Die Ära der Sozialdemokratie und der Kampf gegen den Revisionismus

(4. Teil unserer Artikelreihe zum Thema Klassenbewusstsein und revolutionäre Organisation)

Im letzten Teil unserer Artikelreihe haben wir argumentiert, dass der Kampf für die proletarische Selbstemanzipation eine politische Organisation voraussetzt. Marx und Engels hatten diese Notwendigkeit schon vor der Veröffentlichung des Kommunistischen Manifestes begriffen. Selbst in der langen Zeit der Klassenruhe, den sog. „goldenen Jahren“ des Kapitalismus (1850-1870) blieben sie in Kontakt und Diskussion mit anderen Revolutionären, um für die Zukunft vorbereitet zu sein. Vor diesem Hintergrund zögerten sie nicht sich 1864 an der Gründung der Ersten Internationale zu beteiligen, obwohl diese mehrheitlich von Proudhonisten und anderen Strömungen dominiert war. Die Geschichte der Internationale zeigte, dass sich das Proletariat nicht mit den alten Organisationsformen befreien konnte. Gleichzeitig wurde in den Debatten und Spaltungen der Internationale nicht nur die Notwendigkeit eines klaren Programms (welches die klassenversöhnlerischen Ideen Proudhons und der britischen Gewerkschaften ausschloss) sondern auch einer realen Verankerung in der ArbeiterInnenklasse eines jeden Landes deutlich. Zudem hatten die Manipulationen und geheimen Manöver von Bakunin und seinen Anhängern die Notwendigkeit klarer Strukturen und eines Statuts gezeigt, um als Organisation funktionieren zu können. 1868 ging Marx von einer neuen revolutionären Krise aus. Doch die Internationale war weiterhin eine äußerst heterogene Organisation mit sehr widerstreitenden Interessen und weit davon entfernt ein revolutionäres Instrument zu sein. Um die Internationale zu einer zentralisierteren und funktionierenden Organisation zu entwickeln, wäre mehr programmatische Homogenität nötig gewesen. Der Brüsseler Kongress, auf dem der Einfluss der Proudhonisten zurückgedrängt werden konnte, war in dieser Hinsicht ein gewisser Erfolg für Marx. Lange bevor Bakunins geheime Manöver ans Licht kamen hatte er für den Baseler Kongress von 1869 eine Resolution ausgearbeitet, die die Befugnisse des Generalrats ausweitete, bzw. das Recht zusprach bis zu Entscheidung des Kongresses bestimmte Sektionen suspendieren zu dürfen, die den Beschlüssen und Grundsätzen der Internationale zuwiderhandelten. Während sich die Proudhonisten von der Einrichtung von „Tauschbanken“ und Genossenschaften die Lösung der sozialen Frage versprachen, versteiften sich Bakunin und seine Anhänger auf die Gründung von Verschwörerorganisationen und Geheimgesellschaften als Träger unmittelbarer Aufstandsversuche. Dagegen argumentierten Marx und Engels für die Notwendigkeit eines bewussten politischen Kampfes und einer politischen Organisation der ArbeiterInnenklasse. Unter dem Eindruck der Niederschlagung der Pariser Commune erklärte Engels im September 1871 auf der Londoner Konferenz der Internationale: „Wir wollen die Abschaffung der Klassen. Was ist das Mittel, um dahin zu gelangen? Die politische Herrschaft des Proletariats. (…) Die Revolution aber ist der höchste Akt der Politik, und wer sie will muss auch das Mittel wollen – die politische Aktion, welche die Revolution vorbereitet, welche die Arbeiter für die Revolution erzieht ohne die die Arbeiter und ohne die die Arbeiter am nächsten Tage nach dem Kampf stets (…) geprellt sein werden. Aber die Politik, auf die es ankommt muss eine proletarische Politik sein; die Arbeiterpartei darf sich nicht als Schwanz irgendwelcher Bourgeoisparteien, sondern muss sich vielmehr als unabhängige Partei konstituieren, die ihr eigenes Ziel, ihre eigene Politik hat.“ 1Aber eine solche Partei kann weder das Produkt des bloßen Willens einiger Individuen sein, noch wird sie spontan aus den täglichen Kämpfen der Klasse entstehen. Während Marx und Engels versuchten die Internationale zu einer handlungsfähigen politischen Kraft zu machen, erkannten sie zugleich, dass das Programm einer solchen politischen Partei nur vor dem Hintergrund der wirklichen proletarischen Erfahrungen entwickelt werden kann.

Die Bedeutung der Pariser Commune

Die Pariser Commune von 1871 hatte gezeigt, wie die ArbeiterInnenklasse durch die Verteidigung ihrer eigenen Interessen in direkten Gegensatz zur kapitalistischen Gesellschaftsordnung geraten kann. Die revolutionären Aktionen der Klasse führten buchstäblich zur Weiterentwicklung ihres Bewusstseins und damit auch zur Weiterentwicklung des Programms der Klassenorganisation. Eine der großen Leistungen der Ersten Internationale bestand darin, die wirkliche Bedeutung der Pariser Commune für die Entwicklung des proletarischen Klassenbewusstseins erkannt zu haben. Indem er sich am 30. Mai 1871, zwei Tage nach der Niederschlagung der Pariser Commune, einstimmig für die Veröffentlichung von Marxens Schrift „Der Bürgerkrieg in Frankreich“ aussprach, gab der Generalrat der IAA eine internationalistische Antwort auf die Verleumdungen und Propagandakampagnen der Bourgeoisie. Bezüglich der Frage des Klassenbewusstseins griff Marx in dieser Schrift zentrale Überlegungen aus der „deutschen Ideologie“ wieder auf: „Die Arbeiterklasse verlangte keine Wunder von der Kommune. Sie hat keine fix und fertigen Utopien durch Volksbeschluß einzuführen. Sie weiß, dass, um ihre eigne Befreiung und mit ihr jene höhere Lebensform hervorzuarbeiten, der die gegenwärtige Gesellschaft durch ihre eigne ökonomische Entwicklung unwiderstehlich entgegenstrebt, dass sie, die Arbeiterklasse lange Kämpfe, und eine ganze Reihe geschichtlicher Prozesse durchzumachen hat, durch welche die Menschen wie die Umstände gänzlich gewandelt werden. Sie hat keine Ideale zu verwirklichen; sie hat nur die Elemente der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich bereits im Schoß der zusammenbrechenden Bourgeoisherrschaft entwickelt haben. Im vollen Bewußtsein ihrer geschichtlichen Sendung und mit dem Heldenentschluß, ihrer würdig zu handeln, kann die Arbeiterklasse sich begnügen, zu lächeln gegenüber den plumpen Schimpfereien der Lakaien von der Presse wie gegenüber der lehrhaften Protektion wohlmeinender Bourgeoisdoktrinäre, die ihre unwissenden Gemeinplätze und Sektierermarotten im Orakelton wissenschaftlicher Unfehlbarkeit abpredigen. Als die Pariser Kommune die Leitung der Revolution in ihre eigne Hand nahm; als einfache Arbeiter zum erstenmal es wagten, das Regierungsprivilegium ihrer „natürlichen Obern“, der Besitzenden, anzutasten, und, unter Umständen von beispielloser Schwierigkeit, ihre Arbeit bescheiden, gewissenhaft und wirksam verrichteten – sie verrichteten für Gehalte, deren höchstes kaum ein Fünftel von dem war, was nach einem hohen wissenschaftlichen Gewährsmann (Professor Huxley) das geringste ist für einen Sekretär des Londoner Schulrats –, da wand sich die alte Welt in Wutkrämpfen beim Anblick der roten Fahne, die, das Symbol der Republik der Arbeit über dem Stadthause wehte.“ 2Doch die neue und zentrale Erfahrung der Pariser Commune bestand darin in aller Deutlichkeit gezeigt zu haben, dass „die Arbeiterklasse nicht die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und diese für ihre eigenen Zwecke in Bewegung setzen“ kann. 3 Marxens Weigerung Blaupausen über die Gestalt einer zukünftigen kommunistischen Gesellschaft zu entwerfen, basierte im Wesentlichen auf den Erfahrungen der Pariser Commune:„Die Mannigfaltigkeit der Deutungen, denen die Kommune unterlag, und die Mannigfaltigkeit der Interessen, die sich in ihr ausgedrückt fanden, beweisen, daß sie eine durch und durch ausdehnungsfähige politische Form war, während alle früheren Regierungsformen wesentlich unterdrückend gewesen waren. Ihr wahres Geheimnis war dies: Sie war wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfs der hervorbringenden gegen die aneignende Klasse, die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte.“ 4 Wir können hier nicht detailliert auf den enormen Beitrag der Commune für die Weiterentwicklung kommunistischen Bewusstseins eingehen. Gleichwohl hob Marx wesentliche politische Elemente der Commune für eine zukünftige proletarische Bewegung hervor: Die Commune ersetzte das stehende Heer durch die Volksbewaffnung. Sie entwickelte das Prinzip der Wähl- und jederzeitigen Abwählbarkeit von Delegierten. Die Commune war kein abgehobenes Parlament oder Ministerium sondern eine arbeitende Körperschaft, die alle Bereiche der Gesellschaft einbezog. In diesem Sinne entwickelte die Commune als „endlich entdeckte politische Form“ wichtige Grundelemente für eine revolutionäre Gesellschaftsveränderung, der sog. „Diktatur des Proletariats“. Dem Anarchisten Bakunin, der dieser Idee freilich ablehnend gegenüberstand und fragte welche Klasse das Proletariat unterdrücken solle, antwortete Marx, dass sich die „Diktatur des Proletariats“ gegen die alte herrschende Klasse zu richten hätte, die der sozialen und politischen Transformation der Gesellschaft Widerstand entgegensetzen würde. Marx ging davon aus, dass diese „Sklavenhalterrebellionen“ den Prozess der gesellschaftlichen Umwälzungen beschleunigen würde, so dass an die Stelle der Diktatur des Proletariats eine Koordination gesellschaftlicher Belange treten könnte. Marx hob ebenso hervor, dass eine der großen Schwächen der Commune ihre geographische Begrenzung auf das Gebiet von Paris war. (Vor dieser Gefahr und Schwäche hatte er die Kommunarden schon vor dem 18. März gewarnt.) Schließlich argumentierte er, dass die Commune eine neue Phase des Klassenkampfes eingeleitet hätte. Nach dem Preußisch-Französischen Krieg war die französische herrschende Klasse nur mit Hilfe ihrer einstigen deutschen Feinde in der Lage gewesen, die Commune niederzuwerfen, indem der Kanzler des vereinigten Deutschlands, Bismarck, es dem französischen monarchistischen Präsidenten Thiers gestattete, seine 40.000 Mann starke Armee gegen Paris in Marsch zu setzen: „Dass nach dem gewaltigsten Krieg der neuen Zeit die siegreiche und die besiegte Armee sich verbünden zum gemeinsamen Kampf Abschlachten des Proletariats – ein so unerhörtes Ereignis beweist, nicht wie Bismarck glaubt, die endliche Niederdrückung der sich emporarbeitenden neuen Gesellschaft, sondern die vollständige Zerbröckelung der alten Bourgeoisgesellschaft. Der höchste heroische Aufschwung, dessen die alte Gesellschaft noch fähig war, ist der Nationalkrieg, und dieser erweist sich jetzt als reiner Regierungsschwindel, der keinen anderen Zweck mehr hat, als den Klassenkampf hinauszuschieben, und der beiseite fliegt, sobald der Klassenkampf im Bürgerkrieg auflodert. Die Klassengesellschaft ist nicht mehr imstande, sich unter einer nationalen Uniform zu verstecken; die nationalen Regierungen sind eins gegenüber dem Proletariat.“ 5Um die Bedeutung der Commune für die Weiterentwicklung kommunistischer Ideen hervorzuheben, fügten Marx und Engels der deutschen Ausgabe des Kommunistischen Manifestes von 1872 eigens eine neue Einleitung hinzu. Da sie sich außer Stande sahen den alten Text zu ändern (da dieser mittlerweile selbst Teil der proletarischen Geschichte war), hoben sie in der Einleitung hervor, dass das Manifest in einigen Punkten veraltet sei: „Wie sehr sich auch die Verhältnisse in den letzten fünfundzwanzig Jahren geändert haben, die in diesem `Manifest` entwickelten allgemeinen Grundsätze behalten im Ganzen und großen auch heute noch ihre volle Richtigkeit. Einzelnes wäre hier und da zu bessern. Die praktische Anwendung dieser Grundsätze, erklärt das `Manifest`selbst, wird überall und jederzeit von den geschichtlich vorliegenden Umständen abhängen, und wird deshalb durchaus kein besonderes Gewicht auf die am Ende von Abschnitt II vorgeschlagenen revolutionären Maßnahmen gelegt. Dieser Passus würde heute in vieler Beziehung anders lauten. Gegenüber der immensen Fortentwicklung der großen Industrien den letzten fünfundzwanzig Jahren und der mit ihr fortschreitenden Parteiorganisation der Arbeiterklasse, gegenüber den praktischen Erfahrungen, zuerst der Februarrevolution und noch weit mehr der Pariser Kommune, wo das Proletariat zum erstenmal zwei Monate lang die politische Gewalt innehatte, ist heute dies Programm stellenweise veraltet.“6Zu diesen veralteten Punkten würde heute auch die Verstaatlichung von Produktionsmitteln zählen, die, wie die Geschichte gezeigt hat, der proletarischen Emanzipation nicht förderlich ist, sondern eher der Verteidigung der kapitalistischen Interessen dient. Gleichwohl war dies im Jahre 1872 noch nicht abzusehen. Der wirklich entscheidende Punkt war für Marx und Engels die Frage der revolutionären Transformation der Gesellschaft. Und so bezogen sie sich in ihrer Einleitung von 1872 noch einmal ausdrücklich auf die Schrift „Die Klassenkämpfe in Frankreich“: „Namentlich hat die Kommune den Beweis geliefert, dass `die Arbeiterklasse nicht die fertige Staatsmaschine nicht einfach in Besitz nehmen und sie für ihre eigenen Zwecke in Bewegung setzen kann.“ 7 Von nun an war es für die kommunistische Bewegung offenkundig, dass die ArbeiterInnenklasse den bürgerlichen Staat zerschlagen muss, um eine neue Gesellschaft zu schaffen. Während die Pariser ArbeiterInnen kämpften und starben und von den überlebenden Kommunarden gute Bücher über die Geschichte der Commune geschrieben wurden, hatte Marx wesentlichen Anteil daran, auf der Grundlage seiner vorangegangenen Analysen diese Erkenntnis zu erarbeiten und zu verbreiten. An den Ideen des Kommunistischen Manifestes anknüpfend war Marx sich darüber im Klaren, dass „die theoretischen Sätze der Kommunisten (…) keineswegs auf Ideen, auf Prinzipien (beruhen), die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind. Sie sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes, einer unter unseren Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung.“ Im 19. Jahrhundert hatte der Großteil der ArbeiterInnenklasse keinen Zugang zu Bildungseinrichtungen, da dies von der herrschenden Klasse für zu gefährlich gehalten wurde. Auch wenn sich einzelne Arbeiter (wie bspw. Weitling oder Dietzgen) als Autodidakten fortbildeten, fiel die Auswertung von Kampferfahrungen vorrangig jenen KommunistInnen zu, die „theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung“ voraushatten. In diesem Falle waren das paradoxerweise Menschen wie Marx, also Intellektuelle aus bürgerlichen Verhältnissen mit keinem oder nur sehr wenig Verbindungen zur ArbeiterInnenklasse. In den späteren Debatten über Spontaneität, Organisation und die Entwicklung von Klassenbewusstsein, an denen sich maßgeblich Kautsky, Lenin, Luxemburg u.a. beteiligten, führte die soziale Herkunft der jeweiligen Theoretiker und der Umstand, dass die Klasse nicht unmittelbar aus ihren eigenen Erfahrungen heraus Klassenbewusstsein entwickelte zu einigen Verwirrungen. Gleichwohl wurde auch in diesen Diskussionen deutlich, dass die Klasse eine permanente revolutionäre Organisation braucht, die als kollektives Gedächtnis der Klasse fungieren kann. Wir werden später auf dieses Problem zurückkommen. Vorerst gilt es jedoch festzuhalten, dass die zentrale Lehre der Pariser Commune im weiteren Verlauf der proletarischen Bewegung vergessen werden sollte.

Die Kritik des Gothaer Programms

Die „Partei Marx“ triumphierte in der Ersten Internationale, allerdings war dies ein Pyrrhussieg. Marx hatte gehofft, dass sich die Internationale zu einer Kraft entwickeln würde, die das Proletariat in mehreren Ländern vereinigen könnte. Doch 1876 mussten er und Engels sich eingestehen, dass dies nur auf der Grundlage verankerter Sektionen in den jeweiligen Ländern möglich sein könnte. Davon war die Internationale jedoch nicht nur weit entfernt, sondern sie hatte sich überlebt und war in einem Zersetzungsprozess begriffen. Der Niedergang der Internationale war nicht mehr aufzuhalten. Dennoch entstanden in verschiedenen Ländern neue sozialistische Organisationen und Parteien. Dies war besonders in Deutschland von Bedeutung, wo die Internationale von jeher schwach war und das politisch aktive Proletariat in die Anhänger Lassalles auf der einen und die Wilhelm Liebknechts (einen wankelmütigen Unterstützer von Marx) auf der anderen Seite gespalten war. Doch auch nachdem Lassalle 1864 in einem Duell ums Leben gekommen war, verteidigte der von ihm 1866 ins Leben gerufene Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) die Vorstellung, dass das allgemeine Wahlrecht die ArbeiterInnenklasse an die Macht bringen, und der preußische Staat dazu gebracht werden könnte Arbeiterkooperativen zu unterstützen. Lassalle hatte diesbezüglich sogar Geheimverhandlungen mit Bismarck geführt. Erst 1869 gelang es Liebknecht und dem jungen August Bebel in Eisenach die „Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands“ als organisatorische Alternative zum ADAV ins Leben zu rufen. Dennoch wurden beide Parteien trotz aller Differenzen Mitgliedssektionen der Ersten Internationale. Als die Eisenacher mit der mutigen Parole „Diesem System keinen Mann und keinen Groschen“ gegen den Preußisch-Französischen Krieg Stellung bezogen, wurden sowohl die SDAP als auch der ADAV verboten. Dies legte die Grundlage zu ihrer 1875 in Gotha vollzogenen Vereinigung zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands. Dies war der Beginn einer neuen Phase der ArbeiterInnenbewegung, das Zeitalter der Sozialdemokratie. 1889 gründete sich die Zweite Internationale, in der sich zum ersten Mal in der Geschichte relevante Parteien mit sozialistischem Anspruch zusammenschlossen. Gleichwohl vollzog sich diese neue Entwicklung aus revolutionär-marxistischer Perspektive nicht ohne Probleme. Marx und Engels äußerten sich fortwährend abfällig über die mangelnde programmatische Klarheit der deutschen Partei und waren gleichermaßen über die Entwicklungen in Großbritannien und Frankreich tief besorgt. Erinnert sei nur an Marxens berühmten Ausspruch: „Alles was ich weiß ist, dass ich kein Marxist bin“ – eine Replik auf die politischen Verballhornungen in der französischen Partei. Doch im Zentrum der Aufmerksamkeit von Marx und Engels stand die deutsche Partei. Insbesondere das Gothaer Programm, welches die politische Grundlage der Vereinigung von Eisenachern und Lassalleanern bildete, wurde von ihnen auseinandergenommen. Insgesamt stellte das Gothaer Programm einen Rückschritt hinter das Programm der Eisenacher dar. Die von Marx und Engels verfassten „Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei“ wurde allgemein als „Kritik des Gothaer Programm“ bekannt. In einem Begleitschreiben an Wilhelm Bracke machte Marx aus seiner politischen Ablehnung keinen Hehl: „Abgesehen davon ist es meine Pflicht, ein nach meiner Überlegung durchaus verwerfliches und die Partei demoralisierendes Programm auch nicht durch diplomatisches Stillschweigen anzuerkennen.8 Doch leider war das die praktische Konsequenz. Die „Kritik des Gothaer Programms“ wurde vorerst nicht veröffentlicht und Marx und Engels unternahmen in dieser Hinsicht keine Initiativen. Erst 1891 als die SPD wieder einmal in äußerst widersprüchliche programmatische Positionen schlitterte, entschloss sich Engels den alten Text zu veröffentlichen. In den bereits zitierten Begleitschreiben an Wilhelm Bracke fuhr Marx fort: „Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme. Konnte man also nicht und die Zeitumstände ließen das nicht zu – über das Eisenacher Programm hinausgehen, so hätte man einfach eine Übereinkunft für Aktion gegen den gemeinsamen Feind abschließen sollen.“ 9 Der erste Satz wird häufig gerne aus dem Zusammenhang zitiert, um Marx eine spontaneistische Herangehensweise an das Problem des Klassenbewusstseins zu unterstellen. Doch in Wirklichkeit brachte er hier seine Bestürzung über das Gothaer Programm zum Ausdruck, welches er in keiner Weise für einen Schritt vorwärts in einer „tatsächlichen Bewegung“ ansah. Vielmehr hatte sich Marx zunächst für eine Zusammenarbeit mit den Lassalleanern stark gemacht um ihre Konfusionen in der Praxis aufzuzeigen. Die Herausgabe eines gemeinsamen Programms hielt er für verfrüht. Diese Kritik wurde von Engels in einem Brief an Bebel noch einmal ausdrücklich unterstrichen: „Zweitens wird das Prinzip der Internationalität der Arbeiterbewegung praktisch für die Gegenwart vollständig verleugnet, und das von Leuten, die fünf Jahre lang und unter den schwierigsten Umständen dies Prinzip auf die ruhmvollste Weise hochgehalten.“()10 Engels bezog sich hier noch einmal ausdrücklich auf den Kampf der Eisenacher gegen Bismarcks Kriegspolitik. Bezeichnenderweise war es gerade die Stellung der SPD zum Krieg, die 1914 ihren vollkommen verfaulten Charakter offenbarte. Engels schloss seinen Brief an Bebel mit den Worten: „Im Allgemeinen kommt es weniger auf das offizielle Programm einer Partei an, als auf das was sie tut. Aber ein neues Programm ist doch immer eine öffentlich aufgepflanzte Fahne, und die Außenwelt beurteilt danach die Partei. Es sollte daher keinesfalls einen Rückschritt enthalten, wie dies gegenüber dem Eisenacher. Man sollte doch auch bedenken, was die Arbeiter anderer Länder zu diesem Programm sagen werden; welchen Eindruck diese Kniebeugung des gesamten deutschen sozialistischen Proletariats vor dem Lassalleanismus machen wird11 Doch weitaus schwerwiegender wog der Umstand, dass die „aufgepflanzte Fahne“ so buntscheckig war, dass sich nicht einmal den Mitgliedern der deutschen Sozialdemokratie eine klare Orientierung bot. Die Unfähigkeit der demokratischen Bourgeoisie in Deutschland eine bürgerliche Revolution durchzuführen, geschweige denn die Kleinstaaterei zu überwinden (die nationale Einigung Deutschlands wurde durch Bismarck mit „Blut und Eisen“ hergestellt), hatte zur Folge, dass sich auch viele frühere Liberale und Demokraten der Sozialdemokratie zuwandten und maßgeblich zur politischen Verwässerung der Partei beitrugen: „Um ihr aufsteigendes Gestirn sammelten sich verkannte Erfinder und Reformer, Impfgegner, Naturheilkundige und ähnlich schrullenhafte Genies, die in den arbeitenden Klassen, die sich mächtig regten, die ihnen sonst versagte Anerkennung zu finden hofften. Wer nur guten Willen mitbrachte und irgendein Heilmittel für den kranken Gesellschaftskörper wusste, wurde willkommen geheißen, und zumal der Zustrom aus akademischen Kreisen, der den Bund zwischen Proletariat und Wissenschaft zu besiegeln verhieß. Ein Universitätslehrer nun gar, der sich mit dem Sozialismus, in dieser und jener Schattierung des vieldeutigen Begriffs, anfreundete, oder anzufreunden schien brauchte keine allzu strenge Kritik seiner geistigen Habe zu fürchten.“ 12Für sich genommen hatten Marx und Engels während ihrer Aktivitäten in der Ersten Internationale keine Probleme damit nichtproletarische Elemente in die Organisation aufzunehmen. Gleichwohl waren sie sich über die Gefahr einer Überschwemmung der Organisation mit bürgerlichen Elementen vollkommen im Klaren. Die deutschen Sozialdemokraten hatten diesbezüglich überhaupt keine Bedenken. In kurzer Zeit wurde die Partei von den reaktionären Ideen der sog. „Kathedersozialisten“ um Eugen Dühring überflutet. Zunächst zogen es Marx und Engels vor hinter den Kulissen zu operieren und durch gezielte politische Korrespondenzen Einfluss zu nehmen. In einem Brief an Bebel begründete Engels diese Herangehensweise folgendermaßen: „Wenn unter der Bourgeoispresse ein einziger kritischer Kopf wäre, er hätte dies Programm Satz für Satz durchgenommen, jeden Satz auf seinen wirklichen Inhalt hin untersucht, den Unsinn recht handgreiflich auseinandergelegt, die Widersprüche und ökonomischen Schnitzer (…)entwickelt und unsere ganze Partei gräulich lächerlich gemacht. Statt dessen haben die Esel von Bourgeoisblättern dies Programm ganz ernsthaft genommen, hineingelesen, was nicht darin steht, und es kommunistisch gedeutet. Die Arbeiter scheinen dasselbe zu tun. Es ist dieser Umstand allein, der es Marx und mir möglich gemacht hat, uns nicht öffentlich von einem solchen Programm loszusagen. Solange unsere Gegner und ebenso die Arbeiter diesem Programm unsere Ansichten unterschieben, ist es uns erlaubt, darüber zu schweigen.13

Die Auseinandersetzung in der SPD

Doch diese taktische Zurückhaltung ließ sich nicht länger aufrechterhalten. 1877 musste Marx feststellen: „In Deutschland macht sich in unsrer Partei, nicht so sehr in der Masse, als unter den Führern (höherklassigen und’ Arbeitern`) ein fauler Geist geltend. Der Kompromiß mit den Lassallianern hat zu Kompromiß auch mit anderen Halbheiten geführt, in Berlin (via Most) mit Dühring und seinen `Bewunderern`, außerdem aber mit einer ganzen Bande halbreifer Studiosem und überweiser Doctores, die dem Sozialismus eine `höhere, ideale` Wendung geben wollen, d.h. die materialistische Basis (die ernstes, objektives Studium erheischt, wenn man auf ihr operieren will) zu ersetzen durch moderne Mythologie mit ihren Göttinnen der Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit und fraternité.“ 14Es führte nun kein Weg daran vorbei einen offenen politischen Kampf gegen diese Strömungen aufzunehmen. Politische Orientierung muss sich in offenen Debatten und Verständigungsprozessen herausschälen. Es reicht nicht aus sich einfach das Etikett „Sozialist“ anzuheften. Die Debatten der ArbeiterInnenbewegung erscheinen einigen als ermüdend (und oft sind sie es auch). Aber ohne politische Klärung über die Ausgangsbedingungen und Perspektiven der sozialistischen Revolution kann es keine revolutionäre Bewegung geben. Es führt nicht weiter, die Schriften von Marx und Engels als heilige Kühe zu betrachten, aus denen man je nach Belieben und am besten noch aus dem historischen Zusammenhang heraus zitieren kann. Gerade die vielen Briefwechsel und Korrespondenzen die Marx und Engels während dieser Periode der Sozialdemokratie schrieben, machen deutlich, dass es ihnen nicht um die Ausarbeitung eines ausgefeilten Systems von „Wahrheiten letzter Instanz“ ging. Dies war eher das Steckenpferd Eugen Dührings, eines geschassten Universitätsdozenten, der eine antimaterialistische und zutiefst antisemitisch geprägte Heilslehre vertrat, die er „Wirklichkeitsphilosophie“ nannte. Dühring lehnte die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie genauso vehement ab wie den historischen Materialismus. Stattdessen propagierte er die Idee eines klassenunspezifischen „ethischen Sozialismus“, der in der Praxis auf Kompromisse und Kollaboration mit der bürgerlichen Ordnung abzielte. Um dem Einfluss Dührings zu begegnen, verfasste Engels mit Unterstützung von Marx eine Reihe von Artikeln, in denen er die ahistorischen und klassenunspezifischen Denkkategorien Dührings einer radikalen Kritik unterzog, und u.a. hervorhob, „daß die Menschen, bewußt oder unbewußt, ihre sittlichen Anschauungen in letzter Instanz aus den praktischen Verhältnissen schöpfen, in denen ihre Klassenlage begründet ist – aus den ökonomischen Verhältnissen, in denen sie produzieren und austauschen.“ (14). Trotz des heftigen Widerstands der Anhänger Dührings, wie bspw. Johann Most, der mit allen Mitteln versuchte eine Veröffentlichung zu verhindern, gelang es schließlich die Artikelreihe in der sozialdemokratischen Presse zu veröffentlichen und später auch als Buch, dem sog. „Anti-Dühring“ herauszugeben. Der „Anti-Dühring“ sorgte in den Reihen der Sozialdemokratie für Aufsehen und Furore und hatte wesentlichen Anteil daran den Einfluss Dührings zurückzudrängen. Doch damit war der Kampf noch lange nicht vorbei. Im Juli 1879 erschien in der Zeitschrift „Jahrbuch für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“, die aufgrund der „Sozialistengesetzte“ im Züricher Exil herausgegeben werden musste, ein von Karl Höchberg, Eduard Bernstein und Carl August Schramm verfasster Artikel mit dem Titel „Rückblicke auf die sozialistische Bewegung in Deutschland“. In diesem Artikel wurden die reaktionären Sozialistengesetze Bismarcks auf das angeblich zu radikale Auftreten der Sozialdemokratie zurückgeführt, durch welche das „Bürgertum durch die Furcht vor dem roten Gespenst ins Bockshorn“ gejagt worden sei. Stattdessen müsse nun der „Weg der Gesetzlichkeit, d.h. der Reform“ beschritten werden und die erzwungen Sozialistengesetze zur Buße und Einkehr genutzt werden. Die Sozialdemokratie müsse eine Partei „aller von Menschenliebe erfüllter Männer“ und keine „einseitige Arbeiterpartei“ sein. Marx und Engels waren empört und ließen ihrem Ärger in einem Zirkularbrief an führende Mitglieder der SPD freien Lauf:„ Die Lassallesche Partei zog es vor, sich in einseitiger Weise als Arbeiterpartei zu gerieren.“ Die Herrn die das schreiben sind selbst Mitglieder einer Partei, die sich in einseitiger Weise als Arbeiterpartei geriert, sie bekleiden jetzt Amt und Würden in ihr. Es liegt hier eine absolute Unverträglichkeit vor. Meinen sie, was sie schreiben, so müssen sie aus der Partei austreten, mindestens Amt und Würden niederlegen. Tun sie es nicht, so gestehen sie damit ein, dass sie ihre amtliche Stellung zu benutzen gedenken, um den proletarischen Charakter der Partei zu bekämpfen. Die Partei verrät sich selbst, wenn sie sie in Amt und Würden lässt.(…) Jene Herren aber, wie nachgewiesen, stecken über und über voll bürgerlicher und kleinbürgerlicher Vorstellungen. In einem so kleinbürgerlichen Land wie Deutschland haben diese Vorstellungen sicherlich ihre Berechtigung. Aber nur außerhalb der sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Wenn die Herren sich als sozialdemokratische Kleinbürgerpartei konstituieren, so sind sie in ihrem vollen Recht (…) Aber in einer Arbeiterpartei sind sie ein fälschendes Element. Sind Gründe da, sie vorderhand darin zu dulden, so besteht die Verpflichtung, sie nur zu dulden, ihnen keinen Einfluss auf Parteileitung zu gestatten, sich bewusst zu bleiben, dass der Bruch mit ihnen nur eine Frage der Zeit ist. Diese Zeit scheint übrigens gekommen. Wie die Partei die Verfasser dieses Artikels noch länger in ihrer Mitte dulden kann, erscheint uns unbegreiflich. (…) Was uns betrifft, so steht uns nach unsrer ganzen Vergangenheit nur ein Weg offen. Wir haben seit 40 Jahren den Klassenkampf als nächste treibende Macht der Geschichte und speziell den Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat als den großen Hebel der modernen sozialen Umwälzung hervorgehoben; wir können also unmöglich mit Leuten zusammengehen, die diesen Klassenkampf aus der Bewegung streichen wollen. Wir haben bei Gründung der Internationale ausdrücklich den Schlachtruf formuliert: Die Befreiung der Arbeiterklasse muss das Werk der Arbeiterklasse selbst sein. Wir können also nicht zusammengehen mit Leuten, die es offen aussprechen, dass die Arbeiter zu ungebildet sind, sich selbst zu befreien, und erst von oben herab befreit werden müssen durch philanthropische Groß- und Kleinbürger. Wird das neue Parteiorgan eine Haltung einnehmen, die den Gesinnungen jener Herrn entspricht, bürgerlich ist und nicht proletarisch, so bleibt uns nichts übrig, so leid es uns tun würde, als uns öffentlich dagegen zu erklären und die Solidarität zu lösen, mit der wir bisher die deutsche Partei dem Ausland gegenüber vertreten haben.“15 Doch wieder einmal beließen sie es bei einer Drohung. Bernstein hatte sich nach der Lektüre des Anti-Dühring zum „Marxismus“ bekehrt und war gemeinsam mit Bebel nach London gereist um die beiden Alten zu beruhigen. Dies gelang und fortan arbeitete Bernstein eng mit Engels zusammen. Der künftige Vater des Revisionismus entwickelte sich unter Engels Ägide zu einem führenden Theoretiker der Partei. Marx und Engels hatten sich stets für eine taktische Ausnutzung des Parlaments für die Propagierung des Sozialismus ausgesprochen. Doch nun begannen Mittel und Ziel zunehmend zu verschwimmen. Marx und Engels hatten bis zu einem gewissen Grad auch Anteil daran diese Konfusionen zu verstärken, als sie dazu übergingen die anwachsende sozialdemokratische Massenbewegung mit der ArbeiterInnenklasse gleichzusetzen. Doch dies war auch den enormen Wahlerfolgen der Sozialdemokratie während der Repression der „Sozialistengesetze“ geschuldet. Als die SPD im Oktober 1881 312 000 Stimmen erhielt und zwölf Reichstagsmandate eroberte, war Engels vollkommen aus dem Häuschen: „So famos hat sich noch kein Proletariat benommen“, schrieb er an Eduard Bernstein. „In Deutschland nach 3 Jahren unerhörter Verfolgungen, nie nachlassenden Drucks, kompletter Unmöglichkeit öffentlicher Organisation und selbst Verständigung, stehen unsere Jungens nicht nur in alter Kraft da, sondern verstärkt.“16 1890 konnte die SPD sieben Jahre nach Marxens Tod, trotz aller Repression und Beeinträchtigung durch die „Sozialistengesetze“ 1,4 Millionen Stimmen gewinnen. Wenig später waren die Sozialistengesetze zu Fall gebracht. Es stellte sich nun zunehmend die Frage, ob es der Parlamentarismus einer sozialistischen Partei erlaube auf friedlichem Wege an die Macht zu kommen. In einer Rede auf dem Haager Kongress der IAA hatte Marx die Möglichkeit in einigen Ländern friedlich die Macht zu erobern in Erwägung gezogen: „Wir wissen, dass man die Institutionen, die Sitten und die Traditionen der verschiedenen Länder berücksichtigen muss, und wir leugnen nicht, dass es Länder gibt, wie Amerika, England, und wenn mir eure Institutionen besser bekannt wären, würde ich vielleicht noch Holland hinzufügen, wo die Arbeiter auf friedlichem Wege zu ihrem Ziel gelangen können“. Aber er war keineswegs bereit, diese Möglichkeit zu verallgemeinern: „Wenn das wahr ist, müssen wir auch anerkennen, dass in den meisten Ländern des Kontinents der Hebel unserer Revolutionen die Gewalt sein muss“ 17 Der Vorstellung einer parlamentarischen Machteroberung durch das Proletariat stand er zeitlebens kritisch gegenüber und machte sich mehr als einmal über den Legalismus der sozialdemokratischen Abgeordneten lustig, die „schon so weit vom parlamentarischen Idiotismus angegriffen (seien), dass sie glauben, über der Kritik zu stehn, dass sie die Kritik als ein crime de lèse majesté 19 (Majestätsbeleidigung) verdonnern!“ 18Vielmehr hob er immer wieder hervor, dass die herrschende Klasse ihre Macht nicht freiwillig aufgeben werde: „Das Ziel … ist die Emanzipation der Arbeiterklasse und die darin enthaltene Umwälzung (Umwandlung) der Gesellschaft. Friedlich kann eine historische Entwicklung nur so lange bleiben, als ihr keine gewaltsamen Hindernisse seitens der jedesmaligen gesellschaftlichen Machthaber in den Weg treten. Gewinnt z. B. in England oder in den Vereinigten Staaten die Arbeiterklasse die Majorität im Parlament oder Kongress, so könnte sie auf gesetzlichem Weg die ihrer Entwicklung im Weg stehenden Gesetze und Einrichtungen beseitigen, und zwar auch nur, soweit die gesellschaftliche Entwicklung dies erfordere. Dennoch könnte die friedliche Bewegung in eine gewaltsame umschlagen durch Auflehnung der am alten Zustand Interessierten; werden sie (wie im Amerikanischen Bürgerkrieg und in der Französischen Revolution) durch Gewalt niedergeschlagen, so als Rebellen gegen die gesetzliche Gewalt.19

Die Entwicklung der Sozialdemokratie

Marx argumentierte hier sehr hypothetisch. Er konnte natürlich nicht vorhersehen, dass die Sozialdemokratie, die er als politischen Ausdruck der ArbeiterInnenbewegung verstand, parlamentarische Illusionen in der Klasse geradezu zementieren würde. Engels hingegen bekam davon kurz vor seinem Tode zumindest eine Vorahnung. Während der Debatten über das Erfurter Programm sah er sich gezwungen die „Kritik des Gothaer Programms“ zu veröffentlichen, um so einen Kontrapunkt gegen Georg Vollmar und seine Anhänger zu setzen, die ausschließlich auf den parlamentarischen Weg setzten und dabei selbst Koalitionen mit bürgerlichen Parteien nicht ausschlossen. Gleichzeitig wandte sich Engels gegen die oppositionelle Strömung der „Jungen“, einer linksradikalen Gruppe von Intellektuellen, die sich vehement gegen den Parlamentarismus aussprach. Engels befürchtete, dass die von den Jungen geforderte Abkehr vom Parlamentarismus die Partei von einer wichtigen Propagandabühne für den Sozialismus abschneiden würde. Dennoch ging Engels nie davon aus, dass SozialistInnen auf die Erringung einer parlamentarischen Mehrheit setzen sollten, um so die Gesellschaft tiefgreifend zu ändern. Stattdessen sah er Wahlkämpfe und Wahlerfolge eher als Kampfansagen und Herausforderungen an die Bourgeoisie an, die letztendlich den Weg zum finalen Kampf gegen das System erleichtern würden. In einem Kommentar zum Erfurter Programm hob Engels hervor, dass insbesondere die Erfahrungen in Deutschland gezeigt hätten, „wie kolossal die Illusion ist, als könne man dort auf gemütlich-friedlichem Weg die Republik einrichten, und nicht nur die Republik, sondern die kommunistische Gesellschaft.“20
1895 wurde Engels beauftragt eine neue Einleitung zu den „Klassenkämpfen in Frankreich“ zu schreiben und wurde prompt Opfer opportunistischer Manöver. Wilhelm Liebknecht publizierte die Einleitung im Vorwärts. Allerdings kürzte er sie entscheidend und strich besonders all jene Passagen die auf die Notwendigkeit eines gewaltsamen Umsturzes orientierten. In einem Brief an Paul Lafargue beklagte sich Engels bitterlich über dieses Manöver: „Liebknecht hat mir gerade einen schönen Streich gespielt. Er hat meiner Einleitung zu den Artikeln von Marx über das Frankreich von 1848 bis 1850 alles das entnommen, was ihm dazu dienen konnte, die um jeden Preis friedliche und Gewaltanwendung verwerfende Taktik zu stützen, die es ihm seit einiger Zeit, besonders in diesem Augenblick zu predigen beliebt, wo man in Berlin Ausnahmegesetze vorbereitet. Diese Taktik aber predige ich nur für das heutige Deutschland, und dann noch mit erheblichen
Vorbehalten. Für Frankreich, Belgien, Italien, Österreich eignet sich diese Taktik in ihrer Gesamtheit nicht, und für Deutschland kann sie schon morgen unanwendbar werden. Ich bitte Sie also, den vollständigen Artikel abzuwarten, ehe Sie urteilen – wahrscheinlich wird er in der ,,N[euen] Z[eit]“ erscheinen, und ich erwarte von einem Tag zum andern Exemplare der Broschüre. Es ist bedauerlich, daß L[ie]bk[necht] nur schwarz oder weiß sieht. Die Nuancen existieren für ihn nicht.
21Engels versuchte dies zu korrigieren und die Einleitung zu den Klassenkämpfen in Frankreich in Kautskys Zeitschrift „Neue Zeit“ zu veröffentlichen. Die „Neue Zeit“ veröffentlichte die „Einleitung“ allerdings erst nach Engels Tod und auch hier wurden wichtige Passagen unter den Tisch gekehrt. Engels sollte nie erfahren, wie sehr er übers Ohr gehauen und verfälscht wurde. Die ursprüngliche Fassung wurde erst 1924, nach der Niederschlagung der revolutionären Welle, von dem marxistischen Historiker Rjasanow aufgefunden und veröffentlicht. Für die Linke in der Sozialdemokratie hatte das zur Folge, dass sie in ihrem Kampf gegen den Opportunismus in einer sehr buchstabengläubigen Partei stets gegen die Autorität des „alten Engels“ argumentieren mussten, der von den Reformisten gewissermaßen als Kronzeuge für ihre Politik in Beschlag genommen wurde. In ihrer Rede auf dem Gründungsparteitag der KPD führte Rosa Luxemburg aus, was das für die damaligen linken Fraktionen und die SPD bedeutete: „Von nun an beherrschte diese Auffassung tatsächlich die deutsche Sozialdemokratie in ihrem Tun und Lassen, bis wir das schöne Erlebnis am 4. August 1914 gehabt haben. Es war die Proklamierung des Nichts-als-Parlamentarismus. Engels hat ja die Ergebnisse, die praktischen Folgen dieser Anwendung seiner Vorrede, seiner Theorie nicht mehr erlebt. Ich bin sicher: Wenn man die Werke von Marx und Engels kennt, wenn man den lebendigen revolutionären, echten, unverfälschten Geist kennt, der aus allen ihren Lehren und Schriften atmet, so muß man überzeugt sein, daß Engels der erste gewesen wäre, der gegen die Ausschweifungen, die sich aus dem Nur-Parlamentarismus ergeben haben, gegen diese Versumpfung und Verlotterung der Arbeiterbewegung, wie sie in Deutschland Platz ergriffen hat schon Jahrzehnte vor dem 4. August – da der 4. August nicht etwa vom Himmel gefallen ist als eine unverhoffte Wendung, sondern eine logische Folge dessen war, was wir Tag für Tag und Jahr für Jahr vorher erlebt haben – („Sehr richtig!“), daß Engels und, wenn er gelebt hätte, Marx die ersten gewesen wären, um mit aller Kraft hiergegen zu protestieren und mit mächtiger Hand den Karren zurückzureißen, daß er nicht in den Sumpf hinabrollte. Aber Engels starb im gleichen Jahre, als er sein Vorwort schrieb. Im Jahre 1895 haben wir ihn verloren; seitdem ging leider die theoretische Führung aus den Händen von Engels in die Hände eines Kautsky über, und da erleben wir die Erscheinung, daß jede Auflehnung gegen den Nur-Parlamentarismus, die Auflehnung, die auf jedem Parteitag von links kam, getragen von einer größeren oder kleineren Gruppe von Genossen, die in zähem Kampf gegen die Versumpfung standen, über deren drohende Folgen sich jeder klarwerden mußte – daß jede solche Auflehnung als Anarchismus, Anarchosozialismus, mindestens aber Antimarxismus gestempelt wurde. Der offizielle Marxismus sollte als Deckmantel dienen für jede Rechnungsträgerei, für jede Abschwenkung von dem wirklichen revolutionären Klassenkampf, für jede Halbheit, die die deutsche Sozialdemokratie und überhaupt die Arbeiterbewegung, auch die gewerkschaftliche, zu einem Dahinsiechen im Rahmen und auf dem Boden der kapitalistischen Gesellschaft verurteilte, ohne jedes ernste Bestreben, die Gesellschaft zu erschüttern und aus den Fugen zu bringen.22 Rosa Luxemburg hatte die Grundzüge des Prozesses, den die größte Sektion der Zweiten Internationale durchlief, gut erfasst. Doch faktisch war es noch ein bisschen komplizierter. Nach Engels Tod erhob Bernstein abermals sein antimarxistisches Haupt. Doch als er diesmal behauptete, dass Marxens Annahmen bezüglich der Verelendung der ArbeiterInnenklasse und der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus überholt seien, ging er selbst parlamentarischen Kretins wie Wilhelm Liebknecht und August Bebel zu weit. 1898 bezog Bebel öffentlich Stellung gegen Bernstein und eröffnete damit den sog. „Revisionismusstreit“, der bis 1904 andauerte. Auch Kautsky stellte sich gegen Bernstein und setzte sich an der Seite der revolutionären MarxistInnen (wie bspw. Rosa Luxemburg, deren Schrift „Sozialreform und Revolution“ wohl die klarste Antwort auf den Revisionismus war,) als Verteidiger der marxistischen Orthodoxie in Szene. Bernstein musste in der Debatte eine tiefe Schlappe hinnehmen. Gegen 1904 war sein Vorstoß abgewehrt. Doch dies beförderte und bestärkte in der Partei den Mythos Karl Kautsky, als „Hüter“ und Verteidiger der marxistischen Prinzipien. Davon war er jedoch, wie die späteren Ereignisse (und besonders sein Verhalten während des Ersten Weltkriegs) zeigen sollte, weit entfernt. Im Grunde teilte er mit Bernstein die Auffassung, dass sich der Sozialismus auch ohne Revolution verwirklichen lasse. So war es auch kein Zufall dass sich Kautsky und Bernstein währen des Krieges in der zentristischen USPD wiederfanden. Der vermeidliche Sieg über den Revisionismus verdeckte auch ein weiteres Problem, welches Engels schwerlich voraussehen konnte. Engels interpretierte jede Stimme für die SPD als ein Votum für den Sozialismus und einen Gewinn für die sozialistische Bewegung. Was er nicht sehen konnte war, dass die SPD nicht nur ein äußerst ambivalentes Verhältnis zum Sozialismus und zur Frage seiner Verwirklichung hatte, sondern als Partei an sich alles andere als revolutionär war. Dies sollte sich erst 1914 in aller Deutlichkeit herausstellen. Die historischen Erfahrungen der Sozialdemokratie zeigten, dass es äußerst unwahrscheinlich ist, dass eine Mehrheit der ArbeiterInnenklasse unter den Bedingungen kapitalistischer Herrschaft vor der Revolution ein klares Verständnis für den Kommunismus entwickelt. Sicherlich muss eine Mehrheit der Klasse eine ablehnende und antagonistische Haltung gegenüber dem Kapitalismus entwickeln. Allerdings wird sie sich erst im Prozess der revolutionären Umgestaltung der Notwendigkeit und Herausforderungen einer anderen Gesellschaft bewusst werden. Oder wie es Marx in seiner Schrift „Die deutsche Ideologie“ formulierte: „Die Geschichte zeigt, dass sowohl zur massenhaften Erzeugung des kommunistischen Bewusstseins wie zur Durchsetzung der Sache selbst eine massenhafte Veränderung der Menschen nötig ist, die nur in einer praktischen Bewegung, in einer Revolution vor sich gehen kann; dass also die Revolution nicht nur nötig ist, weil die herrschende Klasse auf keine andere Weise gestürzt werden kann, sondern auch, weil die stürzende Klasse nur in einer Revolution dahin kommen kann, sich den ganzen alten Dreck vom Halse zu schaffen und zu einer neuen Begründung der Gesellschaft befähigt zu werden.()23 Die Sozialdemokratie basierte auf einer Lebenslüge. 1891 gab sie sich mit dem Erfurter Programm ein zumindest auf dem Papier dezidiert marxistisches Profil. Insbesondere Friedrich Engels hatte sich ordentlich ins Zeug gelegt und auf Abänderungen und Ausformulierungen Einfluss genommen. „Wir haben die Genugtuung, dass die Marxsche Kritik voll durchgeschlagen hat. Auch der letzte Rest des Lassalleanismus ist entfernt“ frohlockte er in einem Brief an Friedrich Adolph Sorge.24 Doch faktisch basierte das Erfurter Programm auf zwei Teilen, einem Maximal- und einem Minimalprogramm. Während sich das erste mit allerlei revolutionärer Rhetorik für die Überwindung des Kapitalismus aussprach, beschränkte sich das Minimalprogramm auf Verbesserungen und Reformen im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft. Während die Führung der Sozialdemokratie revolutionäre Sonntagsreden hielt, war sie – und besonders der mit ihr verbundene gewerkschaftliche Flügel danach bestrebt, innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft Kompromisse einzugehen, um so schrittweise Verbesserungen zu erreichen. Doch die Beschränkung auf das Minimalprogramm war nicht das Hauptproblem. Die Sozialdemokratie im Allgemeinen und ihr Gewerkschaftsflügel im Besonderen wurden zunehmend von rassistischen und nationalistischen Ideen zersetzt. Gewerkschaftsführer wie David oder Legien sprachen sich in ihren Reden für den Kolonialismus aus und vertraten die Vorstellung, dass der Imperialismus den „rückständigen Rassen“ Fortschritte bringe. Letztendlich zeigte die Katastrophe des Ersten Weltkrieges wie fatal es ist, wenn die Klasse der Gefahr des imperialistischen Krieges desorientiert gegenübersteht, und einer Führung vertraut, die die Vorgaben des Klassengegners längst akzeptiert und verinnerlicht hat. Ferner wurde durch die Erfahrungen der Sozialdemokratie deutlich, dass es weniger die Größe und die Anzahl, sondern der Grad des revolutionären Bewusstseins ist, der bei der Überwindung des Kapitalismus die Schlüsselrolle spielt. Das führt uns zur Frage des Charakters einer revolutionären Partei und ihres Verhältnisses zur Klasse. Eine Frage, die in den Debatten des linken Flügels der Sozialdemokratie in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg aufgeworfen und kontrovers diskutiert wurde. Dies wird der Schwerpunkt unseres nächsten Beitrags in dieser Artikelreihe sein.

  1. Friedrich Engels: Über die politische Aktion der Arbeiterklasse, Ausgewählte Werke Bd. IV, Seite 108. [zurück]
  2. Karl Marx: Der Bürgerkrieg in Frankreich, Ausgewählte Werke Bd. IV, Seite 80 [zurück]
  3. Ebenda Seite 71. [zurück]
  4. Ebenda Seite 78 [zurück]
  5. Ebenda Seite 100. [zurück]
  6. Karl Marx, Friedrich Engels: Vorrede zur zweiten deutschen Ausgabe von 1872, Seite 11. [zurück]
  7. Ebenda Seite 12. [zurück]
  8. Karl Marx: Brief an Wilhelm Bracke, 5. Mai 1875, Ausgewählte Werke Bd. IV, Seite 380. [zurück]
  9. Ebenda Seite 80. [zurück]
  10. Engels an August Bebel, 18./28 März 1875, Ausgewählte Werke Bd. IV, Seite 469 [zurück]
  11. Ebenda Seite 474. [zurück]
  12. Franz Mehring: Karl Marx – Geschichte Seines Lebens, Berlin 1985, Seite 514. [zurück]
  13. MEW Bd. 34, Seite 159. [zurück]
  14. Karl Marx an Friedrich Adolph Sorge, 19. Oktober 1877, Ausgewählte Werke Bd. IV. Seite 486 [zurück]
  15. Karl Marx, Friedrich Engels: Zirkularbrief an August Bebel, Wilhelm Liebknecht, Wilhelm Bracke, Ausgewählte Werke Bd. V Seite 399 [zurück]
  16. Engels an Bernstein, 30. November 1881, in MEW Bd. 35, Seite 237 [zurück]
  17. K. Marx, Haager Kongress der IAA, MEW 18, Seite 160 [zurück]
  18. Karl Marx: Reichstagsdebatte zum Sozialistengesetz, MEW, Seite 498 [zurück]
  19. Ebenda [zurück]
  20. Friedrich Engels: Zur Kritik des sozialdemokratischen Programmentwurfs, MEW Bd. 22, Seite 227. [zurück]
  21. Friedrich Engels: Brief an Paul Lafargue vom 3. April 1895, in MEW 39, Seite 458 [zurück]
  22. Rosa Luxemburg: Unser Programm und die politische Situation, Politische Schriften Bd. II, Frankfurt am Main 1975, Seite 179 [zurück]
  23. Karl Marx: Die deutsche Ideologie, MEW Bd.3. Seite 70 [zurück]
  24. Engels an Friedrich Adolph Sorge, 24. Oktober 1891, MEW Bd. 38, Seite 183 [zurück]