Nachruf auf Peter Paul Zahl

Am 24. Januar 2011 starb der Schriftsteller Peter Paul Zahl nach langer schwerer Krankheit mit 66 Jahren in Port Antonio auf Jamaika. Die Anzahl der Nachrufe innerhalb der Linken ist begrenzt und abgesehen von ein paar anarchistischen Gruppen auf das bürgerliche Feuilleton von FAZ bis taz beschränkt. Es hat seinen Grund. Dabei ist es nicht so, dass es nichts für uns von ihm zu lernen gäbe.
Seit 1986 lebte Peter Paul Zahl in seiner Wunschheimat Jamaica und pendelte immer wieder zwischen Ratingen und seinem Wohnsitz auf Jamaica, in Long Bay. In den letzten Jahren schrieb er unter anderem an einer Reihe Krimis über Jamaica, so 1994 „Der schöne Mann“ und „Nichts wie weg“; 1995 erschien „Teufelsdroge Cannabis“ und ein Jahr später „Lauf um dein Leben“. Weitere 10 Bücher zur Würdigung aller 14 Rayons auf Jamaica hatte Zahl geplant. In den Krimis schildert Peter Paul Zahl die Einflussnahme der Drogenmafia und was dies für den Alltag auf Jamaica bedeutet; in „Lauf um dein Leben“ zeigt er den Menschenhandel mit Sportlerinnen und ihre Verwandlung in laufende mit Präparaten vollgestopfte Lauf“maschinen“. Nicht per Zufall suchte sich Zahl nicht die bundesdeutsche verbliebene Restlinke als Lebensmittelpunkt.
Als Peter Paul Zahl 1981/82 nach Jahren der Einknastung, davon langer Zeit in Einzelhaft, wegen eines Schusswechsels mit der Polizei, wieder heraus kam, hatte sich der bundesdeutsche Alltag nicht zuletzt durch den Deutschen Herbst und die Unfähigkeit und Arroganz der Mehrheitslinken verändert. Von der „sogenannten Studentenbewegung, die nie eine war“ sondern „eine von Jungarbeitern, Studenten, Lehrlingen, Schülern“ war nicht mehr viel übrig geblieben. Hatten sich die einen in DKP und K-Gruppen verrannt, so waren aus wieder anderen Teilen der undogmatischen Linken die einstmals spontan handeln konnten, Spontis und später Autonome geworden.
Kritik und Selbstkritik waren für Peter Paul Zahl immer notwendiger Bestandteil revolutionärer Praxis: 1977 schrieb er: „Wir mussten in den zehn Jahren seit dem 2. Juni 1967 lernen:
- dass ultrarevolutionäre Phraseologie ein Charakteristikum unbedeutender Sekten ist; – dass der „linke Idealismus“, der die Geschichte noch einmal von vorne beginnen lassen möchte und ihre Kontinuität leugnet, ein Indiz für organisatorische und ideologische Schwäche ist; – dass eine unflexible Taktik häufig ein Beweis für das Fehlen einer allgemeinen Strategie ist (Debray); – dass wir nicht dort anfangen konnten, wo die KPD mit Thälmann gescheitert war; – dass die Ungleichheit von Prozessen nicht nur Voraussetzung – und Produkt des vom Imperialismus geschaffenen Weltmarktes ist, sondern auch, dass diese Ungleichzeitigkeit in und zwischen und uns herrscht; – dass nichts auf immer verloren ist (Victor Serge)“
„Wir lernten uns nicht abzufinden, sensibler, mithin anfälliger zu werden; – dass wir einen Leib hatten; – dass die Spaltung und Isolierung der Gattung Mensch bis tief in unser eigenes Inneres reicht; – dass wir alte Bedürfnisse neu zu erwecken, künstliche mühselig abzubauen hatten; – dass wir die Robinsons von den Freitags zu lernen haben, von unseren vietnamesischen, angolanischen, kubanischen, indianischen, afroamerikanischen Schwestern und Brüdern; – das Lernprozesse Bewusstsein und Bewusstsein Freude schaffen können; – dass wir um zu siegen, sterben können müssen, um sterben zu können, das Leben lieben müssen“ (Korovessis).
Bei mancher Beliebigkeit, so unter anderem in seiner kritischen Solidarität zu Grenada und Nicaragua, war Peter Paul Zahls Internationalismus und ein klarer Klassenbezug auf die Klasse derer, die ihr Leben mit oder ohne Lohnarbeit fristen nie grundlegend in Frage gestellt, sondern stets konkret – im Unterschied auch gerade zur heutigen Mehrheit der nominalen Restlinken in Deutschland: „Die von Numerus clausus, Berufsverbot, Hochschulrahmengesetz, Maulkorbgesetz, grandioser Perfektionierung der Unterdrückungsmaschinerie gelähmte, entsetzlich schnell gealterte Neue Linke hockt hinter den Schreibtischen und baut ihre Popanze auf, setzt auf Mythen: „das“ Proletariat – das wahlweise aus Facharbeiterschaft oder mobilem Massenarbeiter besteht – , „die revolutionären Portugiesen“ oder gar „den“ Lumpen. „Der…das…den“ gibt es nicht, gab es nie. Klassen konstituieren sich im Kampf. In einem Marxismus, der wieder zur Theologie degenerierte, wird Klassendenken entweder zum Wunschdenken oder zum platten Objektivismus.“
Lange bevor Gestalten wie Horst Mahler ins nationale Lager wechselten oder scheinbar unabhängige Grüne wie Ströbele Idole und Klammeraffen (ohne ihn zum Zentristen verklären zu wollen) der Antifa wurden oder sich wie Schily vom RAF-Anwalt zum Innenminister aufschwangen – ohne sich geändert zu haben, zerlegte Zahl ihren schönen Schein:
„Herr Mahler begann seine Karriere bei einer schlagenden Verbindung, zu wieviel Prozent er ihre hehren Ideale vertrat, ist nicht mehr auszumachen. Herr Mahler schweigt sich da aus. Daraufhin wurde er Mitglied des Ring Christlich Demokratischer Studenten; auch hier ist unbekannt, wie christlich und demokratisch sich Herr Mahler zu geben pflegte. […]Herr Mahler bedurfte der Dressur , der Ausrichtung, der Sicherheit und Ordnung, griff zu Lenin und Mao, wurde begeisterter Marxist-Leninist; hier befand er sich auf festem Boden, hier ersetzte wie in der Theologie das richtige Zitat eigenes Denken und Fühlen.“ Über den Marxismus-Leninsmus ging es zur RAF hinüber zur KPD (AO), „selbstverständlich unter den […]bewährten Sturmspitzen der Rrrrevolution, Semmler & Horlemann, alias Thälmann jr. und Enver Hoxha II.! Herr Mahler war KPD (AO) Mitglied geworden, und wieder einmal 150 %, wo 100% doch gereicht hätten…“
In einem offenen Brief an Hans-Christian Ströbele zur Stellung und Bedeutung der Soligruppen mit den politischen Gefangenen kritisiert er 1977 diesen für seinen Abstraktismus: „Es mangelt in der Linken an Konzeption in Bezug auf ihre Gefangenen. Es mangelt an allem möglichen.[…] Und da, Ströbele, kritisierst Du noch die wenigen, die auf dem richtigen Weg sind, die verbindlich arbeiten[…]nicht indem wir die wenigen positiven Ansätze liquidieren, [… ] Aber, um Himmels willen, quatscht nicht, tut was. Dann brauchen wir alle keine Reden und Aufsätze, die mit völlig wirkungslosen und hilflosen Ausrufe- und Befehlszeichen enden.“
In vielen seiner Schriften geißelte Peter Paul Zahl falschen Feminismus, ahistorisches falsches und fehlendes Bewusstsein oder auch Verklärungen und Mythenbildung in der Neuen Linken. Vor allem war Peter Paul Zahl eins: Schriftsteller auf der Seite der Unterdrückten in den Metropolen wie im Trikont. Nicht jede seiner Positionen mag aus heutiger Sicht nachvollziehbar sein, aber an einer Positionierung gegen staatsfixierte Linke, Stalinisten oder scheinbare Reformisten wie der heutigen Linkspartei oder SPD (oder Grüne) ließ er keinen Zweifel. Nicht theoretisch:
„Die Forderung nach „der politischen Macht des Räte-Typus in der Wirtschaft“, nach „Arbeiterselbstverwaltung, Freiheit der Verbandsgründung, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Demonstrationsfreiheit für alle Tendenzen, alle Strömungen der internationalen kommunistischen Bewegung stellen eine konkrete Gefahr für Staats- und Bürokratencliquen überall auf der Welt dar. Diese Forderungen, ja noch mehr die Bemühungen um ihre Durchsetzung zeichnen die wieder aufgenommenen Klassenkämpfe in allen kapitalistischen und manchen staatskapitalistischen Ländern aus. Der Ruf “Alle Macht den Räten“ und die Organisierung der Klassenkämpfe unter diesem Motto durch die arbeitenden Massen selbst, ohne selbst ernannte Avantgarden, Parteien und Sekten marxistisch-leninistischer Prägung – sind Zeichen für das Ende der Entmündigung des Proletariats.“
Als es durch den Deutschen Herbst grau und ungemütlich wurde durch die herrschende Repression blieb Peter Paul ein solidarischer Linker, auch in Hinblick auf die Bewegung 2. Juni, die RAF wie andere Teile der zerbröckelnden Linken. Trotz aller Schwierigkeiten und Repression und Knasterfahrung von 1974 bis 1982 blieb Peter Paul Zahl stets solidarisch zur Linken trotz aller gerechtfertigen Vorbehalte.
Wer mehr vom Selbstverständnis Peter Paul Zahls begreifen möchte, schaue beispielsweise in „Schutzimpfung“ (1975), „Aber nein, sagte Bakunin und lachte laut“ (1983) oder seine mehr theoretischen praktisch politischen Schriften wie „Waffe der Kritik“ (1976) oder „Die Stille und das Grelle“ (1981). 2006 bei einer Lesung in Ratingen sagte Peter Paul Zahl –nicht zufällig – angesichts der Selbstzufriedenheit der Deutschen Gesellschaft wie der Linken „Ich hoffe ich störe“ Sofern seine Gedichte nicht ganz in Vergessenheit geraten, könnte es zutreffen:
„gegen uns
stets werden wir nehmen müssen / was wir brauchen / wir werden uns teuer verkaufen // es wird uns nichts geschenkt“ (G.A.C.)