Perspektiven einer neuen Internationale

Bevor wir über eine neue Internationale sprechen können, müssen wir uns über zwei Dinge klar werden: Erstens die Gründe warum eine neue Internationale notwenig ist und zweitens was die Hauptmerkmale der vorherigen Internationalen waren.

Warum brauchen wir eine Internationale

Das Kommunistische Manifest endet mit den Worten: Proletarier aller Länder vereinigt Euch! Dies allein wäre schon gutes Argument für die fortgeschrittenen Teile der Arbeiterinnenklasse, die KommunistInnen, sich unverzüglich in einer grenzüberschreitenden, länderübergreifenden Organisation zusammenzuschließen. Schon in den Zeiten von Marx und Engels, lange vor der sog. „Globalisierung“ war das Kapital international. Es stellte schon ein Produktionsverhältnis dar, welches die meisten Länder beherrschte und in dem sich Bourgeoisie und Proletariat als gegensätzliche Klassen gegenüberstanden. Wenn die KommunistInnen schon damals die Tendenz hatten sich international zu organisieren, so stellt sich die Notwendigkeit einer Internationalen heute, in der ersten Hälfte des 21 Jahrhunderts mit noch größerer Dringlichkeit. Die Herrschaft des Kapitals hat heutzutage noch internationalere Formen angenommen. Der Umstand das fünf oder sechs Industrie -und Finanzzentren heute 75% der Weltproduktion kontrollieren sagt alles. Wir haben an anderer Stelle die Auswirkungen der Finanzialisierung und Internationalisierung der Märkte analysiert. Die revolutionären Impulse der Oktoberevolution konnten für einige Jahre bewahrt und verteidigt werden, während man hoffte dass andere Länder ihrem Beispiel folgen würden. Aber heute existiert angesichts der fortgeschrittenen Internationalisierung für keinen Teil der Arbeiterinnenklasse ein solches Zeitfenster.
Die Oktoberrevolution und ihre späteren Ausläufer in Deutschland und Italien führten nicht zu einem allgemeinen Zusammenbruch des Kapitalismus. Ein weiterer Aspekt dieses historischen Phänomens bestand darin, dass die objektiven Bedingungen die die proletarischen Massen in Russland, Italien und Deutschland in Aktion gesetzt hatten, in anderen Ländern wie den USA oder Großbritannien nicht gegeben waren. Die Märkte waren noch weitgehend national und die Auslandsinvestitionen und vielmehr der Finanzaustausch zwischen den Ländern waren noch nicht so weit ausgeprägt, dass eine Krise in einem Land sich unmittelbar in anderen wiederholte.
Diese Bedingungen haben sich grundlegend geändert. Die objektiven Bedingungen die eine revolutionäre Krise in einem Land hervorrufen können, würden die gleichen oder zumindest ähnliche Auswirkungen in anderen Ländern haben. Ein totaler Zusammenbruch des Bankensystems und ein plötzliches Sinken des Lebensstandards in einem Land würde Teil einer internationalen Kette sein, die viele andere, wenn nicht sogar alle Länder in Mitleidenschaft ziehen würde. Diese objektiven Bedingungen und die Einheit der Klasse erfordern gleichzeitig die Einheit des politischen Organs, welches an der Spitze eines proletarischen Aufstandes stehen muss.

Der Weg zum Ersten Kongress der Dritten Internationale

Zunächst müssen wir unmissverständlich klarstellen, dass wir die sog. Vierte Internationale (bzw. die diversen trotzkistischen Gruppen) nicht als Teil der historischen revolutionären Bewegung ansehen. Sie hatte ihren Ursprung in der „kritischen“ Verteidigung der Sowjetunion und ist damit Teil der konterrevolutionären Entwicklung, die aus dem Scheitern der Oktoberrevolution resultierte. Sie muss als solches gesehen und bekämpft werden.
Der Bruch unserer Strömung mit der trotzkistischen Bewegung geht auf das Jahr 1933 zurück. Die Gründe die dem zugrunde lagen, wurden 1939-40 um so deutlicher, als die Kommunistische Linke erkannte, dass die UDSSR sich als neue imperialistische Macht am Zweiten Weltkrieg beteiligte, während die Vierte Internationale für die Verteidigung des wie auch immer deformierten oder bürokratisch degenerierten „sozialistischen Vaterlandes“ eintrat.
Wir müssen daher weiter zurückblicken und uns mit der Dritten Internationale beschäftigen, um die Probleme einer revolutionären internationalen Klassenorganisation zu diskutieren. Die Dritte Internationale entwickelte sich als gesunde Reaktion proletarischer Kräfte auf die Degeneration der Zweiten Internationale, deren Parteien den imperialistischen Ersten Weltkrieg unterstützt hatten. Tragischerweise endete die Dritte Internationale später weitgehend auf die gleich Weise, wenn auch unter gänzlich anderen Bedingungen, als Verteidigerin eines „sozialistischen“ Vaterlandes.
Als die SPD 1914 den Kriegskrediten zustimmte, blieb nur eine kleine Schar von InternationalistInnen den Prinzipien des Kommunistischen Manifestes treu.1Sie denunzierten den Krieg als imperialistisch während sie gleichzeitig für den revolutionären Defätismus und die Gründung einer neuen Internationale eintraten. Im strikten Gegensatz zur Zweiten Internationale und auf der Grundlage einer tiefgehenden Analyse ihres Scheiterns sollte die neue Internationale auf einer klaren und soliden Grundlage stehen:
„Der Zusammenbruch der II. Internationale ist der Zusammenbruch des Opportunismus, der auf dem Boden der besonderen Verhältnisse in der abgelaufenen (der sog. `friedlichen“) geschichtlichen Epoche hoch gezüchtet worden und in den letzten Jahren zur faktischen Herrschaft in der Internationale gelangt war. Die Opportunisten haben diesen Zusammenbruch seit langem vorbereitet, indem sie die sozialistische Revolution verneinten und sie durch den bürgerlichen Reformismus ersetzten, indem sie den Klassenkampf und seinen zu bestimmten Zeitpunkten notwendigen Umschlag in den Bürgerkrieg leugneten und die Zusammenarbeit der Klassen predigten, indem sie unter der Flagge des Patriotismus und der Vaterlandsverteidigung den bürgerlichen Chauvinismus predigten und die bereits im Kommunistischen Manifest dargelegte Grundwahrheit des Sozialismus, dass die Arbeiter kein Vaterland haben, ignorierten oder bestritten“2
Es ist im Nachhinein wichtig zu erwähnen, dass die Losung des revolutionären Defätismus von Figuren wie Bucharin, Krylenko und Kamenew abgelehnt wurde. Auch Trotzki stand dem revolutionären Defätismus kritisch gegenüber. Die Bolschewiki die sich in der Schweiz um Lenin sammelten, waren in ihrem Eintreten für eine vom Opportunismus befreite proletarische Internationale weitgehend isoliert. Aus diesem Grunde ging die erste Initiative für eine bedeutende internationale Zusammenkunft nicht (…) vom revolutionären linken Flügel der sozialistischen Bewegung aus, sondern von den zentristischen und pazifistischen Tendenzen. Diese waren teilweise in den neutralen Ländern sehr einflussreich. Nach einem Kriegsjahr konnten sie ihren Einfluss auch in den am Krieg beteiligten Ländern wie Frankreich und vor allem Deutschland ausbauen, wo sich Haase, Bernstein und Kautsky die sich zuvor in der Kriegsfrage und über politische Perspektiven zerstritten hatten, wieder zusammenrauften. (…)

Zimmerwald

Vom 5.-8. September tagte in Zimmerwald eine Konferenz an der sich 36 Delegierte verschiedener sozialistischer Gruppen beteiligten. Sowohl auf dieser Konferenz wie auch auf der nachfolgenden im Schweizer Dorf Kienthal (24-30. April 1916) waren die revolutionären InternationalistInnen der „Zimmerwalder Linken“ in der Minderheit. Weder die Zentristen noch die Pazifisten erachteten einen Bruch mit der Zweiten Internationale als notwendig. (…)1917 zog Lenin angesichts der fortschreitenden revolutionären Entwicklung folgende Bilanz der Zimmerwalder Bewegung:
„Die Zimmerwalder Internationale nahm von Anbeginn an eine schwankende, „kautskyanische“, „zentristische“ Position ein, was denn auch die Zimmerwalder Linke zwang, sich sofort von ihr abzugrenzen, sich abzusondern, mit einem eigenem (in der Schweiz in russischer, deutscher und französischer Sprache gedruckten) Manifest hervorzutreten. Der Hauptmangel der Zimmerwalder Internationale, die Ursache ihres Zusammenbruchs (denn sie ist ideologisch-politisch bereits zusammengebrochen) sind die Schwankungen, die Unentschlossenheit in der wichtigsten, praktischen alles bestimmenden Frage des völligen Bruchs mit dem Sozialchauvinismus und der von Vandervelde, von Huysmans im Haag(Holland) und anderen geführten sozialchauvinistischen alten Internationale. (…) Das Ende des Jahres 1916 und der Anfang des Jahres 1917 haben diese Tatsache endgültig bestätigt. Obwohl das Kientaler Manifest den Sozialpazifismus verurteilte hat, ist die ganze Zimmerwalder Rechte, die ganze Zimmerwalder Mehrheit zum Sozialpazifismus hinabgeglitten: Kautsky und Co in einer Reihe von Stellungnahmen im Januar und Februar 1917; Bourderon und Merrheim in Frankreich, indem sie einmütig mit den Sozialchauvinisten für die pazifistische Resolution der Sozialistischen Partei (Dezember 1916) und des Allgemeinen Gewerkschaftsbundes (Spitzenorganisation der französischen Gewerkschaften, gleichfalls im Dezember 1916) stimmten; Turati und Co in Italien, wo die ganze Partei einen sozialpazifistischen Standpunkt einnahm und Turati persönlich sich in seiner Rede vom 17. Dezember 1916 (und auch nicht zufällig) zu nationalistischen, den imperialistischen Krieg beschönigenden Phrasen `hinreißen` ließ“
Lenin zog daraus die Schlussfolgerung:3
„Unsere Partei darf nicht warten, sondern muss sofort die dritte Internationale gründen.“
Doch trotz Lenins hartem Eintreten für einen klaren Bruch mit den Zentristen4, entschied der All Russische Kongress der Bolschewistischen Partei im April 1917 „eine dritte Zimmerwalder Konferenz abzuwarten“. (…) Von April 1917 bis zum Februar 1919 gab es mehrer Versuche die internationalistischen Kräfte in den verschieden Ländern umzugruppieren. Es waren jedoch maßgeblich die politischen Ereignisse in dieser Periode selber (so z.B. das Aufkommen von Arbeiter -und Soldatenräten in Deutschland, die Gründung der KPD und kommunistischer Parteien in Polen, Österreich, Ungarn, Finnland, Lettland sowie die internationalistische Haltung der revolutionären Sozialdemokratischen Föderation des Balkans) die die von Lenin stets geforderte Gründung der Dritten Internationale auf die Tagesordnung setzte. Lenin hob diese objektiven Bedingungen in seinem Brief an die „Arbeiter Europas und Amerikas“ ausdrücklich hervor:
„Damals am 20. August 1918, hatte nur unsere, die bolschewistische Partei, entschieden mit der alten, der II. Internationale der Jahre 1989 bis 1919 gebrochen, die während des imperialistischen Krieges 1914-1918 so schändlich Bankrott gemacht hatte. Nur unsere Partei hatte rückhaltlos den neuen Weg beschritten vom Sozialismus und Sozialdemokratismus, der sich durch das Bündnis mit der raublüsternen Bourgeoisie mit Schmach und Schande bedeckt hatte, zum Kommunismus, vom kleinbürgerlichen Reformismus und Opportunismus, von denen die offiziellen sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien bis ins Mark durchsetzt sind, zur wahrhaft proletarischen, revolutionären Taktik. Heute, am 12 Januar 1919, sehen wir schon eine ganze Reihe kommunistischer proletarischer Parteien, nicht nur in den Grenzen des ehemaligen Zarenreichs, zum Beispiel in Lettland, Finnland, Polen, sondern auch in Westeuropa, in Österreich, Ungarn, Holland und schließlich in Deutschland. Als der deutsche Spartakusbund mit so weltbekannten und weltberühmten, der Arbeiterklasse so treu ergebenen Führern wie Liebknecht, Rosa Luxemburg, Clara Zetkin und Franz Mehring endgültig seine Verbindung mit Sozialisten vom Schlage Scheidemanns und Südekums abbrach, mit diesen Sozialchauvinisten (Sozialisten in Worten, Chauvinisten in der Tat), die durch ihr Bündnis mit der raublüsternen imperialistischen Bourgeoisie Deutschlands und mit Wilhelm II ewige Schmach auf sich geladen haben, als der Spartakusbund den Namen Kommunistische Partei Deutschlands annahm, da war die Gründung einer wahrhaft proletarischen, wahrhaft internationalistischen, wahrhaft revolutionären III. Internationale, der Kommunistischen Internationale, Tatsache geworden. Formell ist die Gründung noch nicht vollzogen, aber faktisch besteht die III: Internationale heute schon.“5
Sicherlich existierten sowohl innerhalb wie außerhalb der sozialdemokratischen Parteien fortschrittliche Elemente, die revolutionär-internationalistische Prinzipien verteidigten. Allerdings gab es zwischen ihnen kein internationales organisatorisches Netzwerk. Als Lenin den Brief an die „Arbeiter Europas und Amerikas“ verfasste, war die deutsche Kommunistische Partei gerade einmal achtzehn Tage alt. Die formelle Konstituierung der Internationale war nun eine dringende Aufgabe. In dem vom Trotzki verfassten Einsladungsschreiben zum Gründungskongress der Dritten Internationale wurde diese Dringlichkeit ausdrücklich hervorgehoben:
„Die unterzeichneten Parteien und Organisationen halten es für dringend notwendig, den ersten Kongress der neuen Internationale zusammenzurufen. Während der Dauer des Krieges und der Revolution sind nicht nur der volle Bankrott der alten sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien und zugleich der Zweiten Internationale, nicht nur die Unfähigkeit der Zwischenelemente der alten Sozialdemokratie (des sog. Zentrums) zur aktiven revolutionären Aktion endgültig klar geworden; sondern gegenwärtig kommen bereits mit voller Deutlichkeit die Umrisse der wirklich revolutionären Internationale zum Vorschein. Die riesenhafte schnelle Vorwärtsbewegung der Weltrevolution, die stets neue und neue Probleme aufstellt, die Gefahr der Erstickung dieser Revolution durch das Bündnis der kapitalistischen Staaten, welche sich gegen die Revolution unter der heuchlerischen Fahne des `Völkerbundes` zusammentun, die Versuche der sozialverräterischen Parteien, sich miteinander zu einigen, und nachdem sie einander Amnestie erteilt haben, ihre Regierungen und ihre Bourgeoisie nochmals zum Betrug der Arbeiterklasse verhelfen; endlich die außerordentliche Erfahrung und die Internationalisierung der ganzen Revolutionsbewegung – all diese Umstände zwingen uns, die Initiative zu ergreifen, um die Frage der Zusammenberufung eines internationalen Kongresses der revolutionären proletarischen Parteien auf die Tagesordnung zu stellen “6
Am 2. März 1919 nahm eine internationale Konferenz mit Delegierten verschiedener revolutionärer Gruppen ihre Arbeit auf. Der deutsche Spartakusbund der wenige Tage zuvor die Kommunistische Partei Deutschlands mitbegründet hatte, hatte seinen Delegierten Eberlein mit dem Mandat ausgestattet, gegen die sofortige Gründung der Internationale zu stimmen. Auf der anderen Seite nahmen an dieser Konferenz auch Vertreter von Organisationen teil, die noch nicht vollständig zum Kommunismus übergegangen waren. So erklärte bspw. der Delegierte der Norwegischen Arbeiterpartei:
„Es ist offensichtlich, dass die Norwegische Arbeiterpartei vor einem Problem von großer Bedeutung steht. Sie muss sich mit dem Thema auseinandersetzen die alte sozialdemokratische Linie zugunsten der Diktatur des Proletariats der Arbeiterräte aufzugeben. Ich bin persönlich davon überzeugt, dass die Partei Dank des Fortschreitens der Weltrevolution in dieser Hinsicht eine klare Position einnehmen wird.“
Wäre es vor diesem Hintergrund besser gewesen, die Dinge etwas reifen zu lassen und die Herausbildung einer kommunistischen Partei durch die Unterstützung des linken Parteiflügels zu befördern, um dann die Integration in die Internationale anzustreben? Stattdessen schenkte man den enthusiastischen und falschen (da längst veralteten und überholten) Bericht des österreichischen Delegierten Glauben. Auf dieser Grundlage wurde am Sitzungstag des 4. März der Antrag eingebracht, dass die Konferenz unverzüglich die Dritte Internationale konstituieren und den Namen „Kommunistische Internationale“ annehmen solle. In Anbetracht dessen waren die anfängliche Unentschlossenheit der Bolschewiki und der Widerstand des deutschen Delegierten Eberlein überwunden. Er enthielt sich letztendlich bei der Abstimmung.
Die im Zuge der ersten erfolgreichen proletarischen Revolution erfolgte Proklamierung der Kommunistischen Internationale gab den revolutionären Elementen in den sozialdemokratischen Parteien der Zweiten internationale einen enormen Motivationsschub.
Anderseits spielten bei der Gründung der Dritten Internationale Emotionen und nicht zuletzt das große Prestige der Bolschewiki eine große Rolle. So gesehen basierte die Gründung der Kommunistischen Internationale, wie die folgenden Jahre zeigen sollten nicht auf einer wirklichen Reifung der revolutionären Elemente auf einer klaren methodologischen, theoretischen und politischen Grundlage.
In den Revolten, Generalstreiks und Aufstandversuchen von 1919-1921 konnte in anderen Ländern nicht das erreicht werde, was die Bolschewiki schon vor 1914 entwickelt hatten: Eine klare Trennung und Abgrenzung von den Parteien der Zweiten Internationale in Fragen der Methode, der Prinzipien und der programmatischen Ausrichtung sowie der Aufbau einer zur revolutionären Führung befähigten Organisation.
Die Kommunistische Partei von Italien wurde zwar auf der Grundlage eines radikalen Bruchs mit der PSI gegründet, allerdings erst 1921 also zwei Jahre nach dem Gründungskongress der Kommunistischen Internationale. (…) Es gab auf der einen Seite also das Problem der Verspätung der Revolutionäre im Westen und auf der anderen Seite eine Internationale die auf schwacher theoretischer Grundlage und mit der Taktik gegründet worden war, so viele Kräfte wie möglich auf formeller Basis umzugruppieren.
Die verspätete Gründung der Kommunistischen Partei von Italien lässt sich auch auf die Haltung der Leitungsorgane der Internationale zurückführen, die “ angesichts der Aufgabe der Selektion, Trennung und Aufnahme nach dem taktischen Kriterium verfuhr die größten quantitativen Erfolge zu erzielen, anstatt eine gründliche politische Bewertung vorzunehmen(…).7
Amadeo Bordiga formulierte diesen Gedanken in anderen Worten in seinen Brief an Karl Korsch:
„Lenin hielt viel Arbeit `spontanen` Sichherausbildens an, indem er darauf zählte, in der Gluthitze der russischen Revolution die verschiedenen Gruppen in groben Zügen zusammenzubringen und dann nachher erst homogen zu verschmelzen. Zum großen Teil ist ihm dies nicht gelungen.“ 8
Zwischen dem ersten und zweiten Kongress gründeten sich verschiedene Parteien um der Dritten Internationale beizutreten. Die im Juli gegründete Sozialistische Arbeiterpartei Jugoslawiens entstand aus einer Fusion verschiedener sozialistischer Organisationen des Landes. Sie wurde von Zentristen angeführt unter denen sich eine starke Minderheit befand, die sich offen dafür aussprach wieder der Zweiten Internationale beizutreten. Die schon erwähnte Norwegische Arbeiterpartei entschloss sich zwar der Dritten Internationale anzuschließen, versuchte aber Jahre ihre eigene Unabhängigkeit zu wahren. Die Mexikanische Sozialistische Partei trat im September 1919 der Dritten Internationale bei, setzte sie sich allerdings zu weiten Teilen aus AnarchosyndikalistInnen zusammen. Die im Mai 1920 gegründete indonesische Partei bestand faktisch aus SyndikalistInnen mit sehr engen Verbindungen zur nationalistischen Bewegung. Die einzige Kommunistische Partei die sich durch eine Namensänderung offiziell im Mai 1919 konstituierte und durchgehend aus KommunistInnen zusammensetzte, war die bulgarische. Sie ging aus der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (Tesnyaki –Engherzige) hervor, die schon länger internationalistische „bolschewistische“ Positionen verteidigt hatte.
So gesehen entwickelte sich die Dritte Internationale also als ein Amalgam heterogener Kräfte, die nur durch die Autorität der russischen Führung zusammengehalten wurde. Der Weg zur später von Stalin betreibenden „Bolschewisierung“, d.h. der kritiklosen Unterordnung unter die Direktiven Moskaus war damit vorgezeichnet. Sie war daher völlig unfähig die Funktion auszuüben, die wir von einer Internationale erwarten: Die internationale Orientierung und politische Führung der Sektionen in allen Ländern, Sowjet-Russland eingeschlossen.

Ergebnisse und Perspektiven

Wir behaupten nicht in diesem Text alle Elemente der Erfahrungen der Dritten Internationale erschöpfend behandelt zu haben. Wir haben jedoch einige Grundlinien kurz aufgeführt, so dass wir uns nun der Frage der Bilanz und den Schlussfolgerungen für weitergehende Perspektiven zuwenden können. Nach Lenins Schema sollte die Dritte Internationale helfen, die Entwicklung und politische Homogenisierung verschiedener nationaler Organisationen auf revolutionärer Grundlage voranzutreiben. Die treibende Kraft und der Katalysator für diese Vereinigung der revolutionären Kräfte war die Bolschewistische Partei, die auf einen großen Erfahrungsschatz aufbauen konnte. Die fortschreitenden Isolation der revolutionären Erfahrungen in Russland, und die immer stärker werdenden Gegenkräfte, stellten die Bolschewistische Partei jedoch vor gewaltige Probleme an denen sie letztendlich scheiterte. Besonders kam hier der Umstand zum tragen, dass die Bolschewistische Partei der einzige politische und theoretische Bezugspunkt auf internationaler Ebene war. Die Dritte Internationale als solches war nicht in der Lage etwas zur Lösung der russischen Probleme beizutragen. Faktisch leiteten die russische Partei und damit der russische Staat die Internationale. Der Rückgang der Russischen Revolution, die letztendlich nur die Verstaatlichung der Produktionsmittel zuwege gebracht hatte, zog Staat und Partei unweigerlich auf konterrevolutionäres Terrain. Diese Situation spiegelte sich letztendlich auch darin wieder, dass die Internationale mehr und mehr zum Anhängsel der Außenpolitik des russischen Staates wurde. Die Opposition in der russischen Partei konnte daran kaum etwas ändern. Die internationalen revolutionäre Minderheiten, und besonders die Italienische Kommunistische Linke konnten diesbezüglich noch viel weniger ausrichten. Dies lag mitnichten am Mangel an politischer Vitalität (die Italienische Kommunistische Linke war vital genug um als Bezugspunkt für den Wiederaufbau der Internationale zu dienen) sondern am mangelnden politischen Einfluss sowohl in Russland als auch in der Dritten Internationale selber.
Wir können hieraus folgende Lehren ziehen:
1) Wir könne fraglos eine Wiederholung dieser Erfahrungen selbst in einer neuen Form nicht riskieren, und davon ausgehen, dass ein anfänglicher revolutionärer Erfolg in einem Land zum Stimulus für das Entstehen gleichartiger proletarischer Organisationen in anderen Ländern wird, und als Zentrum der Vereinigung zu einer neuen Internationale fungieren kann. Wir werden dafür nicht die Zeit haben – entweder wird sich die Revolution schnell ausbreiten oder wir werden vor einer weiteren Niederlage stehen.
2) Die zukünftige Internationale soweit sie auch entfernt sein mag, kann keine bloße Föderation mehr oder weniger unabhängiger Parteien seien, die unter dem Vorwand nationaler Besonderheiten unterschiedliche politische Linien vertreten. Deswegen ist es korrekter von einer internationalen Partei zu sprechen. Der Charakter, die Struktur und die Statuten müssen homogen sein und in jeder nationalen Sektion Gestalt annehmen. Die politische Plattform muss für alle Sektionen verbindlich sein und von ihnen bzw. allen Militanten entwickelt werden.
3) Unsere Konzeption des Verhältnisses von Partei, Klasse und dem proletarischen Halbstaat der Übergangsperiode erfordert die politische Zentralisierung der internationalen Partei. Auch wenn es keine absolute Garantie gibt, da es nun mal in politischen und sozialen Angelegenheiten keine Garantien gibt, ist dies der sicherste Beitrag, um als Korrektiv zu dienen und unabhängig davon unter welchen Bedingungen die ersten proletarischen Regime entstehen werden, eine internationalistische Perspektive zu verteidigen. Die Art der politischen Zentralisierung wurde auf unseren Kongressen definiert.9 Es ist die Zentralisierung derjenigen Militanten, die für die endgültigen Überwindung des Kapitalismus kämpfen. Bis dieses Ziel erreicht ist, werden diese Militanten verstehen müssen, wie sie die Fragen des „nationalen“ Halbstaates der Übergangsperiode als Teil der internationalen Revolution angehen, um selbst im Falle einer Niederlage das Programm zu retten und weitergehende Perspektiven zu entwickeln, ohne in den tragischen Bruch mit der eignen politischen Kontinuität zu verfallen, wie es in Russland und der Dritten Internationale geschehen ist.
4) Die Gründung der neuen Internationale bzw. der Partei wie wir sie heute verstehen, ist das Zusammentreffen „und die Entwicklung realer politischer Kräfte, die in den theoretischen und politischen Kämpfen in verschiedenen Ländern entstehen, sich umgruppieren und entwickeln.“10
Auf dieser Grundlage wurde das „Internationale Büro für die revolutionäre Partei“ (die Vorläuferin der heutigen IKT) gegründet. Es ist die erste Form der Koordination und Zentralisation zwischen Organisationen, die sich in den politischen Kämpfen auf nationaler Ebene entwickelt haben, und auf internationaler Ebene für den Aufbau der internationalen Partei arbeiten.

Die IKT und die Internationale Partei

Die IKT wurde als einzig mögliche Organisationsform gegründet, die Aktivitäten revolutionärer Organisationen in verschiedenen Ländern zu koordinieren. Die Existenz einer wirklichen Internationalen Partei ist für uns ein unverzichtbares Instrument für eine erfolgreiche Revolution. Die IKT hat ihren Ursprung im Prozess der Klärung und Ausdifferenzierung politischer Kräfte, der durch die Internationalen Konferenzen der Kommunistischen Linken im Jahr 1977 eingeleitet wurden. Dieses „proletarische politische Lager“ über das wir hier sprechen, setzte sich aus all jenen Kräften zusammen, die sich auf die (nichttrotzkistischen) revolutionären Strömungen der Zwischenkriegsperiode stützen, aus denen sie entweder direkt oder indirekt hervorgegangen sind. Die jüngsten Dynamiken des Kapitalismus und die Lage der Klasse hat jedoch nunmehr „zur Klärung im „politischen proletarischen Lagers“ beigetragen und jene Organisationen hinausgefegt, die weniger Wert auf das unwiderrufliche Prinzip des revolutionären Defätismus gelegt haben und somit auf das Terrain des Krieges abgerutscht sind, im Namen eines falschen Antiimperialismus oder von historisch und ökonomisch unmöglich gewordenen fortschrittlichen Visionen. Andere Bestandteile dieses Milieus haben sich, ohne in den tragischen Irrtum der Parteiname für eine Front des Krieges zu verfallen, gleichermaßen von der Arbeitsmethode und -perspektive entfremdet, die für den Zusammenschluss zur zukünftigen revolutionären Partei unabdingbar sind. Sie sind unwiederbringlich Opfer von idealistischen oder mechanistischen Sichtweisen, unfähig, die Eigentümlichkeit der Explosion der Widersprüche des modernen kapitalistischen Wirtschaftssystems zu erkennen, verharren rückwärtsgewandt in einer Art messianischer Revolutionserwartung oder blinder Invarianz11, anstatt die Besonderheit der aktuellen Situation zu erfassen, sei es in einer Analyse der Krise und der Antworten des Kapitals auf die Krise, sei es im Erkennen der Veränderungen im Verhältnis zwischen Kapital und Arbeitskraft.“12
Mit anderen Worten: Wir glauben nicht dass die Kategorie des „proletarischen politischen Lagers“ unter den gegebenen Bedingungen noch zielführend ist. Anders ist es schwer zu erklären, dass die kapitalistische Krise, die technologische Revolution, die Implosion des imperialistischen Sowjetischen Blocks und die Totalität der sozialen und ökonomischen Phänomene, die die Bourgeoisie unter dem dümmlichen Begriff „Globalisierung“ zusammenfasst, zu keinen grundlegenden Änderungen bei den vermeintlichen revolutionären Avantgarden geführt haben. Vielmehr sind die alten Bestandteile des „proletarischen Lagers“ zum größten Teil aus dem Spiel. Auf der anderen Seite hat die neue Situation zum Entstehen neuer Organisationen geführt, die weit davon entfernt sind die gegenwärtigen Realitäten mit alten und überkommenden Schemata zu erklären, und sich der Aufgabe stellen auf der Grundlage der Kritik der politischen Ökonomie, des historischen Materialismus und den Prinzipien des Internationalismus für den Aufbau der internationalen Partei zu arbeiten. Diese Organisationen haben die Aufgabe Positionen zu entwickeln und auf der Grundlage einer Plattform und eines mit dem Internationalen Büro der IKT vereinbarten Arbeitsrahmens als Bezugspunkte für die notwendige Homogenisierung der Kräfte der zukünftigen Partei zu agieren. Die IKT hat nicht die Absicht den Zeitrahmen der Vereinigung revolutionärer Kräfte künstlich zu beschleunigen, bzw. die Periode des organischen Wachstums kommunistischer Organisationen in verschiedenen Ländern abzukürzen.
Der einzige politische Beitrag den wir zur Reifung und Entwicklung von politischen Kräften in anderen Ländern leisten können, besteht darin Positionen zu vergleichen und zu diskutieren, und wenn notwendig Polemiken über praktische und theoretische Fragen zu führen, um so die Kerne revolutionärer Organisationen zu entwickeln, die eine reale Verankerung im politischen Leben der Klasse haben. Wir lehnen aus Prinzip und auf der Grundlage mehrer Kongressresolutionen die Vorstellung ab, nationale Sektionen nach dem Muster bestehender Organisationen klonen zu können. Nationale Sektionen der internationalen Partei des Proletariats können nicht künstlich geschaffen werden, indem in irgendeinem Land ein Zentrum für die Übersetzungen und Herausgabe von Publikationen geschaffen wird, die dann somit außerhalb der realen politischen und sozialen Kämpfe in den jeweiligen Ländern erscheinen.
Die IKT ist nicht die Partei. Wir haben das mehrmals gesagt, geschrieben und mehrmals wiederholt. Ebenso wenig haben wir jemals behauptet, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit eine gerade Linie von der IKT zur zukünftigen Partei geben wird. Aber wir sind auch keine einfache Föderation von Kräften (bzw. Schwächen). Die IKT stellt sich die Aufgabe, die Zentralisierung und politische Homogenisierung der politischen Kräfte einer zukünftigen internationalen Partei anzugehen. Wir praktizieren unter unseren Mitgliedern eine politische Zentralisierung wie es zum gegenwärtigen Zeitpunkt möglich, notwendig und angemessen ist. Eine fortschreitende politische Übereinstimmung in der IKT hat folgerichtig auch eine fortschreitende Zentralisierung zur Folge. (…)
Die zukünftige Internationale Partei wird in nationalen Sektionen organisiert sein, die sich aus den InternationalistInnen der jeweiligen Länder zusammensetzen. Wir bestreiten keinesfalls die Möglichkeit und Notwendigkeit politischer Arbeit im Ursprungsland. Aber genauso wie jemand aus Neapel der in Mailand lebt, Mitglied der Mailländer Sektion des PCInt wird, wird eine Gruppe von RevolutionärInnen, die aus einem anderen Land stammen, Teil der Sektion des Landes sein, in dem sie leben, und sich aktiv an den Kämpfen und Debatten der internationalistischen Organisation dieses Landes beteiligen. Wir sind der Meinung, dass wir einen kleinen Teil des Weges der zu einer neuen Internationale führen wird zurückgelegt haben, und wir meinen, die Grundlagen erarbeitet zu haben um dieses Ziel zu erreichen, wenn sich das Proletariat gegen die barbarische Entwicklung des Kapitalismus zur Wehr setzt. ( Mauro Stefanini, 1948-2005)

Anmerk. d. Red. Der Text wurde stellenweise gekürzt und aktualisiert

  1. „Die Kommunisten unterscheiden sich von den übrigen proletarischen Parteien nur dadurch, dass sie einerseits in den verschiedenen nationalen Kämpfen der Proletarier die gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des gesamten Proletariats hervorheben und zur Geltung bringen, anderseits dadurch, dass sie in den verschiedenen Entwicklungsstufen, welche der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie durchläuft stets die Interessen der Gesamtbewegung vertreten.“ (Manifest der Kommunistischen Partei) [zurück]
  2. W.I. Lenin: Der Krieg und die russische Sozialdemokratie, in Ausgewählte Werke Bd. II, Seite 473. [zurück]
  3. W.I. Lenin: Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution, Ausgewählte Werke Bd. III, Seite 100 [zurück]
  4. Lenin war in dieser Frage sehr unnachgiebig: „Der Zimmerwalder Sumpf darf nicht länger geduldet werden. Es geht nicht an, der Zimmerwalder Kautskyaner wegen die halbe Verbindung mit der chauvinistischen Internationale der Plechanow und Scheidemänner länger aufrechtzuerhalten. Man muss unverzüglich mit dieser Internationale brechen. Man soll nur zur Information in Zimmerwald bleiben. Gerade wir müssen, gerade jetzt, ohne Zeit zu verlieren, eine neue, revolutionäre, proletarische Internationale gründen, oder richtiger gesagt, wir dürfen uns nicht fürchten, vor aller Welt zu erklären, dass sie schon gegründet ist und wirkt“ [zurück]
  5. W. I. Lenin: Brief an die Arbeiter Europas und Amerikas, in Ausgewählte Werke Bd. IV. Seite 715. [zurück]
  6. Die Kommunistische Internationale, Bd. I, Seite 9, Köln 1984. [zurück]
  7. Onorato Damen: “Al Congresso di Bologna ebbero paura di dire no alle politica possibilista del Internazionale”, in Prometeo II Nr. 8 Januar-Juni 1966. [zurück]
  8. Brief von Amadeo Bordiga an Karl Korsch, in Klopotek, Felix (Hrsg.): Christian Riechers – Niederlage in der Niederlage, Münster 2009, Seite 180. [zurück]
  9. „ II. Der demokratische Zentralismus der revolutionären Organisation bedeutet nicht die Übertragung der bürgerlichen Demokratie auf die revolutionäre politische Organisation der ArbeiterInnenklasse. Er drückt vielmehr die Notwendigkeit der organisatorischen Zentralisierung auf der einen Seite und den Charakter der kommunistischen Organisation auf der anderen Seite aus. III: Die kommunistische Organisation charakterisiert sich durch den Umstand, dass sie ausschließlich aus Militanten besteht, die nicht nur mit der politischen Plattform und dem Programm übereinstimmen, sondern sich darüber hinaus eigenständig einen proletarischen Klassenstandpunkt auf der Basis des historischen Materialismus und der Kritik der politischen Ökonomie angeeignet haben. Sie haben sich entschieden ihre eigene Aktivität nach diesen Prinzipien und den von ihnen entwickelten Aktionsprogramm auszurichten.“ (Thesen über die Statuten des PCInt, VI. Kongress, 1997. [zurück]
  10. Resolution über die internationale Arbeit des VI. Kongresses des PCInt. [zurück]
  11. These der Bordigisten von der Unveränderbarkeit der marxistischen Prinzipien seit 1848 [zurück]
  12. Resolution des IBRP: Die RevolutionärInnen angesichts des Krieges und der gegenwärtigen Situation der ArbeiterInnenklasse. [zurück]