Marx, Engels und die Frage der proletarischen Organisation

(3. Teil unserer Artikelreihe zum Thema „Klassenbewusstsein und revolutionäre Organisation“)

Im letzten Teil unserer Artikelreihe haben wir herausgearbeitet, dass die politische Organisation der ArbeiterInnenklasse kein künstliches Produkt ist, sondern dem Klassencharakter des Proletariats entspringt. Die ArbeiterInnenklasse hat kein Eigentum zu verteidigen. Sie kann von daher nicht ihr Bewusstsein entwickeln, indem sie einfach nur ihre unmittelbaren Interessen verteidigt. Ihr Bewusstsein entwickelt sich in den Kämpfen und aufgrund des Charakters dieser Kämpfe ist es oft partiell, fragmentiert und periodisch unterschiedlich entwickelt. Während es sich in einem Bereich ausbreitet, geht es in einem anderen zurück. Der ökonomische Kampf gegen das Kapital führt jedoch einige ArbeiterInnen dazu ihre Erfahrungen und ihre Lage in unterschiedlicher Form zu reflektieren. Jene, die erkennen, dass der ökonomische Interessenkampfs zwar notwendig aber nicht ausreichend ist, um das Lohnsystem zu überwinden, müssen sich systematisch um ein politisches Programm organisieren, welches die Lehren der proletarischen Erfahrungen zusammenfasst. Dies führt uns zur Frage der politischen Organisation, oder um es in den Begriffen des 19. Jahrhunderts zu formulieren der Frage der „Partei“.Der Begriff der „Partei“ geht auf die Versuche der aufstrebenden Bourgeoisie zurück, eine Fraktion des Adels gegen die andere zu unterstützen. Zur Durchsetzung ihrer Interessen ging die Bourgeoisie zunehmend dazu über eigene Parteien zu bilden. So schlossen sich bspw. während der Französischen Revolution die politisch führenden Elemente in einem politischen Lager zusammen. Die Frage, wie die alte Ordnung zu überwinden sei, führte zu einer politischen Ausdifferenzierung der verschiedenen bürgerlichen Interessengruppen. Als das sog. „einfache Volk“ stärker in das politische Geschehen eingriff, spalteten sich die konstitutionellen Monarchisten (Feuillants) oder die reichen Republikaner (Girondisten) von den eher kleinbürgerlichen und in Paris beheimateten Jakobinern ab. Dies waren wohlgemerkt keine Parteien, wie wir sie im heutigen Sinne verstehen würden. Ihr Programm war kaum ausgereift und die Jakobiner unterteilten sich noch einmal in verschiedene Fraktionen wie bspw. die Anhänger Robespierres oder die Dantonisten. Erst mit der Herausbildung eines Wahlsystems (mit anfangs sehr beschränktem Wahlrecht) in der Periode 1815-70 bildeten sich die Parteien heutigen Typs, d.h. regelrechte Wahlkampfmaschinen, heraus. Doch die Tatsache, dass sich die Parteien im Zuge des historischen Aufstiegs der Bourgeoisie entwickelten, bedeutet noch lange nicht, dass die Organisationsform der Partei notwendigerweise bürgerlich sein muss. Zu dieser Schlussfolgerung gelangten einige KommunistInnen wie bspw. Otto Rühle1 , der 1920 schrieb: „Bourgeoisie, Parlamentarismus, politische Parteien bedingen sich gegenseitig, wechselseitig. Eins gehört zum andern. Keins ist ohne das andere denkbar.“2 Diese Feststellung basierte nicht nur auf der Erkenntnis, dass die Bolschewistische Partei zu diesem Zeitpunkt immer mehr zu einem Instrument der Konterrevolution wurde. Vielmehr lagen ihr die traumatischen Erfahrungen in der deutschen Sozialdemokratie zugrunde. Um einige der grundlegendsten Probleme, mit denen wir heute konfrontiert sind, zu verstehen, müssen wir uns daher eingehender mit der Ära der Sozialdemokratie auseinandersetzen, als sich die Arbeiterinnenklasse zum ersten Mal in der Form einer politischen Partei organisierte. Um zu diesem Punkt zu kommen, müssen wir allerdings noch einmal auf die Erfahrungen der ArbeiterInnenklasse zu Lebzeiten von Marx und Engels zurückblicken. Diese hatten sich gegenüber dem Problem der politischen Organisation der Klasse keineswegs indifferent verhalten. In seiner gegen Proudhon3 gerichteten Schrift das „Elend der Philosophie“ hatte sich Marx erste grundlegende Gedanken zu den politischen Entwicklungsdynamiken des Klassenkampfes gemacht. Am Beispiel der Kämpfe des englischen Proletariats stellte er fest: „Wenn der erste Zweck des Widerstandes nur die Aufrechterhaltung der Löhne war, so formieren sich die anfangs isolierten Koalitionen in dem Maß, wie die Kapitalisten ihrerseits sich behufs der Repression vereinigen zu Gruppen, und gegenüber dem stets vereinigten Kapital wird die Aufrechterhaltung der Assoziationen notwendiger für sie als die des Lohnes. Das ist so wahr, dass die englischen Ökonomen ganz erstaunt sind zu sehen, wie die Arbeiter einen großen Teil ihres Lohnes zugunsten von Assoziationen opfern, die in den Augen der Ökonomen nur zugunsten des Lohnes errichtet wurden. In diesem Kampfe – ein veritabler Bürgerkrieg – vereinigen und entwickeln sich alle Elemente für eine kommende Schlacht. Einmal auf diesem Punkte angelangt, nimmt die Koalition einen politischen Charakter an. Die ökonomischen Verhältnisse haben zuerst die Masse der Bevölkerung in Arbeiter verwandelt. Die Herrschaft des Kapitals hat für diese Masse eine gemeinsame Situation, gemeinsame Interessen geschaffen. So ist diese Masse bereits eine Klasse gegenüber dem Kapital, aber noch nicht für sich selbst. In dem Kampf, den wir nur in einigen Phasen gekennzeichnet haben, findet sich diese Masse zusammen, konstituiert sie sich als Klasse für sich selbst. Die Interessen, welche sie verteidigt, werden Klasseninteressen. Aber der Kampf von Klasse gegen Klasse ist ein politischer Kampf.“4
In dem ein Jahr später veröffentlichten Kommunistischen Manifest führten Marx und Engels diesen Gedanken weiter aus: „ Die wachsende Konkurrenz der Bourgeois unter sich und die daraus hervorgehenden Handelskrisen machen den Lohn der Arbeiter immer schwankender; die immer rascher sich entwickelnde, unaufhörliche Verbesserung der Maschinerie macht ihre ganze Lebensstellung immer unsicherer; immer mehr nehmen die Kollisionen zwischen dem einzelnen Arbeiter und dem einzelnen Bourgeois den Charakter von Kollisionen zweier Klassen an. Die Arbeiter beginnen damit, Koalitionen gegen die Bourgeoisie zu bilden; sie treten zusammen zur Behauptung ihres Arbeitslohns. Sie stiften selbst dauernde Assoziationen, um sich für die gelegentlichen Empörungen zu verproviantieren. Stellenweise bricht der Kampf in Emeuten aus. Von Zeit zu Zeit siegen die Arbeiter, aber nur vorübergehend. Das eigentliche Resultat ihrer Kämpfe ist nicht der unmittelbare Erfolg, sondern die immer weiter um sich greifende Vereinigung der Arbeiter.“5 Die erklärte Zweckbestimmung dieser 1848 veröffentlichten Schrift bestand darin, „dem Märchen vom Gespenst des Kommunismus ein Manifest der Partei selbst entgegenzustellen.“6 Der Begriff „Partei“ hatte damals wohlgemerkt eine andere Bedeutung. Marx und Engels benutzten ihn eher im Sinne einer politischen Richtung oder Tendenz. Zwar hatte der „Bund der Kommunisten“, in dessen Auftrag das Manifest als Grundsatzdokument geschrieben und veröffentlicht wurde schon einige organisatorische Wurzeln geschlagen, gleichwohl war er noch weit davon entfernt eine wirkliche politische Kraft zu sein. Er war aus der halb jakobinischen Geheimorganisation „Bund der Gerechten“ hervorgegangen. Marx und Engels setzten viel Energie ein, um für eine politische Neuausrichtung des Bundes zu kämpfen. Es ging nicht nur darum, die Überreste des primitiven Handwerkerkommunismus Wilhelm Weitlings7 zu überwinden, sondern auch den Bund der Kommunisten von einer elitären Verschwörergruppe in eine politische ArbeiterInnenorganisation zu verwandeln: „Die Kommunisten sind keine besondere Partei gegenüber den anderen Arbeiterparteien. Sie haben keine von den Interessen des ganzen Proletariats getrennten Interessen. Sie stellen keine besonderen Prinzipien auf, wonach sie die proletarische Bewegung modeln wollen. Die Kommunisten unterscheiden sich von den übrigen proletarischen Parteien nur dadurch, dass sie einerseits in den verschiedenen nationalen Kämpfen der Proletarier die gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des gesamten Proletariats hervorheben und zur Geltung bringen, anderseits dadurch, dass sie in den verschiedenen Entwicklungsstufen, welche der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie durchläuft, stets die Interessen der Gesamtbewegung vertreten. Die Kommunisten sind also praktisch der entschiedenste, immer weitertreibende Teil der Arbeiterparteien aller Länder; sie haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus.“8
Dass zu diesem frühen Zeitpunkt in der Entwicklung der ArbeiterInnenbewegung der Charakter einer proletarischen Organisation nur in groben Umrissen skizziert werden konnte, liegt auf der Hand. Gleichwohl bestand der zentrale Gedanke des Manifestes darin, die Notwendigkeit einer dauerhaften politischen Assoziation der KommunistInnen hervorzuheben. Die Hervorhebung, dass die KommunistInnen nicht im Gegensatz zu anderen „Arbeiterparteien“ stünden, bedeutete damals noch lange nicht, dass jeder der sich als „Sozialist“ ausgab auch als solcher akzeptiert wurde. Im dritten Teil des Manifestes unterstrichen Marx und Engels noch einmal die Notwendigkeit politischer Klarheit, indem sie sich kritisch mit den damaligen politischen Strömungen und Trends in der Arbeiterbewegung auseinandersetzten. Die Theorien der „utopischen Sozialisten“ wie bspw. St. Simon, Owen, Proudhon, Cabet, Fourier wurden unter die Lupe genommen und einer vernichtenden Kritik unterzogen. Gleichzeitig wurde in Abgrenzung zu den diversen utopischen Geheimbünden und Verschwörerorganisationen hervorgehoben, dass der Kommunismus eine vollkommen neue Produktionsweise erforderlich mache, die nur durch das bewusste kommunistische Handeln der Mehrheit der ArbeiterInnenklasse erkämpft werden könne: „Die Proletarier können sich die gesellschaftlichen Produktivkräfte nur erobern, indem sie ihre eigene bisherige Aneignungsweise und damit die ganze bisherige Aneignungsweise abschaffen.(…) Alle bisherigen Bewegungen waren Bewegungen von Minoritäten oder im Interesse von Minoritäten. Die proletarische Bewegung ist die selbstständige Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl. Das Proletariat die unterste Schicht der jetzigen Gesellschaft, kann sich nicht erheben, nicht aufrichten, ohne dass der ganze Überbau der Schichten, die die offizielle Gesellschaft bilden, in die Luft gesprengt wird.“9
Dies wirft natürlich auch die Frage auf, wann und in welchem Stadium breitere Teile der ArbeiterInnenklasse kommunistisches Bewusstsein entwickeln können, eine Frage, die besonders um die Jahrhundertwende, der Periode der Sozialdemokratie, intensiv debattiert wurde. In den Jahren 1840-1850 waren Marx und Engels jedoch eher daran interessiert, die in ihren Anfängen befindliche Klassenbewegung als Ganzes zu entwickeln. In diesem Sinne hatten sich aktiv und in führender Rolle im Bund der Kommunisten engagiert. Als sie jedoch nach der Niederschlagung der 1848er-Revolution einsehen mussten, dass die Möglichkeit einer proletarischen Revolution auf unbestimmte Zeit verschoben war, hatten sie keine Hemmungen mit jenen im Bund der Kommunisten zu brechen, die argumentierten dass eine Revolution unmittelbar auf der Tagesordnung stünde. Nach der Spaltung mit der Gruppe um Willich und Schapper zogen sie sich jedoch keineswegs auf ausschließlich theoretische Arbeiten zurück. Auch nach dem Ende des Bundes der Kommunisten standen beide in den kommenden Jahren in politischem Briefwechsel und kontinuierlicher Korrespondenz mit allen Elementen in Deutschland und anderswo, von denen sie glaubten, dass diese eines Tages einen Beitrag für einen neuen proletarischen Organisationsansatz leisten könnten. Selbst Marx und Schapper versöhnten sich wieder als klar wurde, dass Marx in der Frage einer möglichen proletarischen Revolution Recht behalten hatte. Es ist ein Mythos, dass das Kapital in der Isolation und vollkommen abgetrennt von den damaligen Debatten der ArbeiterInnenbewegung geschrieben wurde. Marx und Engels versuchten jedoch sich tunlichst aus den Auseinandersetzungen und Streitereien der verschiedenen kleinen Gruppen, die in dieser Periode auftauchten, herauszuhalten. Ebenso hielten sie sich auffallend in ihrer Kritik an Figuren wie bspw. Lassalle zurück, obwohl dieser ein höchst idealistisches Verständnis des ökonomischen Kampfes der Klasse hatte und sogar bereit war mit dem preußischen Staat zu kooperieren. Die politischen Kontakte, die Marx und Engels in dieser Zeit aufrechterhielten, waren später für ihr politisches Engagement in der 1864 entstandenen Ersten Internationale von enormer Wichtigkeit. Gleichwohl kam ihre Beteiligung in dieser Organisation eher zufällig zustande.

Die Erste Internationale

Die Internationale Arbeiterassoziation entstand einerseits aus den Bemühungen der englischen Trade Unions (Gewerkschaften) französischen Arbeiter davon abzuhalten englische Streiks zu brechen. Als Napoleon III. in einer seiner üblichen paternalistischen Gesten einer Delegation französischer Arbeiter „großzügig“ gestattete an der Londoner Weltausstellung von 1862 teilzunehmen, gab dies die Möglichkeit eines direkten Austausches. Diese Delegation französischer Arbeiter (in ihrer großen Mehrheit Anhänger Proudhons) nahmen an einer Konferenz englischer Gewerkschafter teil, mit denen sie schließlich übereinkamen die Gründung einer internationalen Assoziation in Angriff zu nehmen. An diesen Treffen nahmen auch nach London emigrierte ausländische Arbeiter teil, von denen einige bürgerliche Nationalisten wie bspw. Mazzini oder die französischen Republikaner unterstützten. Ebenso waren ehemalige Mitglieder des Bundes der Kommunisten mit dieser Initiative in Tuchfühlung gegangen, die mit Marx und Engels immer noch in engem politischen Kontakt standen. Marx wurde schließlich beauftragt, die Grundsatzdokumente (Inauguraladresse und die Provisorischen Statuten) der neu zu gründenden Organisation zu verfassen. Er war sich klar darüber, dass er hierbei mit großem Fingerspitzengefühl vorgehen musste, um das äußerst heterogene Bündnis nicht zu sprengen. Besonders die englischen Gewerkschafter standen einer weiteren Politisierung der Organisation äußerst kritisch gegenüber. Die besagten Dokumente waren daher keine tiefgehenden Darlegungen der Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus wie das Kommunistische Manifest. In einem Brief an Engels berichtete Marx von der Schwierigkeit „die Sache so zu halten, dass unsre Ansicht in einer Form erschien, die sie dem jetzigen Standpunkt der Arbeiterbewegung acceptable machte.“10So versuchte er das Augenmerk der Mitglieder der IAA von den unmittelbaren gewerkschaftlichen Fragen auf weitergehende politische Problemkomplexe und die Aufgaben der Arbeiterklasse zu lenken, und hob am Ende der Inauguraladresse unmissverständlich hervor: „Politische Macht zu erobern ist daher jetzt die große Pflicht der Arbeiterklasse.“11 Aus heutiger Sicht mag dies selbstverständlich klingen, aber damals war es eine Kampfansage an die britischen Mitglieder des Generalrates, die „die Pflicht“ der arbeitenden Klasse eher darin sahen Gewerkschaften zu bilden, für bessere Lebensbedingungen zu kämpfen, die politischen Auseinandersetzungen aber den bürgerlichen Parlamentariern zu überlassen. Marx hingegen versuchte den politischen Horizont der Internationale zu erweitern und die internationalistischen Perspektiven der Organisation stärker herauszuarbeiten. Er hoffte zu dieser Zeit, dass die britischen Gewerkschaften ernsthafte Schritte unternehmen würden, um die ArbeiterInnenbewegung weiter zu entwickeln. Doch ihre berufsständische Mentalität enttäuschte ihn immer wieder. Nach dem Reform Act 186712 schlossen sich viele britische Gewerkschafter der Liberalen Partei an (was Marx zu verhindern gehofft hatte als er die Statuten der IAA schrieb). William Cremer, der Generalsekretär der Internationale, wurde sogar liberaler Parlamentsabgeordneter. Im vorherigen Teil unserer Artikelreihe haben wir herausgearbeitet, inwieweit Marx und Engels sich in ihren theoretischen Auseinandersetzungen der Grenzen der Gewerkschaften und des rein ökonomischen Kampfes bewusst wurden. Allerdings wurde ihnen erst im Verlaufe ihrer praktischen politischen Aktivität in der Internationalen richtig klar, inwieweit die Gewerkschaften die Entwicklungsmöglichkeiten der Klassenbewegungen blockierten. So stellte Friedrich Engels 1871 in einem Brief an Carlo Cafiero ernüchtert fest: „Auch hier in England, wo die Bewegung der Arbeiterklasse fast so alt ist wie das Jahrhundert ist, findet man Gleichgültigkeit und Unwissenheit in Übermaß. Die Handelsunions-Bewegung (Anmerk.: trade unions = Gewerkschaften) ist unter allen großen, mächtigen und reichen Handelsunionen mehr zu einem Hindernis als zu einem Werkzeug für den Fortschritt der allgemeinen Bewegung geworden, und außerhalb der Handelsunion gibt es hier eine riesige Menge Londoner Arbeiter, die sich seit mehreren Jahren von der politischen Bewegung völlig fernhalten und daher sehr unwissend sind. Andererseits sind sie aber auch frei von vielen traditionellen Vorurteilen der Handelsunionisten und anderer alter Sekten und bilden ein ausgezeichnetes Material, mit dem man arbeiten kann.“13 Gegenüber der engstirnigen Politik der britischen Gewerkschaften wie auch der französischen Proudhonisten hoben Marx und Engels immer wieder hervor, dass die „Emanzipation der Arbeiterklasse durch die Arbeiterklasse selbst erobert werden muss, dass der Kampf für die Emanzipation der Arbeiterklasse kein Kampf für Klassenvorrechte und Monopole ist, sondern für gleiche Rechte und Pflichten und für die Vernichtung aller Klassen Herrschaft.“14
Dieses Zitat wird von den Anbetern der Spontaneität gerne aus dem Zusammenhang gerissen. Allerdings wollten Marx und Engels mit dieser Aussage die Notwenigkeit politischer Aktivität und einer politischen Organisation besonders hervorheben. Sie wandten sich damit gegen jene Kräfte in der IAA, die sich bei der Verteidigung der Arbeiterinteressen Unterstützung von bürgerlichen Parteien und Kräften erhofften. Die Verteidigung der Klassenautonomie setzt jedoch einen politischen Rahmen und ein klarer politisches Programm voraus.
Anfangs zeigten sich die britischen Gewerkschafter mit der von Marx verfassten Adresse einverstanden. Er hatte so eine politisches Basis um sich der Auseinandersetzungen mit den Proudhonisten zuzuwenden. Zu diesem Zeitpunkt war er bezüglich der politischen Einflussmöglichkeiten und der Entwicklungspotentiale der Internationale auch sehr optimistisch. Am 11. September 1867 schreib er an Engels: „Diesen Eseln von Proudhonisten werde ich persönlich auf dem nächsten Kongress zu Brüssel den Garaus machen. Ich habe die ganze Sache diplomatically managed und wollte nicht persönlich come out, eh mein Buch heraus und unsre Gesellschaft Wurzel gefasst. Übrigens werde ich in dem nächsten Official Report des General Council (trotz aller Mühe konnten die Pariser Schwätzer unsre Wiederwahl nicht verhindern) ihnen Rutenstreiche geben. Meanwhile hat unsere Gesellschaft große Fortschritte gemacht.(…) Die englischen Schweinehunde unter den Trade Unionists, denen wir zu weit waren, kommen gelaufen. Außer dem Courier fr(ancais) hat die Liberte`von Giardin, Siecle, Mode, Gazette de France etc. über unseren Kongress berichtet. Les choses marchent. Und bei der nächsten Revolution, die vielleicht näher ist, als es aussieht, haben wir (d.h. Du und ich) diese mächtige engine in unserer Hand. (…) Wir können sehr zufrieden sein“15

Der Niedergang der Internationale

Mit der Erhebung der Pariser Commune schienen sich Marxens Prognosen zu bestätigen. Allerdings war sein Optimismus bezüglich seiner Einflussmöglichkeiten in der Internationale unbegründet. Die Pariser Commune war ein weiterer wichtiger Schritt für die ArbeiterInnenklasse, um sich ihrer revolutionären Aufgaben (der Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparates) klar zu werden. Dennoch hatte die Internationale in Paris nur wenig organisatorischen Rückhalt. Die Pariser Sektion setzte sich zudem in ihrer großen Mehrheit aus Proudhonisten zusammen. Zwar spielten die Proudhonisten in der Internationale keine große Rolle mehr, allerdings hatten sie in Frankreich, wo die handwerkliche Kleinproduktion noch sehr verbreitet war, einigen Einfluss. Das proudhonistische Konzept einer mutualistischen Tauschwirtschaft16 unabhängiger Kleinproduzenten fiel hier noch auf fruchtbaren Boden. Proudhons viel zitierter Satz „Eigentum ist Diebstahl“ mag schön und radikal klingen. In Wirklichkeit waren Proudhon und die Proudhonisten jedoch weit davon entfernt, die kapitalistische Produktionsweise grundlegend in Frage zu stellen. Im Wesentlichen argumentierten sie für eine kleinbürgerliche Eigentumsordnung auf der Basis zinsgünstiger Kredite. Frauen fanden in Proudhons Gesellschaftsordnung keinen Platz. Ihnen war nach wie vor die Rolle zu Hause bei Heim und Herd zugedacht. Eine Ansicht, die damals auch von den englischen Trade Unions und weiten Teilen der überwiegend männerdominierten Arbeiterbewegung geteilt wurde.
1868 war der Einfluss der Proudhonisten im Generalrat nahezu vollständig zurückgedrängt. Allerdings entzündete sich nun an der Person des russischen Anarchisten Michael Bakunin ein neuer Konflikt. Wir können an dieser Stelle nicht ausgiebig auf die vielfältigen Bestrebungen Bakunins eingehen eine eigene Internationale in der Internationale zu schaffen. Gleichwohl zeigte der Kampf gegen seine Manöver noch einmal die Schwierigkeiten des Aufbaus einer transparenten Arbeiterorganisation auf der Grundlage eines gemeinsamen politischen wie organisatorischen Grundverständnisses. Letztendlich beschleunigte die Auseinandersetzung mit Bakunin den Niedergang der Internationale, die zu diesem Zeitpunkt schon lange ihren Zenit überschritten hatte. Die Auseinandersetzungen über die Erfahrungen der Pariser Commune wirbelten zusätzlichen Konfliktstoff auf. Die Notwendigkeit einer organisatorisch zentralisierteren und programmatisch kohärenteren internationalen Organisation trat immer deutlicher zutage. Die Erfahrungen der Ersten Internationale hatten zur Genüge gezeigt, dass nicht jeder, der vorgibt auf der Seite des Proletariats zu stehen, auch notwendigerweise eine klare Vorstellung davon haben muss, wie der Kapitalismus bekämpft werden kann. Um die Erfahrungen der Klasse reflektieren und programmatisch weiterentwickeln zu können, müssen sie als kollektives Gedächtnis der Klasse organisatorisch Gestalt annehmen. Angefangen von den eher vagen Verlautbarungen im Kommunistischen Manifest hatten Marx und Engels einen langen Weg zurückgelegt. Kurz bevor die IAA 1876 aufhörte zu existieren, zog Friedrich Engels folgende Bilanz der Ersten Internationale: „Sie gehörte der Periode des zweiten Kaiserreiches an, wo der in ganz Europa herrschende Druck der eben wieder erwachenden Arbeiterbewegung Einigkeit und Enthaltung von aller inneren Polemik vorschrieb. Es war der Moment, wo die gemeinsamen kosmopolitischen Interessen des Proletariats in den Vordergrund treten konnten. (…) Der erste große Erfolg musste dies naive Zusammengehen aller Fraktionen sprengen. Dieser Erfolg war die Kommune, die intellektuell das Kind der Internationale war, obwohl die Internationale keinen Finger rührte, um sie zu machen, und für die die Internationale soweit auch mit vollem Recht verantwortlich gemacht wurde. Als durch die Kommune die Internationale eine moralische Macht in Europa wurde, fing der Krakeel sofort an. Jede Richtung wollte den Erfolg für sich ausbeuten. Der Zerfall, der nicht ausbleiben konnte, kam. (…) Die Internationale hat zehn Jahre europäischer Geschichte nach einer Seite hin – nach der Seite hin, worin die Zukunft liegt – beherrscht und kann stolz auf ihre Arbeit zurückblicken. Aber in ihrer alten Form hat sie sich überlebt. Um eine neue Internationale in der Weise der alten, eine Allianz aller proletarischen Parteien aller Länder hervorzubringen, dazu gehört ein allgemeines Niederschlagens der Arbeiterbewegung, wie es 1849 – 1864 vorgeherrscht. Dazu ist jetzt die proletarische Welt zu groß, zu weitläufig geworden. Ich glaube die nächste Internationale wird – nachdem Marx` Schriften einige Jahre gewirkt – direkt kommunistisch sein und geradezu unsere Prinzipien aufpflanzen.“ 17 Dies führt uns zur Gründungsphase der Sozialdemokratie und der 1889 gegründeten Zweiten Internationale und damit zu neuen Herausforderungen und Erkenntnissen bezüglich der Entwicklung einer revolutionären Organisation, auf die wir im nächsten Teil unserer Artikelreihe eingehen werden.

Zum Weiterlesen:

Idealismus und bürgerlicher Materialismus (1. Teil unserer Artikelreihe zum Thema Klassenbewusstsein und revolutionäre Organisation)

Die Entwicklung proletarischen Klassenbewusstseins (2. Teil unserer Artikelreihe zum Thema Klassenbewusstsein und revolutionäre Organisation)

  1. Otto Rühle (1874-1943) war ein marxistischer Publizist und Theoretiker. Er gilt als Vordenker des Rätekommunismus, einer Strömung die die Organisationsform der Partei wie auch die Organisation der Revolutionäre ablehnt. [zurück]
  2. Otto Rühle:“Die soziale Revolution ist keine Parteisache“, in ,Kool, Frits (Hrsg.): Die Linke gegen die Parteiherrschaft, 1970, Seite 329. [zurück]
  3. Pierre-Joesph Proudhon (1809-1865) war ein französischer Ökonom und Soziologe und utopischer Sozialist. Trotz seiner frauenfeindlichen Ansichten und seines notorischen Antisemitismus hat er noch heute in anarchistischen Krisen viele Anhänger. [zurück]
  4. Karl Marx. Das Elend der Philosophie, Berlin 1973, Seite 174. [zurück]
  5. Marx/Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Berlin 1986, Seite 27. [zurück]
  6. Ebenda Seite 7. [zurück]
  7. Wilhelm Christian Weitling ( 1808-1871) war ein vom Christentum beeinflusster Frühsozialist. Er gilt als einer der ersten deutschen Theoretiker des Kommunismus. Weitling hatte großen Anteil an der Gründung des Bundes der gerechten, der sich 1847 in Bund der Kommunisten umbenannte [zurück]
  8. Ebenda: Seite 36. [zurück]
  9. Ebenda: Seite 31. [zurück]
  10. Marx an Engels 4. November 1864, MEW 31, Seite 14. [zurück]
  11. Marx an Engels 4. November 1864, MEW 31, Seite 14. [zurück]
  12. Der Reform Act von 1867 war eine Wahlrechtsänderung nach der alle männlichen Haushaltsvorstände im Vereinigten Königreich das Wahlrecht bekamen [zurück]
  13. Brief von Engels an Carlo Cafiero, 16.Juli 1871, in MEW Bd. 33, Seite 662. [zurück]
  14. Karl Marx: Provisorische Statuten der Internationalen Arbeiter-Assoziation, in Ausgewählte Werke Bd 3, Berlin 1989, Seite 18. [zurück]
  15. Marx an Engels 11. September 1867, in MEW Bd. 31, Seite 343. [zurück]
  16. Als Mutualismus bezeichnet man eine Form des Genossenschaftswesens welches auf der gegenseitigen Unterstützung basiert [zurück]
  17. Engels an Friedrich Adolph Sorge, 12.-17. September 1874, in MEW Bd. 33. Seite 641. [zurück]