Ungarn 1956: Arbeiteraufstand gegen die Parteidiktatur

Sechzig Jahre liegt es zurück, seit dem der Einmarsch der russischen Armee das kurze Leuchtfeuer der Ungarischen Revolution in Asche und Blut und Kerkern erstickte. Die Größe des Ereignisses verbietet es die Ungarische Revolution leichtfertig in Kategorien von Sieg oder Niederlage abzuhandeln. Die Ursachen warum dieser Arbeiteraufstand so niedergeschmettert werden konnte, weshalb innerhalb kurzer Zeit fast wieder Friedhofsruhe einkehrte und warum die Selbstermächtigung nicht dazu führte, das revolutionäre Organisationen entstehen konnten, liegt auch in den nur noch schwer entzifferbaren Hoffnungen und Träumen der Aufständischen begründet, der seit Jahrzehnten unter einem Ballast erfolgreicher ideologischer Verklärungen verschüttet liegt.
Ein Blick zurück muss die falschen Illusionen und trügerischen Erwartungen der damaligen Zeit benennen, damit wir fähig werden zu verstehen, welche Fehler in Zukunft zu vermeiden sind.
In kürzester Zeit zerschlug der Terror die Hoffnung auf Freiheit und einen selbstbestimmten Sozialismus. Um dreitausend Tote, darunter 700 sowjetische Soldaten, 13 000 Verletzte und vor allem in Budapest vollkommen zerstörte Straßen waren der erste Teil der Bilanz. Nach der Niederschlagung des landesweiten Aufstandes und der Zerschlagung der noch Monate bestehenden Arbeiterräte ging von Sondergerichten die Hinrichtung von weit über 350 Menschen aus. Schnellgerichte sorgten darüber hinaus für 22 000 Verurteilungen, 20 000 wurden in ungarischen und russischen Lagern interniert. Ein Flüchtlingsstrom von mehr als zweihunderttausend Ungarn floh und verließ das Land. So brannte sich die Ungarische Revolution in die Geschichte gescheiterter revolutionärer Umstürze und des konterrevolutionären Terrors ein und warf ein grelles Licht auf die Finsternis der Fünfziger Jahre diesseits wie jenseits der Grenzen des Eisernen Vorhangs.
Abseits einer entpolitisierten Öffentlichkeit bezeugen die zersplitterten, farblosen Reste linker Grüppchen oftmals ihr Unverständnis. Für sie war die Ungarische Revolution eine falsche Revolution zur falschen Zeit am falschen Ort. Sei es weil sie staatskapitalistischen Ländern gegenüber (den damals im Aufschwung begriffenen) westlichen Ländern positive Züge gehabt hätten, sei es dass sie Details aus dem Alltag der Ungarischen Revolution verzerrt darstellen. Die Hinrichtung von Mitgliedern der Geheimpolizei (in der auch alte Faschisten ein neues Betätigungsfeld gefunden hatten)) werden beispielsweise in der Jungen Welt noch heute als „antikommunistisches Massaker“ dargestellt. Die Vorgänge waren zweifellos brutal. Sie waren aber zum Großteil eine Reaktion darauf, dass Truppen der Geheimpolizei Maschinengewehrfeuer auf unbewaffnete Demonstranten eröffnet und so viele Aufständische ermordet haben. Wenn diese Tatsachen von damals von vorgeblich linken Journaille-Schreibern verdreht werden, ist das schlichtweg Ekel erregend. Wohlgemerkt: Es gab auch Lynchjustiz! Aber wie so oft in der Geschichte ging Gewalt und Terror eben gerade nicht von den Aufständischen und Revolutionären aus. Aber zurück zu den Oktobertagen 1956. Wie kam es zur Ungarischen Revolution, wie kann man sich die Ereignisse heute, ein halbes Jahrhundert danach überhaupt vorstellen?

Der Beginn der Revolution: Vom Protest zum Widerstand

Im Laufe des Herbstes 1956 kam es nicht zuletzt in Folge der Unruhen in Polen mit dem Poznaner Aufstand und dessen Niederschlagung zu einer immer stärkeren Radikalisierung der studentischen Jugend in Ungarn, was aufgrund der damaligen Zusammensetzung der Studentenschaft, die ja auch vor allem aus Werkstudenten bestand, nicht mit dem heutigen Durchschnittsstudenten in einem westeuropäischen Land vergleichbar ist. Der polnischen Entwicklung in Poznan standen diese Studenten mit viel Sympathie zur Seite. Eine der Parolen in Polen war damals „Freiheit und Brot“. Der Aufstand in Poznan hatte ein janusköpfiges Gesicht. Vielen polnischen Arbeitern ging es um eine Verbesserung der Lebensbedingungen und Freiheit. Anders den bürgerlichen Kräften und Reformern in den herrschenden stalinistischen Parteien, die vor allem auf eine Entwicklung hin zu nationaler Eigenständigkeit und somit auf eine Ausweitung ihrer Machtposition setzten. So auch in Ungarn. Die Forderungen der Studenten nach Pressefreiheit, Rückzug der russischen Truppen, Zulassung eines Mehrparteiensystems, der Garantie von Bürger- und Freiheitsrechten, der Einstellung der wirtschaftlichen Ausbeutung, also einem Ende der Reparationen an die UdSSR sowie die Bestrafung der für den stalinistischen Terror Verantwortlichen lehnte sich an das Zwölfpunkteprogramm von 1848 an. Vor dem Hintergrund einer Regierung, die ab 1944 von der Sowjetunion eingesetzt wurde und Teils aus Militärs und Faschisten alten Schlags (verkörpert in der Person Miklas de Dolnok´s u. a.)bestand, später der Einparteienherrschaft, die weder die wirtschaftlichen Probleme lösen konnte noch dem Freiheitswillen der lohnabhängigen Bevölkerung Rechnung trug, bekommen die ursprünglich nur demokratischen Forderung einen anderen Charakter. 1956 hatte sich die ökonomische Situation im Vergleich zum Jahr 1949 drastisch verschlechtert. Nach Berechnungen einer Oppositionsgruppe auf der Basis offizieller Statistiken war der Lebensstandart der Arbeiter 17 Prozent unter dem von 1949. 55 Prozent der Bevölkerung lebte unter dem Existenzminimum. Der Tagelohn eines Landarbeiters in einem staatlichen Betrieb reichte nicht für den Kauf eines Brotes. In rund 15 Prozent der Familien stand nicht einmal jedem eine Bettdecke zur Verfügung. Zwanzig Prozent der Lohnabhängigen besaßen keine Wintermäntel. So sah die Realität der Arbeiterklasse aus.
Der 23. Oktober 1956: Von der Ausweitung des Widerstandes zur Entwicklung der Arbeiterräte
Am 23. Oktober organisierten Studentenverbände eine Sympathiekundgebung für die polnische Bevölkerung am Denkmal des ungarischen Freiheitskämpfers Jozef Bem. Das Innenministerium genehmigte die Demonstration zunächst, hob die Genehmigung am gleichen Tag wieder auf und zog das Verbot doch wieder – aus politischem Kalkül zurück. Am frühen Nachmittag versammelten sich Demonstranten in verschiedenen Teilen Budapests. Zunächst zogen die Demonstrierenden zum Bem-Denkmal. Überwiegend bestand der Demonstrationszug aus Jugendlichen und Studenten, zu denen sich Frauen, Schüler und kleine Gruppen von Arbeitern gesellten. Während des Protestzuges wiesen die Redner immer wieder darauf hin dass sie in Solidarität zu den polnischen Protestierenden handeln. Nach dem Ende der Kundgebung ging die Masse nicht auseinander, die Menschen strömten auf den Parlamentsplatz, sie beschlossen eine Abordnung zum Funkhaus zu schicken um die eigenen Forderungen dort per Radio verkünden zu lassen. Eine andere Gruppe ging in den Stadtpark und stürzte das Stalindenkmal. Im Stadtzentrum war jeglicher Verkehr zum Erliegen gekommen. Die Menschenmenge war inzwischen zum Funkhaus gezogen, vor dem die Sicherheitspolizei AVO mit Maschinengewehren bewaffnet Wache schob. Die AVO ließ eine Abordnung aus der Demonstration durch. Die Rückkehr der Abordnung zog sich hin, so dass die Demonstranten anfingen die Polizei zur Seite zu drücken. Schmerzemsschreie ertönten. Die AVO hatte mit den Maschinengewehren eine Salve in die Menge gefeuert. Im Handumdrehen überwältigten und entwaffneten die Aufständischen die Polizei. Wie ein Lauffeuer breitete sich die Nachricht aus. Die Ungarische Revolution hatte begonnen. Aus den Munitionsfabriken zurückkehrende Arbeiter organisierten die Selbstbewaffnung der immer stärker anschwellenden Menge. Die Polizei hatte jede Gegenwehr aufgegeben. Auch Soldaten gaben nun ihre Waffen ab und schlossen sich den Demonstranten an. Das Unbegreifliche war geschehen. Die Herrschenden in Ost und West waren fassungslos, dass es gewöhnlichen Menschen spontan gelang gegen den Staat erfolgreich vorzugehen. Allen Parteien von Rechts bis Links ist solch eine Selbstermächtigung der arbeitenden Menschen ein Grauen. Es gab keine Plünderungen, keine Morde und kaum Lynchjustiz. Der Aufstand war spontaner Höhepunkt einer langen Entwicklung. Die Schnelligkeit, mit der die Machtstruktur der Herrscher zunächst zerfiel, die Partei, die Armee, der Beamtenapparat auseinander gefallen waren, die Ideologie sich in ihre Bestandteile auflöste, war allein auf die Realität des revolutionären Aufstandes zurückzuführen.
Mit dem Morgen des 24. Oktobers entstand in Budapest ein sich aus Arbeitern und Studenten zusammensetzender Revolutionsrat. Aber auf Befehl der ungarischen Regierung waren russische Panzer in die Zentren der Aufstände vorgedrungen. Es kam zu erbitterten Kämpfen. Am 25. Oktober hatten sich im ganzen Land Revolutionsräte herausgebildet. Ein Nationalrat der Freien Gewerkschaften war entstanden: Seine Forderungen lauteten:
„Politisch: Der Kampf muss beendet werden, eine Amnestie verkündet und Verhandlungen mit den Jugenddelegierten aufgenommen werden. Eine Regierung, die auch Vertreter der Gewerkschaften und auch der Jugend umfasst, muss mit Imre Nagy an der Spitze gebildet werden. Die wirtschaftliche Situation des Landes soll der Bevölkerung offen gelegt werden. Den Menschen, die in den tragischen Kämpfen verwundet worden sind, die gerade stattgefunden haben, muss Hilfe gewährt werden, ebenso den Familien der Opfer.
Zur Aufrechterhaltung der Ordnung sollen Polizei und Armee durch eine Nationalgarde verstärkt werden, die sich aus Arbeitern und jungen Leuten zusammensetzt.
Mit Unterstützung der Gewerkschaften muss eine Organisation der jungen Arbeiter gebildet werden. Die neue Regierung muss sofort in Verhandlungen über den Abzug russischer Truppen aus ungarischem Gebiet eintreten.
Wirtschaftlich:
1. Bildung von Arbeiterräten in sämtlichen Betrieben, damit die Arbeiterselbstverwaltung eingeführt wird und die staatliche Zentralverwaltungswirtschaft grundlegend geändert wird.
2. Wiederangleichung der Löhne: eine sofortige Erhöhung von 15% für Monatslöhne unter 800 Forint und eine Erhöhung von 10% für Monatslöhne unter 1500 Forint. Die Höchstlöhne sollen bei 3500 Forint liegen.
3. Abschaffung der Produktionsnormen außer in den Betrieben, in denen der Arbeiterrat sie beizubehalten beschließt.
4. Abschaffung der 4%-Steuer, die Unverheiratete und kinderlose Familien zahlen sollen.
5. Die niedrigsten Renten werden erhöht.
6. Die Familienzuschüsse werden erhöht.
7. Beschleunigung des stattlichen Wohnungsbaus
8. Das Versprechen Imre Nagys (des in der Regierungskrise an die Macht berufenen Ministers, welcher der revolutionären Welle die Spitze brechen sollte) wird eingelöst und es werden Verhandlungen mit der UdSSR und anderen Ländern aufgenommen zur Errichtung wirtschaftlicher Beziehungen, die auf den Prinzipien des beiderseitigen Vorteils und der Gleichberechtigung beruhen.“

Die Situation hatte sich maßgeblich geändert. Tag und Nacht hörte man Gewehrfeuer. Die Verkehrsmittel standen still. In den Straßen lagen außer Gefecht gesetzte Wracks sowjetischer Panzer, während anderswo ununterbrochen Panzer die Straßen zur Kontrolle auf- und abfuhren. Eine Doppelherrschaft war entstanden. Verschiedene Parteien traten hervor. 25 neue Zeitungen waren entstanden. Die eigentliche Macht lag bei den Arbeiterräten.

Der Charakter der ungarischen Revolution

Das Bemerkenswerteste war, dass aus einer selbstständigen Demonstration und Protesten ohne wirkliche Führung, ja ohne jedes festgelegte Programm kein Chaos sondern eine politische Struktur mit lebendigen Organen, den Arbeiterräten, entstanden war. Die lohnabhängigen Frauen und Männer begannen den Abbau der Klassenherrschaft zu erproben. Aber es war eben auch ein revolutionärer Aufstand, der nicht auf eine Organisation oder gar Partei der Arbeiter und Lohnabhängigen aufbauen konnten oder eine solche Organisierung bzw. deren Weiterentwicklung mit sich brachte. In aller Deutlichkeit zeigte das revolutionäre Beben in Ungarn, dass der sogenannte „Reale Sozialismus“ nichts, nicht den Hauch mit einer sozialistischen oder kommunistischen Gesellschaft zu tun hatte. Diese Lektion ist nach wie vor von allzu vielen selbsternannten Linken und Möchtegern-Revolutionären noch immer nicht verstanden worden. Das ist nicht alles: Die Ungarische Revolution war ihrem Wesen nach widersprüchlich. Es war eine Revolte mit verworrenen, sich widersprechenden Forderungen.
Die Hoffnung mitten im Kalten Krieg eine nationale Eigenständigkeit zu erreichen war nicht nur zeitlich ein fataler Irrtum und eine falsche Hoffnung, für die insbesondere Imre Nagy stand. Die Beliebtheit und Sympathie die Imre Nagy (auch im Nachhinein) bei der Bevölkerung genoss, sollte nicht mit den eigenständigen Forderungen der Lohnabhängigen in Ungarn 1956 verwechselt werden. Selbst wenn aus heutiger Sicht dafür spricht, dass die Arbeiterklasse erst dabei war sich ihrer Klasseninteressen nach und nach zuerst zögerlich bewusst werden, ihre Forderungen also auch noch bürgerliche oder vermeintlich bürgerliche Züge trugen, wäre es falsch zwei parallele Entwicklungen des ungarischen Aufstandes, die der herrschenden KP mit dem stalinistischen wie reformistischen Flügel –und den Mittelschichten, die diesen Weg unterstützten sowie den politisch-sozialen Werdegang der Arbeiterklasse in einen Topf zu schmeißen. Bei allen Unterschieden- Imre Nagy und Janos Kadar waren sich in einem einig. Sie hassten die soziale Revolte zutiefst. Imre Nagys Weg torpedierte die ungarische Revolution mit seiner Vermittlerrolle und einem Kurs voll Halbheiten wider die Sowjetunion: Diesen halbseidenen, elendigen Kurs bezahlte er mit seinem Leben – und vor allem die Aufständischen bezahlten seinen Kurs mit ihrem Leben.
Ein internationalistisches Bewusstsein und ein Begriff davon dass die internationale Solidarität der Lohnabhängigen, die Einheit der internationalen Klasse der Arbeiter und eine Länder übergreifende Revolution allein die Grundlage für die Selbstbefreiung der Arbeitenden ist, fehlte oder war lediglich spontan und zeitweilig in Ansätzen in Ungarn vorhanden. Solidarität mit den polnischen Arbeitern und eine gezielte Arbeit mit dem Ziel sowjetische Soldaten anzusprechen war bestenfalls spontan. Eine Solidarität zwischen Arbeitern in Ost- und Westeuropa war quasi nicht vorhanden oder nur rudimentär. Selbst eine vorzügliche Propagandaarbeit wäre unter den Bedingungen des Kalten Krieges wohl erfolglos geblieben oder hätte nur wenig geändert.
Im Ungarn vor 1956 besaß die Arbeiterklasse keine sich ihrer Klasse bewusste eigenständige Organisation oder Partei, die sich in dem Aufstand als Kraft beweisen und zeigen konnte, internationale Erfahrungen verallgemeinern konnte und so den bürgerlichen Forderungen in der Zeit des Aufstandes und danach den Herrschenden etwas hätte entgegensetzen können. Selbst aus der Niederschlagung der Revolution in Ungarn konnten nur bedingt Folgerung gezogen werden. Quellen und Dokumente, in denen sich ArbeiterInnen politisch auf eigener Klassenbasis zu Wort meldeten sind rar. Das macht die Analyse heute nicht leichter.
Verbunden mit der Loslösung Jugoslawiens von der Sowjetunion und dem dort herrschendem Ansatz der Arbeiterselbstverwaltung unter Ägide der Partei herrschten in Ungarn diesbezüglich unter Lohnabhängigen falsche Vorstellungen und Sympathien für das jugoslawische Modell. Eine Bewusstheit darüber das Arbeiterselbstverwaltung nur eine andere Spielart des staatlich geregelten Kapitalismus war, fehlte.
Wenn heute bürgerliche Medien lauthals verkünden, die tiefere Bedeutung der Revolution von 1956 habe sich erst 1989 gezeigt, ist das nichts als ideologische Phrasendrescherei. Allerdings spiegelt es auch die Angst wider, dass die Arbeiterklasse, der der Kapitalismus alltäglich die Sorgen um das Leben ins Gesicht schreibt, sich ihrer Lage bewusst werden könnte und zur Gegenwehr übergeht.

Die endgültige Niederschlagung der ungarischen Revolution

Die allseitige Krise der Regierung unter Imre Nagy, die sich der UdSSR nach wie vor verpflichtete fühlte, andererseits eigene nationale Vorhaben in die Tat umzusetzen versuchte und so einen Zickzackkurs fuhr, führte dazu, dass die sowjetischen Panzer sich am 28. Oktober zurückzogen. Ein trügerischer Vorgang, der die Revolution zu einem besonders kritischen Zeitpunkt massiv schwächte und nichts anderes als Kriegstaktik war. Für die Regierung war es der verzweifelte hilf- und nutzlose Versuch das Land wieder unter Kontrolle zu bekommen, was ja dann auch unter anderen Vorzeichen geschah. Der Restauration! Der vermeintliche Rückzug war nur der Auftakt der endgültigen Niederschlagung des revolutionären Aufstands, dessen Zeitpunkt nicht empfindlicher und besser hätte getroffen werden können. Die Suezkrise mit dem militärischen Eingriff Englands, Frankreichs und Israels in Ägypten beschäftigte die westlichen Staaten. Am zweiten November erklärte Imre Nagy nach gescheiterten Drohungen und vergeblichen Verhandlungsversuchen mit der UdSSR den Austritt aus dem östlichen Militärbündnis und Ungarns Neutralität. Die Niederschlagung der ungarischen Revolte stand unmittelbar bevor. Am vierten November wurde Budapest durch den Donner von Geschossen aufgeschreckt die mitten in der Stadt explodierten. Die sowjetischen Armeeeinheiten hatten ihren Angriff zur endgültigen Niederwerfung des ungarischen Aufstands begonnen. Vor allem in den Arbeiterbezirken Budapests kam es zu erbitterten Kämpfen. Das ganze Land befand sich im Generalstreik. Letztlich mussten die ungarischen Arbeiter vor der militärischen Überlegenheit der russischen Truppen und ihrer eigenen Reformregierung weichen. Am fünfzehnten November war der landesweite Aufstand endgültig zusammengebrochen. Mit harter Hand fanden nun unter Janos Kadar nach der militärischen Niederschlagung Hinrichtungen, Internierungen und Inhaftierungen statt, die von Sonder- und Schnellgerichten ausgingen. Dass das Standrecht von ihm, Janos Kadar, erst am 13. Juli 1957 aufgehoben wurde, zeigt die einerseits andauernde Phase des Widerstands, andererseits die Furcht und Vorsicht der Regierung Kadar vor anhaltenden oder neuen Unruhen.

Die Bedeutung der Ungarischen Revolution

Als die Ungarische Revolution zerschlagen war, begann der Westen fürchterliche Krokodilstränen zu vergießen. Ungarische Intellektuelle des Petöfi-Kreises reduzierten den Aufstand auf eine „Revolution für die Menschenwürde“ oder verklärten sie „weltweit zum Symbol der Freiheit und der tragischen Niederlage“. Entsprechend dem landesweiten Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR wurde die Revolte von allen Bürgerlichen entgegen ihren ureigenen Zielen in einen angeblichen nationalen Volksaufstand umgedeutet. Ungarn 1956 war der Versuch einer sozialen Revolution: Die Lohnabhängigen in den Städten und auf dem Land wollten eine grundlegende Änderung der Produktionsverhältnisse. Sowohl der Aufstand von 1953 wie auch die Revolution 1956 in Ungarn waren revolutionäre Erschütterungen, revolutionäre Erhebungen, die es nicht schafften sich von der Last der sie deformierenden herrschenden Klasse abzuschütteln und sich selbst zu befreien.
1953 wie 1956 gehören in die Reihe der Revolten, Aufstände und Revolutionen, die allen Revolutionären in Trauer über das Scheitern und ihre Niederschlagung und zum Nutzen der Erkenntnis und Lernfähigkeit unabkömmlich im Gedächtnis bleiben und dem Vergessen immer wieder aufs Neue entrissen werden müssen. (GAC)