Irland: 100 Jahre nach dem Easter Rising (1916)

Die heutige Irische Republik wurde formell am Ostermontag 1949 ins Leben gerufen. Die Wahl des Tages war kein Zufall, sondern eine bewusste symbolische Identifikation mit dem Osteraufstand, der genau 33 Jahre vorher stattgefunden hatte. Um die Ereignisse des Osteraufstandes von 1916 ranken sich allerlei Mythen und Legenden. So wird oft behauptet, dass der Osteraufstand der Funken war, an der sich die republikanische Bewegung entzündete, was schließlich in der irischen Unabhängigkeit mündete. Der folgende Text unserer britischen Schwesterorganisation Communist Workers`Organisation (CWO) legt einen anderen Schwerpunkt: Das Verhältnis von Nationalismus und dem Kampf der Arbeiterklasse für den Sozialismus. Er zeigt die verhängnisvollen Folgen einer Beteiligung der Arbeiterklasse an nationalistischen Bewegungen im Zeitalter des Imperialismus auf. (GIS)

James Connolly und die nationale Frage

Am Ostermontag 1916 erhoben sich Teile des irischen Kleinbürgertums gegen die britische Besatzungsmacht in Irland. Angeführt wurde der Aufstand vom radikalsten Flügel der nationalistischen Intelligenz, die eng mit James Conollys „Irish Citizin Army“ (ICA) verbündet war. Die ICA war eine militante Selbstverteidigungseinheit von Arbeitern, die nach dem brutalen Vorgehen der Bosse während des sog. Dubliner „Lock Out Strike“ ins Leben gerufen worden war, und gewissermaßen als bewaffneter Arm der Arbeiterklasse agierte. Mit dem Osteraufstand sollte eine unabhängige irische Republik erkämpft werden. James Conolly verfolgte jedoch noch ein weitergehendes Ziel – die soziale Revolution. Der Dubliner Aufstand war jedoch von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Die Folgen dieser Niederlage bestimmten das letzte Jahrhundert. Sie gab nicht nur dem Nationalismus und den Märtyrerideologien der republikanischen Bewegung Auftrieb, sondern zementierte die Unterordnung der durch die Niederlage im sog. „Dublin Lock Out Strike“ ohnehin schon geschwächten irischen sozialistischen Bewegung unter den Nationalismus. Die Beschränkung auf Gewerkschaftsarbeit und Reformismus waren die logische Konsequenz.
Doch warum betrachtete James Connolly, einer der Gründer der „Irish Socialist Republican Party“(1896), der sich über den Interessengegensatz von Arbeiterklasse und Bourgeoisie sehr wohl bewusst war, eine bürgerlich nationale Revolution als Vorbedingung für den Kampf für den Sozialismus? Diese Frage kann man nur beantworten, wenn man zur Kenntnis nimmt, dass Connoly weitgehende Konzessionen an die bürgerliche Ideologie machte. Diese machten sich nicht nur in seiner Haltung zur Religion (im privaten Kreis gab sich Connolly gern als Atheist aus, während er sich in der Öffentlichkeit als Katholik präsentierte) bemerkbar, sondern auch in seinen Konfusionen hinsichtlich des Nationalismus.1 Sicherlich wurde Connolly in vielerlei Hinsicht von der marxistisch orientierten sozialistischen Bewegung inspiriert, seine allgemeine politische Herangehensweise (die sich weitgehend aus dem Syndikalismus und mechanischen Materialismus der frühen britischen Arbeiterbewegung speiste) war jedoch alles andere als marxistisch fundiert.
Connolly konnte niemals verstehen, dass die Idee der Nation eine Konstruktion der Bourgeoisie und Ausdruck ihrer Klassenherrschaft über die Gesellschaft ist. Ebenso war er sich nie über die gefährliche Rolle des Nationalismus als Gegengewicht zu den revolutionären Potentialen der Arbeiterklasse im Klaren. Trotz seiner mutigen und couragierten Anti-Kriegs-Position im Jahr 1914 entfernte er sich zunehmend von der politischen Verteidigung der Klassenautonomie und jeder proletarischen Perspektive. Stattdessen arbeitete er mit dem mechanischen Konzept einer Revolution „in zwei Stufen“ und sah in der nationalen Unabhängigkeit und der Errichtung einer bürgerlichen demokratischen Republik die Vorstufe zum Sozialismus zu einem späteren Zeitpunkt. Connolly verabschiedete sich so von einer Klassenorientierung und schloss sich im Bündnis mit bürgerlichen Kräften der nationalistischen Bewegung dem Kampf für das sog. „nationale Selbstbestimmungsrecht“ an. Im 19. Jahrhundert waren nationale Befreiungskriege und Unabhängigkeitsbewegungen im Allgemeinen Teil einer progressiven Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise. Doch diese Entwicklungsphase des Kapitalismus ging 1914 mit dem imperialistischen Ersten Weltkrieg zu Ende. Marx und Engels unterstützten die Idee der nationalen Befreiung nur unter der Prämisse, dass dies in einigen Fällen der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise und somit der Entwicklung der Arbeiterklasse förderlich war. In diesen Fällen konnte die nationale Befreiung perspektivisch die Grundlagen für den Kommunismus legen. Doch mit der kontinuierlichen Konzentration und Zentralisation von Kapital entwickelte sich nicht nur ein Weltmarkt, sondern auch eine Weltwirtschaft. Der Charakter des Kapitalismus begann sich zu ändern. Die Konzentration von Kapital führte in diversen Branchen zur Herausbildung von Monopolen des nationalen Kapitals. In dem Maße, wie sich das Wertgesetz global auswirkte, verschmolzen die privaten Interessen dieser großen Kapitalkonzentrationen mit den staatlichen Interessen der kapitalistischen Großmächte. Die Epoche des Imperialismus brach an, eine Epoche die maßgeblich durch die Aufteilung der Welt durch verschiedene imperialistische Mächte charakterisiert ist. Als logische Folge entwickelten sich die nationalen Befreiungskämpfe mehr und mehr zu Kämpfen und Auseinandersetzungen rivalisierender imperialistischer Mächte, in denen die Arbeiterklasse nichts zu gewinnen, aber viel zu verlieren hat. Die Periode, in der die Arbeiterklasse noch nationale Kämpfe unterstützen konnte, war mit dem Ersten Weltkrieg 1914 definitiv vorbei. In einer Epoche der Krisen, Kriege und des sozialen Zerfalls ist jede erdenkliche sozialistische Unterstützung eines bürgerlichen Blocks gegen den anderen endgültig obsolet. Dies war damals nicht allen Revolutionären klar. Trotz all seiner Deklarationen gegen den imperialistischen Krieg, ging Lenin immer noch davon aus, dass es politisch möglich sei, in bestimmten Fällen nationale Bewegungen zu unterstützen. In den Diskussionen des linken Flügels der Zimmerwalder – und auch der Kienthaler Konferenz stand er mit dieser Position weitgehend alleine da. Wir können hier nicht tiefer in die Komplexität der Debatten der revolutionären Marxisten über die nationale Frage einsteigen. Dennoch lässt sich sagen, dass sich die Argumente der polnischen Sozialisten um Rosa Luxemburg, die stets die Unmöglichkeit fortschrittlicher nationaler Kriege in der Epoche des Imperialismus hervorhoben, und nicht die Argumentation Lenins (der den Osteraufstand 1916 als Schlag gegen den Imperialismus betrachtete und dadurch in seiner Sicht bestärkt wurde, dass die Arbeiterklasse sich an nationalen Bewegungen beteiligen müsse) durch die Erfahrungen des „Easter Rising“ bewahrheitet haben. James Connollys dürftige theoretische Grundlage (und die der irischen Arbeiterbewegung im Allgemeinen) sowie seine opportunistische Position nach 1914 führten unmittelbar in den tragischen und selbstmörderischen Putsch von 1916 und damit zur Unterordnung der Arbeiterklasse unter eine reaktionäre nationalistische Ideologie.

Politische Kräfte und soziale Klassen

Nach dem Ausbruch des imperialistischen Krieges 1914 unterstützten alle bürgerlichen Protagonisten in der komplexen Irischen Frage die Ausweitung des sog „Home Rules“2 bis zum Ende des Krieges. Zu dieser Zeit war die von John Redmond3 geführte „Irish Parliamentary Party“ die stärkste organisierte politische Kraft im Süden Irlands. Sie präferierte einen sog. „Home Rule State“ mit engen wirtschaftlichen Verbindungen zu Großbritannien. Um dieses Ziel zu verfolgen agierten Redmond und andere Mitglieder seiner Partei nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges als Rekrutierungsagenten der britischen Armee. Dies hatte eine Spaltung der „Irish Volunteers“ zur Folge. Die „Irish Volonteers“ waren eine paramilitärische Vereinigung der irisch-republikanischen Unabhängigkeitsbewegung, die 1913 als Gegengewicht zu den protestantischen „Ulster Volunteers“ ins Leben gerufen worden war. Eine radikale nationalistische Minderheit um die „Irish Republican Brotherhood“ (IRB)4 und „Sinn Fein“5 spaltete sich ab und nahm ca.12000 der aktivsten Volunteers mit sich. Die radikalen Nationalisten in den „Irish Volunteers“ waren sich in der Ablehnung von Redmonds Rekrutierungspolitik und dem langfristigen Ziel eines unabhängigen Irlands einig. Doch in der Frage der taktischen Herangehensweise lagen sie weit auseinander. Während der moderate Flügel um den Stabschef der „Irish Volunteers“, Eoin Mac Neill6, eine vorsichtige und defensive Politik vertrat, befürwortete eine maßgeblich von der „Irish Republican Brotherhood (IRB) getragene Strömung einen bewaffneten Aufstand für die irische Unabhängigkeit noch vor Kriegsende. Doch auch bei dieser Strömung kann man einen „linken“ und einen „rechten“ Flügel ausmachen. Der rechte Flügel orientierte sich vornehmlich an der Fenian- Maxime „Englands Probleme sind eine Chance für Irland”7 und setzte auf deutsche Militärunterstützung für den Aufstand (darunter auch Sir Roger Casement8 und Tom Clarke9). Mit dem moderaten Flügel (zu dem auch der Sinn Fein Führer Arthur Griffith10 gerechnet werden kann) war ihnen eine ablehnende und feindliche Haltung gegenüber der Arbeiterbewegung gemein.
Der linke Flügel stand der Arbeiterbewegung nicht explizit feindlich gegenüber. Er setzte sich aus Leuten wir Eamonn Ceannt11, Thomas MacDonnagh12 und dem führenden Kopf, Patrick Pearse13, zusammen. Die Ideologie der „Irish Republican Brotherhood“ (IRB), die sich hauptsächlich in den Schriften von Pearse wiederspiegelte (und in denen logischerweise von Klassen und Klasseninteressen nicht gesprochen wurde), war durch und durch kleinbürgerlich. Genauso verhielt es sich mit ihrer Organisationsweise: Faktisch agierte sie als Geheimorganisation innerhalb der „Irish Volunteers“ mit dem Ziel diese zu übernehmen und zu kontrollieren. Das erklärte Ziel bestand darin einen nationalen Aufstand durch einen geheimes Militärkomitee, das sog. „Military Council“, von Zaum zu brechen.
Nachdem James Larkin14 im Oktober 1914 in die USA gegangen war, wurde James Connolly zum unbestrittenen Anführer der „Irish Transport und General Workers`Union“ und der „Irish Citizen Army“(ICA). Ferner war er Herausgeber der Zeitschrift „Irish Worker“. Nach dem Ausbruch des Krieges sprach sich Connolly unverzüglich für Arbeiterwiderstand und Streikaktionen gegen den Krieg aus. In Irland sollte, so Connolly, die „Fackel einer europäischen Feuersbrunst entzündet werden, bis der letzte Kapitalist, der letzte Thron und der letzte Kriegstreiber vernichtet“ sei.15
Allerdings betrachtete Connolly den Kampf für das nationale Selbstbestimmungsrecht als Vorbedingung für den Kampf für den Sozialismus. Dies führte ihn zu der Annahme, dass der Sozialismus in einem kriegsgeschüttelten Europa nicht auf der Tagesordnung stünde aber zumindest in Irland möglich wäre. Connolly versuchte eine Antwort auf eine fundamentale strategische Frage der irischen Arbeiterbewegung zu finden: Sollte die irische Arbeiterklasse mit anderen revolutionären Elementen für eine Radikalisierung der europäischen (und besonders der britischen) Arbeiterbewegung kämpfen, oder sollte sie sich stattdessen mit antibritischen nationalistischen Kräften in Irland zusammenschließen, um zu versuchen dem britischen Imperialismus so (einen vermeintlichen) Schlag zu versetzen? Aufgrund seines schwach ausgeprägten internationalistischen Selbstverständnisses entschied sich Connolly für die zweite Variante. Doch dies führte zu einem zweiten Problem, nämlich der Frage wie sich dieses Bündnis mit bürgerlich nationalistischen Kräften konkret gestalten sollte. Da Connolly davon ausging, dass die Arbeiterklasse der nationalistischen Bewegung nicht hinterher laufen, sondern diese vielmehr anführen sollte, und die einzige Arbeiterorganisation die dazu in der Lage wäre die ICA sei, konkretisierte sich das Bündnis mit den nationalistischen Kräften in Gestalt von gemeinsamen Aktionen von ICA und den Irish Volunteers.
Connolly beteiligte sich also als Repräsentant der Arbeiterbewegung an den antibritischen Aktivitäten von Sinn Fein, der IRB und den „Irish Volunteers“, die sich öffentlich gegen die Rekrutierung von Iren für die britische Armee aussprachen und im Geheimen versuchten Kontakte mit dem Deutschen Reich herzustellen. Das ganze Jahr 1915 konzentrierten sich die „Irish Volunteers“ und die ICA vornehmlich auf das Training und die Ausbildung ihrer militärischen Einheiten. Zum Jahresende 1915 machte sich in der ICA zunehmend Unzufriedenheit über die „Irish Volunteers“ breit. Schließlich erklärte die ICA, dass sie den Aufstand alleine (mit gerade einmal 200 Mitgliedern) durchführen würde, wenn die Volunteers nicht stärker kooperieren würden. Sie erhoffte sich so die Unterstützung der radikalen Teile der Volunteers zu gewinnen.
Die Meinungsverschiedenheiten zwischen dem „Military Council“ der IRB und Connolly hatten tiefe politische Wurzeln. Connolly ging fälschlicherweise davon aus, dass der Kampf für die nationale Unabhängigkeit Bestandteil der sozialen Revolution und ein Schritt zum Sozialismus sei. Eine Revolution braucht jedoch um erfolgreich zu sein Massenunterstützung, was aktive und offene Agitation für die eigenen Ziele voraussetzt. Das war auch James Connolly klar. So beteiligte er sich (seinen Verrat an den Prinzipien der Klassenautonomie kaschierend) an ökonomischen Kämpfen und Kampagnen für die Aufstellung von Arbeiterkandidaten bei den Dubliner Kommunalwahlen und versuchte die Aspekte dieser Kämpfe mit dem Widerstand gegen die „economic conscription“, also den Versuch der Bosse Arbeiter durch wirtschaftlichen Druck in die britische Armee zu zwingen, zu verbinden. Auf der anderen Seite plante das „Military Council“ der IRB den Aufstand in typisch kleinbürgerlicher und putschistischer Manier. Es versuchte die Aufstandspläne weitestgehend geheim zu halten, um sich einerseits nicht von den gemäßigten Teilen der Volunteers zu entfremden und den Überraschungseffekt eines unerwarteten Putsches nicht zu verspielen. Das bedeutete natürlich zwangsläufig, dass für den Aufstand nicht öffentlich agitiert werden konnte. Da Connolly zu dieser Zeit nicht unmittelbar in die Zirkel der IRB involviert war, führte er die öffentliche Zurückhaltung in ihrer politischen Propaganda darauf zurück, dass die moderaten Kräfte bei den Volunteers das Ruder übernommen hätten.

Der Aufstand und seine Folgen

In der Sorge, dass die ICA all ihre Pläne durch ein verfrühtes Vorgehen ruinieren könnte, gingen die Führer der IRB auf Connolly zu. Im Januar 1916 wurde er über ihre Aufstandspläne informiert und Mitglied des Military Council. Ende Januar 1916 wurden die letzten Vorbereitungen für den Aufstand getroffen. Die Anlandung von Waffenlieferungen aus Deutschland wurde vereinbart und die Ausbildung und Koordinierung der Volunteers im ganzen Land intensiviert. Doch durch eine Verkettung mehrerer Umstände scheiterte der Aufstand auf der ganzen Linie. Die Anlandung einer deutschen Waffenlieferung an der Küste von Kerry schlug fehl und das Unvermögen die Aufstandspläne vollständig vor den moderaten Kräften der Irish Volonteers geheim zu halten, hatte zur Folge, dass MacNaill die für Ostersonntag geplante Parade, die als Auftakt des Aufstandes dienen sollte, im letzten Moment absagte. Hektisch verlegte das „Military Council“ die Aufstandspläne auf Ostermontag, den 24. April 1916. Als Konsequenz beteiligten sich nur 1000 Volunteers und 220 Aktivisten der ICA am Aufstand. Sie besetzten strategische Punkte im Zentrum von Dublin, darunter das zentrale Postamt, wo schließlich auch die Irische Republik proklamiert wurde. Auch in anderen Landesteilen kam es zu spontanen Aufständen. Doch die britischen Truppen waren den Aufständischen zahlenmäßig haushoch überlegen. Nach eine Woche Straßenkampf und der Bombardierung ihres Hauptquartiers durch ein Kanonenboot mussten die Aufständischen schließlich kapitulieren. Während die Proklamation der Irischen Republik in den üblichen kleinbürgerlichen und mystizistischen Phrasen der Volunteers gehalten war, war sich die ICA ihres weitergehenden Ziels offenbar bewusst. Eine Woche vor dem Aufstand hatte sich Connolly an die ICA mit den folgenden naiven Worten gewandt: “Im Falle des Sieges legen wir die Gewehre nicht aus der Hand, da jene mit denen wir kämpfen aufhören könnten zu kämpfen bevor unser Ziel erreicht ist. Wir kämpfen für unsere ökonomische und politische Freiheit“.
Die Arbeiter im südlichen England standen der nationalistischen Rebellion im allgemein ablehnend gegenüber. Doch die Brutalität, mit der die britischen Truppen gegen die Aufständischen vorgingen und die Verhängung des Kriegsrechts trugen zu einem Stimmungswechsel bei. Besonders die Hinrichtung von 15 Anführern des Aufstandes (darunter der schwer verwundete Connolly, der auf einen Stuhl geschnallt erschossen wurde) und die Internierung von 2000 Menschen in britischen Lagern, von denen schließlich 200 zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden, führte zu einem fulminanten Anstieg des irischen Republikanismus. Viele Soldaten der britischen Armee wurden zu dieser Zeit im Krieg regelrecht abgeschlachtet, darunter auch viele Iren. Die Gefahr zur Armee eingezogen zu werden erhöhte sich als im Dezember 1916 ein Conscription Bill eingeführt wurde. Durch Preissteigerungen und den Stillstand der Emigration in die USA wurde das Lohnniveau untergraben, in England zu arbeiten erhöhte zusätzlich die Gefahr zur Armee eingezogen zu werden… Die zunehmende soziale Unzufriedenheit wurde erfolgreich durch den reaktionären Nationalismus kanalisiert.
Die desorientierte und geschwächte Arbeiterklasse hatte durch den Aufstand mit Connolly ihren wichtigsten Anführer und Theoretiker und viele erfahrene Aktivisten der ICA verloren. Eine vom Nationalismus kontaminierte Arbeiterbewegung wurde nun von Thomas Johnson16 und William O`Brian17 geführt, die sich als Jünger von Connolly`s Lehre verstanden: Sozialismus bedeutet im syndikalistischen Verständnis den Aufbau sogenannter Industrieunionen. „Wenn wir die Schlüsselindustrien der Gesellschaft kontrollieren, wird sich die Gesellschaft unserem Willen beugen, oder zusammenbrechen“, brachte Connolly dieses Konzept in seiner Schrift „Socialism Made Easy“ auf den Punkt. Eine ausschließlich reformistische, an den Parlamentswahlen teilnehmende Partei, wurde in dieser Konzeption als zweitrangiges Werkzeug betrachtet. Obwohl die ICA bis 1922 fortbestand, war sie nur ein Anhängsel des linken Flügels der Volonteers ohne jede sozialistische Zielrichtung. Als die irische Arbeiterklasse den Klassenkampf nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wieder aufnahm, wurden ihre Anstrengungen im Zuge des republikanischen Unabhängigkeitskrieges (1919-1921) von der nationalistischen Bourgeoisie genauso erstickt wie die Kämpfe der Arbeiter in Belfast 1919. Arme Bauern und Arbeiter, die mit den irischen Kapitalisten oder Landbesitzern in Konflikt gerieten, fanden sich schnell vor Gerichten wieder, die vom Dáil18 eingesetzt waren. 1919 beendete die IRA (die „Irish Volonteers“ von 1916 hatten ihren Namen im August 1919 geändert) die Streik- und Enteignungsaktionen der Arbeiter von Cork und Limerick in offener Komplizenschaft mit den Gewerkschaften und der katholischen Hierarchie. Die Arbeiterklasse entwickelte ihren eigenen Symbolismus. In vielen Kämpfen der Nachkriegszeit bezogen sie sich positiv auf die Sowjets. Doch diese Kämpfe waren weit von der Rätebewegung entfernt, die 1917 das Russische Reich erschüttert hatte. Unter der Kontrolle von Gewerkschaftsführern wie Connolly`s Nachfolger O`Brain wurden diese Kämpfe sabotiert und im Gegenzug zu kleinen Zugeständnissen auf soziale Experimente verzichtet.

Schlussfolgerungen

Connolly und die ICA erhoben sich am Ostermontag 1916 um (in seinen eigenen Worten) „zur Schlachtbank zu gehen“. Sie ließen sich von der selbstmörderischen Illusion leiten, dass die ICA zur treibenden Kraft der republikanischen Bewegung werden und damit die Arbeiterklasse zu spontanen Streikaktionen mobilisieren könne. Indem die Arbeiterklasse die Führung des nationalen Kampfes übernehme, so Connolly`s Kalkül, wäre sie in der Lage, ihn bis zum Ende, in einen Kampf für den Sozialismus weiterzuführen. Der Osteraufstand von 1916 bewirkte jedoch genau das Gegenteil. Er gab der nationalistischen und republikanischen Bewegung, die vorher in der Arbeiterklasse kaum verankert war, substantiellen Auftrieb. So gesehen war der Aufstand kein romantischer Akt des Heroismus sondern eine brutale Niederlage, von der sich die Arbeiterbewegung in Irland niemals wirklich erholt hat.
Connolly`s Konfusionen und Fehlannahmen bezüglich des sozialistischen Projekts wurden durch die Erfahrungen der Niederlage der revolutionären Welle von 1917-1923 immer wieder bestätigt. Die fundamentale Lehre aus Ereignissen wie dem Osteraufstand von 1916 besteht darin keinerlei Bündnisse und Kompromisse mit Fraktionen der Bourgeoise einzugehen. Egal was eine scheinbare objektive Situation auch nahelegen mag. In Irland heute bedeutet das keinerlei Kompromisse mit einer Variante des Nationalismus sei es nun Fianna Fail, Fine Gael, oder Sinn Fein, die sich alle als „Erben von 1916“ ausgeben. Heute blickt die Arbeiterklasse in einer globalisierten Welt auf ein Jahrhundert der Niederlagen zurück. Angefangen mit dem Ersten Weltkrieg bis zur Niederschlagung der revolutionären Welle, die ihm folgte. Doch die Widersprüche der kapitalistischen Ökonomie werden nicht verschwinden und ebenso verhält es sich mit dem Klassenkampf. Global entwickelt sich eine neue Arbeiterklasse, die das krisengeschüttelte System nicht für immer und ewig akzeptieren wird. Sobald sich eine neue Klassenoffensive entwickelt und verallgemeinert müssen Revolutionäre Teil dieses Prozesses sein und gleichermaßen die Fehler der Vergangenheit (wie bspw. die von 1916) als auch ein politisches Programm für die Zukunft aufzeigen. Ein solches Programm ist nicht einfach eine abstrakte Überlieferung wie die Zehn Gebote vom Berg Sinai. Es muss auf den konkreten historischen Erfahrungen der Arbeiterklasse basieren.
Die Geschichte hat uns gezeigt, dass sich der Nationalismus überall, in all seinen Erscheinungsformen gegen die Arbeiterklasse gerichtet hat. Heute sind sich viele Menschen über den reaktionären Charakter des Nationalismus, der sich auf der ganzen Welt, in besonders krasser Form jedoch in Osteuropa (bspw. auf beiden Seiten des Konflikts in der Ukraine) offenbart, im Klaren. Anders verhält es sich jedoch mit dem vorgeblich fortschrittlichen Nationalismus in Schottland, Katalonien oder Kurdistan. Hier argumentieren unter dem Druck der Krise viele selbsternannte „Linke“ genau wie Connolly, dass die politische Unabhängigkeit ein Schritt auf dem Weg zum Sozialismus sei. Die Ereignisse von 1916 beweisen jedoch das Gegenteil. Im Nationalbewusstsein spiegelt sich das Bewusstsein der Besitzenden jeder Nation wieder, die Interessen der Kapitalisten. Es ist die Antithese zum Klassenbewusstsein der Ausgebeuteten und Unterdrückten. Ohne dieses Klassenbewusstsein ist der Kampf für den Sozialismus zum Scheitern verurteilt. In einer globalisierten kapitalistischen Welt ist die Vorstellung nationaler Unabhängigkeit eine Illusion. Jede Nation ist den Sachzwängen und Rentabilitätsanforderungen des Weltmarktes unterworfen. Und in jedem nationalen Territorium führt die Arbeiterklasse den gleichen Kampf gegen die Ausbeutung. Ob im Krieg oder im Frieden sind nicht die Arbeiter in anderen Teilen der Welt unser Feind, sondern unsere eigenen Ausbeuter. Diejenigen, die die Nation vor, bzw. über die Klasse stellen, verschleiern diesen Umstand und stellen sich auf die Seite des Klassenfeinds. „Die Arbeiterklasse hat kein Vaterland“, schrieb Karl Marx im Kommunistischen Manifest, aber sie hat „eine Welt zu gewinnen“.

  1. Vor seinem Tod ließ er sich nicht nur von einem katholischen Priester die Sterbesakramente geben, sondern bat auch seine protestantische Frau zu konvertieren und die gemeinsamen Kinder als Katholiken zu erziehen. Wie sein Mitverschwörer Patrick scheute er sich nicht auf die Sprache des religiösen Märtyrertums zurückzugreifen. Die Konsequenzen hat Liam Cahill in seinem Buch “The Forgotten Revolution: The Limerick Soviet 1919” folgendermaßen zusammengefasst: „Connolly spielte im Endeffekt die grüne Karte aus. Er optierte für eine Arbeiterbewegung der „Southerners” und Katholiken. Dies mag vielleicht dadurch gerechtfertigt werden, dass die Mehrheit der Iren katholisch und eine vielversprechendere Basis für eine soziale Revolution waren als ihr protestantischer Counterpart. Doch Connollys Entscheidung schloss im Endeffekt einer vereinigten politischen Bewegung aller irischen Arbeiter aus. Dies lief auf die Gleichsetzung und ultimative Unterordnung der südirischen Arbeiterbewegung unter den irischen Nationalismus hinaus.“ http://libcom.org/history/green-red-orange [zurück]
  2. Unter dem Begriff „Home Rule“ wurde eine begrenzte Form der Selbstverwaltung Irlands innerhalb des Vereinigten Königreichs verstanden. [zurück]
  3. John Redmond (1856-1918) war ein bürgerlicher Politiker und entschiedener Gegner des gewalttätigen Nationalismus. [zurück]
  4. Die „Irish Republican Brotherhood“ war ein 1858 gegründeter nationalistischer Geheimbund, der sich vornehmlich auf die Unterwanderung der republikanischen Massenorganisationen wie bspw. den „Irish Volunteers“ konzentrierte. Er führte jedoch auch einige bewaffnete Aktionen durch, die der Geldbeschaffung dienten. [zurück]
  5. Sinn Fein ist eine 1905 gegründete nationalistische Partei. Heute ist sie in den Grenzregionen Nordirlands verankert und sowohl im Norden wie im Süden als parlamentarische Partei aktiv. [zurück]
  6. Eoin MacNeill (1867-1945) war nationalistischer Politiker und Professor für Geschichte. Innerhalb der republikanischen Bewegung setzte er sich für eine gemäßigte Politik ein. Als Stabschef der „Irish Volunteers“ war eine Schlüsselfigur während des Osteraufstandes. Die radikalen Nationalisten hofften bis zuletzt ihn für den Aufstand gewinnen zu können. Später bekleidete er mehre Ministerposten und zog sich 1927 aus der Politik zurück. [zurück]
  7. Der Begriff „Fenian“ geht auf „Fianna“ zurück den Heerhaufen des irischen Sagenhelden Fionn Mac Cumhaill aus dem Mittelalter. Er wurde zum Synonym für die Befürworter der irischen Unabhängigkeit. [zurück]
  8. Roger Casement (1864-1916) war ein britischer Diplomat, der sich schließlich dem irischen Nationalismus und dem Kampf für die Unabhängigkeit verschrieb. Während des Ersten Weltkrieges verhandelte er mit der deutschen Regierung über eine Unterstützung des irischen Unabhängigkeitskampfs. Er wurde 1916 von den Briten als Hochverräter angeklagt und hingerichtet. [zurück]
  9. Thomas James Clarke (1857-1916) war ein nationalistischer Politiker und Aktivist der „Irish Republican Brotherhood“. Er war Mitglied des Militärkomitees der IRB und wurde nach dem Osteraufstand hingerichtet. [zurück]
  10. Arthur Griffith (1872-1922) war ein irischer Gründer der Partei Sinn Fein. 1922 wurde er zum Präsidenten der Irischen Republik. Er verstarb im gleichen Jahr an Herzversagen. [zurück]
  11. Eamonn Ceannt (1881-1916) war ein irischer nationalistischer Aktivist, Mitglied der „Irish Republican Brotherhood“ und Gründungsmitglied der „Irish Volunteers“. Wegen seiner führenden Rolle beim Osteraufstand wurde er am 8.Mai 1916 im Alter von 34 Jahren erschossen. [zurück]
  12. Thomas MacDonnagh ((1878-196) war ein irischer Dichter und Schriftsteller sowie nationalistischer Aktivist, als einer der Führer des Osteraufstandes und Kommandant der Dublin Brigade der „Irish Volunteers“ wurde er am 3. Mai 1916 hingerichtet. [zurück]
  13. Patrick Pearse (1879-1916) war ein Lehrer und Schriftsteller, Mitbegründer der „Irish Volunteers“ , Aktivist der „Irish Republican Brotherhood“ und einer der Anführer des Osteraufstandes. Am 3. Mai 1916 hingerichtet. [zurück]
  14. James Larkin (1874-1947) war wie Connolly Syndikalist. In Belfast hatte er 1907 wesentlichen Anteil an der Organisierung von Hafenarbeitern und von Streiks an denen sich katholische wie protestantische Arbeiter gleichermaßen beteiligten. Dies trug ihm den Hass und allerlei Verleumdungen aus den beiden nationalistischen Lagern ein. Larkin beteiligte sich aktiv am sog. Lock Out Strike in Dublin. Nach dessen Niederschlagung ging er in die USA um Gelder für den Wiederaufbau der Gewerkschaft zu sammeln. Hier engagierte er sich in der Socialist Party und dem IWW. Aufgrund seiner Unterstützung für die bolschewistische Revolution und seinen Aktivitäten in der kommunistischen Partei wurde er mehrere Jahre im Hochsicherheitsgefängnis Sing Sing inhaftiert. Nach seiner Freilassung ging er wieder nach Irland zurück, wo er die „Irish Workers`League“ gründete, die Mitglied der Dritten Internationale wurde. [zurück]
  15. James Connolly: A Continental Revolution’, in Forward 15. August 1914 [zurück]
  16. Thomas Johnson (1872-1963) war ein nationalistischer Politiker und Gewerkschaftsaktivist und später Führer der Irish Labour Party. [zurück]
  17. William X. O’Brien (1881-1968) gründete 1912 zusammen mit James Connolly und James Larkin die Labour Party als politischen Flügel des irischen Gewerkschaftsdachverbandes „Irish Trade Union Congress“. In der Gewerkschaftsbewegung agierte er als Gegenspieler von James Larkin, mit dem er sich heftige Auseinandersetzungen lieferte. 1924 löste er Larkin als Generalsekretär der „Irish Transport and General Workers`Union ab und bekleidete wichtige Position in der Bürokratie des „Irish Trade Union Congress“. [zurück]
  18. Dáil ist die Kurzform von Dáil Éireann (dt. Versammlung Irlands) und ist die Bezeichnung für das irische Unterhaus bzw. Parlament. [zurück]