägungen über die gegenwärtige Periode der imperialistischen Herrschaft aufzustellen. Heute ist es aufgrund der außerordentlichen ideologischen Herrschaft des Kapitals und den veränderten Bedingungen, in denen sich das Proletariat wiederfindet, mehr als zuvor notwendig auf den Aufbau der internationalen Partei des Proletariats hinzuarbeiten. Die veränderten Lebensbedingungen des Proletariats erfordern einen Klassenkampf, der sich nicht nur auf wirtschaftliche Forderungen beschränkt, sondern politische Formen annehmen muss. Die Tatsache dass es in dieser Epoche keine Spielräume für reformistische Politik mehr gibt, erhöht das Potenzial für Kämpfe die eine unmittelbare politische Stoßrichtung annehmen. Aber ohne die Existenz einer verankerten internationalen und internationalistischen Partei besteht die Gefahr dass dieses Potenzial verpufft, und dass alle Kämpfe, sogar die radikalsten von vornherein zu Niederlage verdammt sind, was dem Kapital die Möglichkeit ergeben würde, die Welt weiter ins Elend zu stürzen und gleichzeitig weitere Kriege vorzubereiten.