Der Brand im „Grenfell Tower“: Eine vorhersehbare Tragödie!

Wir werden nie genau wissen wie viele Menschen ihr Leben bei diesem entsetzlichen Feuer verloren. Die Bilder und Berichte des Brandes waren unerträglich. Menschen in verschlossenen lodernden Räumen, die ihre Kinder an sich drückten und um Hilfe riefen. Eine Mutter die ihr Baby vom zehnten Stock aus in die Arme eines Mannes fallen lässt, der sich eine Etage tiefer befand. Eine Frau die versucht, aus ihrer Wohnung im 21. Stock mit ihren sechs Kinder zu fliehen, doch nur mit vier ihrer Kinder entkommen kann.
Die Berichte der Feuerwehrleute, die ihr Leben riskierten sind genauso verstörend. Aufnahmen aus einem Feuerwehrwagen zeigen ihren Schock und ihre Angst als sie realisierten, dass der ganze Hochhausblock voller Menschen ist. Auch sie sind fassungslos, wie es dazu überhaupt kommen konnte. „Wie soll das gehen, dass wir uns da hineinwagen“, fragte einer von ihnen.1 Viele von ihnen setzten ihr Leben aufs Spiel um Menschen aus dem Inferno herauszuholen . Die Londoner Feuerwehr hat seitdem erklärt, wie beispiellos und unvergleichlich das sich ausbreitende Feuer war.
Für andere aber war dies trauriger Weise keinerlei Überraschung. Grenfell-Mieter wussten dass ihr Block unsicher ist. Die „Grenfell-Action-Group“ argumentierte so seit Jahren. Auf ihrem Internetblog listete sie die niedrigschwelligen Feuer-Sicherheitsstandards auf, schrieb über langanhaltende Fehler der Elektroleitungen, die das Risiko von Kurzschlüssen und Feuergefahr brachten, über Lampenfassungen, die mehrfach zur Rauchentwicklung führten, berichteten über die Gefahr die das Verschließen des Parkdecks im Notfall bei Feuer bedeuten würde (was dann auch eintraf!). Über Jahre machten sie ihre Kampagne; legten dar was ihre betreffenden Wünsche sind und forderten dies von der Hausverwaltung, der Kensington und Chelsea „Tenants Managment Organisation“ (TMO) ein. Im Jahr 2016 veröffentlichten sie auf ihrem Blog einen Artikel mit dem Titel „Spiel mit dem Feuer“ in dem sie schilderten wie unzureichend die Fluchtwege bei Feuer sind. Alle ihre Forderungen wurden ignoriert, zurückgewiesen oder als nebensächlich abgetan. Als sie bereits 2013 auf ihrem Blog warnten, dass nur ein „katastrophales Ereignis“ offenbaren würde wie inkompetent und abwegig das Verhalten der Hauseigentümer sei, drohten diese daraufhin mit juristischen Maßnahmen (der Anwalt der TMO bezichtigte die Autoren des Blogs verleumderischen Verhaltens und der Schikane). Eine ehemalige Beschäftigte der TMO, Seraphima Kennedy, schrieb im Guardian über die grundlegenden Schwierigkeiten seitdem ab 2010 immer mehr Kürzungen durchgesetzt wurden, die es zunehmend schwieriger machten die Bewohner vor Gefahren zu bewahren, da die Sicherheitsinspektionen ständig abnahmen, was dazu führte das sie Alpträume bekam.2
Die Wahrheit ist, dass die Behörden die Interessen der Bewohner schlicht ignorierten. Der Hochhausblock ist eine ausgeplünderte Kasse in einem der reichsten Bezirke des Landes. Im letzten Jahr wurde die Immobilie mit 8,6 Millionen brit. Pfund aufpoliert, die Sicherheit der Bewohner blieb von Anfang an unberücksichtigt und der Vertragspartner, der die Sanierung ursprünglich vornehmen sollte, wurde zugunsten einer billigeren Lösung gekündigt. Die Arbeiten wurden so schlecht und schlampig durchgeführt, dass Bewohner sich weigerten Handwerker in ihre Wohnungen zu lassen. Zu keinem Zeitpunkt kam die TMO auf die Idee ein Sprinklersystem als Teil der Erneuerung einbauen zu lassen. Bewohner beschwerten sich, dass die beauftragte Firma Müllberge auf öffentlichen Fluren zurückließ und so die Notausgänge versperrt waren. Laut den Sanierungsplänen sollte die Fassadenbekleidung verwendet werden, weil „der Turm aufgrund seiner Höhe vom benachbarten Avondale Conservation Area in Richtung Sveüden und vom Ladbrokes Conservation Area in Richtung Osten zu sehen is.“3 Der Grenfell-Tower befindet sich in einer der reichsten Gegenden Londons, zwei Meilen entfernt von einem 21stöckigem Hochhausturm, in dem Einzimmerwohnungen im günstigsten Fall 1 Million britische Pfund kosten. So musste der Grenfell-Tower ein gutes Aussehen erhalten. Das Dokument hält fest: „Die Umbauten am existierenden Turm werden sein Erscheinungsbild vor allem wenn man ihn aus der nächsten Nähe betrachtet verbessern“ . Die Entscheidung wurde gefällt um den Hochhausturm billig zu verkleiden. Die TMO fand einen Vertragspartner, der den Quadratmeter Fassadenmaterial 2 Pfund billiger anbot als es das feuergeprüfte Material im Vergleich war. Lediglich 4750 britische Pfund mehr hätten Leben gerettet. Aber das ausgewählte Material war dermaßen brennbar, dass das Feuer ausgehend von einer Wohnung in den Morgenstunden sich derartig schnell ausbreitete, dass es in Windeseile die komplette Verkleidung des Hauses erfasste und ein entfesseltes Inferno in weniger als einer Stunde auslöste. Es war dermaßen dauerhaft brennbar, dass es bis in den Nachmittag hinein brannte.
In den kommenden Monaten und Jahren wird es Untersuchungen geben, die Fassadenmaterialien untersuchen und wahrscheinlich verbieten werden. In Deutschland ist dieses Material bereits verboten und in den USA wird derartiges Material für Hochhäuser derartiger Höhe nicht verwendet. Es scheint zurzeit Unklarheit darüber zu geben, ob es überhaupt (nach britischen Regelungen) eingesetzt werden durfte. Und dies ist in Hinblick auf all die in den letzten Jahren (auf Kosten der Mieter) durchgeführten Lockerungen der Bauvorschriften bezeichnend. Seit Blair war es die erklärte Politik der Regierungen die Vorschriften zu lockern, um so die „Unternehmerinitiative“ zu fördern. Seit dem Localism Act von 2011, der von Eric Pickles eingeführt wurde, wurde die Kontrolle durch die Kommunalverwaltung faktisch über Bord geworfen. Mehr als 2400 Regelungen wurden aufgehoben Mit dem „Red Tape Challenge“ wurden unter dem Vorwand des „Bürokratieabbaus“ mehr als 2400 Vorschriften aufgehoben, um Bauherren von Häusern um schätzungsweise 100 Millionen britische Pfund zu entlasten.4 Für Sozialwohnungen bedeutete es nichts anderes als ein Mangel an Kontrolle von Raumstandards bis hin zu fehlenden Vorkehrungen für den Fall von Feuer. Nach ein paar Jahren sollen die Standards und Vorkehrungen in der Regel immer wieder überprüft werden, um mit den Veränderungen in der Technologie sowie bei Baumaterialien Schritt zu halten, doch faktisch hat dies seit über mehr als zehn Jahre nicht mehr stattgefunden.
Minister und Regierungsbeamte behaupten nicht zu wissen ob die Verkleidung illegal war. Doch wurden sie mehrfach gewarnt wie unsicher die Verkleidung ist. In den 1990er Jahren fertigte der Architekt Sam Webb ein Gutachten über mehrere hundert Wohnblocks an, in dem er hervorhob, dass für mehr als die Hälfte selbst niedrigste Sicherheitsstandards zur Vorkehrung im Feuerfall nicht erfüllt waren. Das Innenministerium erhielt diesen Bericht und tat nichts. Stattdessen wurden weitere Sicherheitsvorschriften gelockert. Selbst als die in Webbs Bericht angekündigte Katastrophe 2009 im Lakanal House 2009 eintrat, geschah nichts. Durch das Feuer im Lakanal House kamen sechs Menschen ums Leben, davon drei Kinder. Auch dieser Brand war durch leicht brennbare Fassadenverkleidungen hervorgerufen worden. Es gab keine Sprinkleranlage und die Sicherheits- und Brandschutzkontrollen waren mangelhaft. Schon damals machten die Verfasser des Untersuchungsgutachtens nachdrückliche Empfehlungen. Die meisten wurden schlichtweg ignoriert. Drei Minister aufeinanderfolgender Regierungen versäumten es die Warnungen und eindringlichen Empfehlungen Sprinkleranlagen einzubauen, zur Kenntnis zu nehmen. Theresa Mays neuer Stabschef Gawin Barwell, war bis zum Verlust seines Mandats bei den letzten Wahlen Wohnungsbauminister. Er versprach immer wieder die Sicherheitsmaßnahmen zur Feuerbekämpfung erneut zu überprüfen, tat jedoch nichts. Stattdessen lehnte er wiederholt Anfragen zu Treffen ab, um das Problem zu diskutieren.
Die Bewohner von Grenfell wurden von der herrschen Klasse mit Nichtachtung und nun mit völliger Verachtung behandelt. Viel wurde über Theresa Mays Unfähigkeit geschrieben den Überlebenden Mitgefühl entgegenzubringen. Doch auch die Reaktion der Regierung und lokalen Behörden war gelinde gesagt erbärmlich. Die Regierung brauchte 72 Stunden um ein Hilfspaket für die Überlebenden auf die Beine zu stellen. Doch selbst diese Maßnahmen waren eine Zumutung.
Den traumatisierten Überlebenden wurde eine vorübergehende Unterbringung in Hochhäusern oder Unterkünfte in abgehalfterten Bed &Breakfast-Hotels ohne Dusche angeboten. Ihnen wurden 10 Pfund Hilfe pro Tag angeboten – ein Schlag ins Gesicht. Nach fünf Tagen wurde dieser Hilfesatz erhöht, aber auch erst nachdem es in London und anderen Städten zu wütende Demonstrationen gekommen war, und eine Delegation von Überlebenden der Downing Street einen Besuch abgestattet hatte. Seitdem schlafen viele im “Westway Sports Center“ ohne zu wissen, wo sie in Zukunft unterkommen werden und ob dies im gleichen Bezirk möglich ist. Viele haben Angst, dass ihnen die Sozialhilfe gekürzt wird. Von der Hausverwaltung TMO ist seit dem Feuer wenig zu hören. Allenfalls werden den Mietern der umliegenden Häuser Schreiben zugestellt, indem vor antisozialen Verhalten gewarnt und mit juristischen Mitteln gedroht wird. Die Stadtverwaltung von Kensington und Chelsea Borough hüllen sich ebenfalls in Schweigen. Viele die sich nach dem Schicksal ihrer Angehörigen erkundigten bekamen von den offiziellen Stellen kaum Hilfe. Ein freiwilliger Helfer brachte seinen Ärger folgendermaßen auf den Punkt: „Wir leben in einer der wohlhabensten Gegenden des Landes. Wir sitzen geradezu auf 300 Millionen Pfund. Und dann soll es nicht möglich sein, bei ein oder zwei Notfällen den Menschen die notwendigste Hilfe zur Verfügung zu stellen?“ 5
Den Überlebenden und der nahen Community mussten sich selbst zu helfen. Junge Muslime die zum Ramadan fasteten und innehielten, weckten ihre Nachbarn als sie das Feuer bemerkten und retteten zweifelsfrei vielen Menschen das Leben. Innerhalb von Stunden organisierten die umliegenden Bewohner notwendige Bekleidung und Essen (in einem Ausmaß, dass freiwillige Helfer eingegangene Spenden und Hilfsleistungen ablehnen mussten) und wurden dabei vom Roten Kreuz, muslimischen Gemeinden und Kirchen unterstützt. Sie stellten ein Komitee auf, um unmittelbare Forderungen aufzustellen mit dem Ziel sie in der Downing Street vorzutragen. Sie organisierten sich aus hunderten von Menschen. In Versammlungen an denen sich Hunderte beteiligten, wählten sie Delegierte und organisierten Demonstrationen. Die BewohnerInnen der Umgebung schafften es sich effizient, gleichzeitig leidenschaftlich und wahrhaft demokratisch zu organisieren. Alles was der bürgerliche Staat nicht zu bieten hat.
Die Kürzungspolitik hat Mieterinnen und Mieter wie die des Grenfell-Hochhauses mit voller Härte erwischt: Ob „Bedroom Tax“, gekürztes Wohngeld bis hin zur Reduzierung von Sicherheitsstandards. Der Grenfell-Tower liegt vielleicht in einem der reichsten Stadtbezirke des Landes, aber es hat gerade die zehn Prozent der Bevölkerung getroffen, die vom Wohlstand am meisten ausgeschlossen sind. Die katastrophale Realität zeigt die ungeschminkten Fakten: Es ist das Ergebnis von Jahren, in denen niedrigste Sicherheitsbestimmungen gegenüber den Bewohnern wie Grenfell-Tower nicht eingehalten, ja vorenthalten wurden, das langanhaltende Versäumnis menschengerechten sozialen Wohnungsbau voranzutreiben. Die Verweigerung Sicherheitsstandards nach neuesten Erkenntnissen zu verbessern oder wenigstens den Status Quo aufrecht zu erhalten. Örtliche Feuerwehrstationen wurden geschlossen. Das einst funktionierende NHS (nationalen Gesundheitssystems) durch massive Einschnitte in den Grundfesten erschüttert und die Sozialhilfe massiv zusammengestrichen. Sie alle sind somit die Opfer eines Systems, das immer weiter ungleiche Lebensbedingungen vorantreibt. Ein System in dem nichts anderes als Profit zählt. In einer der Demonstrationen hielt ein Prostierender ein Schild mit der Aufschrift „Kapitalismus tötet“ hoch. Das schreckliche Feuer hat auf tragische Weise gezeigt, wie wahr diese Aussage ist.
Die Bewohner von Grenfell werden einen mühsamen Kampf vor sich haben. Sie werden feststellen, dass die Verantwortlichen versuchen werden sich mit bürokratischen Ausflüchten aus der Affäre zu ziehen. Sie werden sich durch einen Dschungel kämpfen müssen: Wer wusste was? Welcher Vertragspartner hatte welche Verantwortung? Wer und welches Subunternehmen war wann und wie in der Pflicht? Herauszufinden welche Vertragspartner, Bauunternehmen, privatisierten Dienste, Kontrollgremien nicht nur verantwortlich sondern auch zumindest juristisch zur Rechenschaft gezogen werden können, wird alles andere als leicht sein. Solange sie keine Prozesskostenhilfe bekommen, werden sie dabei auf freiwillige juristische Berater angewiesen und die Sache wird mit der Zeit aus dem Blickwinkel der Öffentlichkeit entgleiten. Und zweifelslos werden sie Politikern zuhören müssen, die vor den Kameras Menschlichkeit vorheucheln, während das System welches sie sie repräsentieren einfach nur inhuman ist. Die verkohlten Reste des Grenfell-Turms stehen für dieses gescheiterte System und seine Verteidiger. Es ist ein Mahnmal der Schande.
CWO

Updates der Grenfell Action Group, siehe unter: www.grenfellactiongroup.wordpress.com

  1. Zitiert nach Mirror vom 19.Juni 2017. Siehe Facebook-Seite, “Save the UK Fire Service“. [zurück]
  2. Seraphima Kennedy, Guardian vom 16.Juni 2017 [zurück]
  3. Angabe aus „Metro“ vom 14.Juni 2017 [zurück]
  4. Nach dem Guardian vom 19. Juni 2017 [zurück]
  5. Artikel aus der Financial Times vom 18.Juni [zurück]