Sozialismus oder Barbarei!

Politische Plattform der Gruppe Internationaler SozialistInnen

„Die bürgerliche Gesellschaft steht vor einem Dilemma: Entweder Übergang zum Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei! Wir stehen vor der Wahl: entweder Triumph des Imperialismus und Untergang jeglicher Kultur wie im alten Rom, Entvölkerung, Verödung, Degeneration, ein großer Friedhof. Oder Sieg des Sozialismus, das heißt der bewussten Kampfaktion des internationalen Proletariats gegen den Imperialismus und seine Methode: den Krieg. Dies ist ein Entweder- Oder, dessen Waagschalen zitternd schwanken vor dem Entschluss des klassenbewussten Proletariats“
Rosa Luxemburg (1915)

Kapitalismus

Wir leben in einem weltumfassenden kapitalistischen Gesellschaftssystem. Die Herrschaft des Kapitals umfasst den gesamten Planeten und durchdringt alle Lebensbereiche. Der Kapitalismus basiert auf der Ausbeutung der großen Mehrheit der Bevölkerung, die zur Bestreitung ihres Lebensunterhaltes keine andere Wahl hat als ihre Arbeitskraft den Kapitalisten zu verkaufen. Zwischen Lohnabhängigen und Kapitalisten besteht daher ein unüberbrückbarer Klassengegensatz. Die Arbeiterklasse ist die einzige Klasse, die das objektive Interesse und die Kraft hat, das kapitalistische Profitsystem zu stürzen. Die Überwindung des Systems, die Befreiung der Arbeiterklasse durch die bewusste weltweite Aufhebung des Kapitalverhältnisses ist die Grundbedingung für die Beseitigung jeder Unterdrückung. Die barbarische Dynamik des kapitalistischen Profitstrebens ist zu einer Fessel für die Weiterentwicklung der Menschheit geworden. Die Entwicklungen der Produktivkräfte haben längst einen Punkt erreicht, wo die Überwindung von Hunger, Krieg und Herrschaft materiell möglich geworden ist. Für die Arbeiterklasse gilt es weder „demokratische Etappen“ zu durchlaufen, noch „bürgerliche Aufgaben“ zu erfüllen, sondern einzig für ihre elementaren Klasseninteressen einzutreten. Wir wenden uns gegen jede Form der Klassenkollaboration und gegen Bündnisse mit bürgerlichen Kräften. Nur wenn die Lohnabhängigen den Kampf für ihre Interessen selbst in die Hand nehmen und unabhängig von, bzw. gegen die Ideologien der Herrschenden vertreten, kann ihr Kampf letztendlich erfolgreich sein.

Reform und Revolution

Die Überwindung des Kapitalismus ist nur durch die solidarische und selbsttätige Aktion der Arbeiterklasse möglich.
Als Revolutionäre unterstützen wir alle Kämpfe zur Verteidigung unmittelbarer Klasseninteressen gegen die Angriffe des Kapitals. Sie bieten die Chance und das Potential, die bürgerliche Ideologie aufzubrechen, Vereinzelung und Spaltungslinien zu überwinden und kollektive Stärke gegen den Klassengegner zu entwickeln. Gleichzeitig bekämpfen wir all jene „sozialreformerischen“ Strömungen und Kräfte, die vorgeben durch Kompromisse mit den Herrschenden den Kapitalismus zurückdrängen oder bändigen zu wollen.
Der Kapitalismus kann weder allmählich verbessert, schrittweise in seinem Wesen verändert oder menschenwürdig verwaltet werden. Er muss auf revolutionärem Wege durch die Arbeiterklasse gestürzt werden.
Die Arbeiterklasse kann die Strukturen des bürgerlichen Staatsapparates nicht übernehmen oder für ihre Zwecke dienstbar machen. Der bürgerliche Staat ist keine über den Klassen schwebende neutrale Instanz, sondern ein Repressions- und Kontrollorgan zur Aufrechterhaltung und Verteidigung der Kapitalherrschaft. Ohne Beseitigung des Staatsapparates, ohne Entmachtung der Herrschenden durch die selbsttätige Aktion des Proletariats ist keine neue Gesellschaft möglich, die der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ein Ende bereitet.

Gegen das Stellvertretertum!
Für den Klassenkampf!

Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiterklasse selber sein. Wir wenden uns gegen jede Form des Stellvertretertums. Der Kampf um Befreiung kann nicht an Politiker, Institutionen oder Eliten delegiert werden. Solange sich Menschen beherrschen lassen, solange bleiben sie beherrscht. Ausgangspunkt und Aufgabe revolutionärer Politik sehen wir darin, das Vertrauen und das Bewusstsein der Lohnabhängigen in ihre eigene Kraft zu stärken. Wir meinen, dass sich wirkliche Veränderungen nicht im Rahmen, sondern nur gegen die politischen Verkehrsformen und Vermittlungsinstanzen der bürgerlichen Gesellschaft erkämpfen lassen. Zur Verteidigung unmittelbarer Klasseninteressen ist eine im Wesentlichen antiinstitutionelle Strategie vonnöten. Eine Strategie, die auf dem Prinzip der Selbstorganisation und grenzüberschreitender Solidarität basiert und sich allen Integrationsangeboten der Herrschenden verweigert. Die stets von den Herrschenden vorgegeben „politischen Spielregeln“, müssen unablässig in Frage gestellt, und durch selbsttätiges solidarisches Handeln durchbrochen werden. Nur so lässt sich wirkliche kollektive Stärke gegen die scheinbare Allmacht des Kapitals entwickeln.

Gegen den Parlamentarismus

Wahlen ändern nichts, sonst wären sie verboten! Es gibt keinen parlamentarischen Weg zum Sozialismus.
Das Parlament hat längst seine durch die bürgerlichen Revolutionen des 19. Jahrhunderts hervorgebrachte Rolle verloren, zentrales Vermittlungsorgan zwischen den Klassen zu sein. Während die wirklichen Entscheidungen in den nichtöffentlichen Gremien des Staatsapparates getroffen werden, hat der Parlamentarismus heute für die Herrschenden vorwiegend die ideologische Funktion, die Taten der Regierenden „demokratisch“ zu bemänteln. Der Parlamentarismus hat ferner eine strukturell integrative Funktion. Eine „revolutionäre Ausnutzung“ des Parlaments oder ein „revolutionärer Parlamentarismus“ ist ein Ding der Unmöglichkeit, und von daher eine besonders schlechte Entschuldigung für die Integration in den bürgerlichen Herrschaftsapparat. Jede parlamentarische Orientierung führt auf kurz oder lang dazu, die Sachzwänge des Kapitalismus im Einklang mit der „öffentlichen Meinung“ mitverwalten zu wollen. Von daher lehnen wir jede Beteiligung am parlamentarischen Spektakel, jeden Aufruf zu Wahlen oder Wahlkämpfen kategorisch ab. Sie können nur dazu führen, Illusionen in die „bürgerliche Demokratie“ zu schüren, oder gar zu zementieren. Als klassische Variante des politischen Stellvertretertums steht der Parlamentarismus dem einzig gangbaren Weg der Gesellschaftsveränderung, dem selbsttätigen Handeln der Klasse entgegen.

Die Gewerkschaften

Die Gewerkschaften sind im 19. Jahrhundert als „Sammelpunkte des Widerstandes gegen die Gewalttaten des Kapitals“ (Karl Marx) entstanden, um auf der Grundlage des Appells an die Solidarität und die gegenseitige Hilfe die Lebensverhältnisse der Arbeiterklasse zu verbessern. Mit der Entwicklung des Kapitalismus setzte sich in den Gewerkschaften zunehmend eine sozialreformerische Tendenz durch, die die gewerkschaftlichen Organisationen mehr und mehr der kapitalistischen Logik unterordnete. Die Gewerkschaften wandelten sich zu staatstragenden bürokratischen Apparaten, die sich dem Kapital als Verhandlungspartner und Ordnungsfaktoren unentbehrlich machten. Wir sehen diesen Prozess nicht als das Werk „böser Führer“, sondern als logische Konsequenz des „gewerkschaftlichen Grundanspruchs“, auf „gleicher Augenhöhe“ mit den Kapitalisten die Geschäftsbedingungen des Verkaufs der Ware Arbeitskraft verhandeln zu wollen. Heute fungieren die Gewerkschaften auf der Grundlage der politischen Akzeptanz des Lohnsystems als bürgerliche Vermittlungsinstanzen zwischen Arbeitern und Kapitalisten. Sie sehen sich nicht mehr ausschließlich der Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen ihrer Mitglieder, sondern in erster Linie dem reibungslosen Funktionieren der Nationalökonomie verpflichtet. Eine wirksame Verteidigung proletarischer Interessen ist im engen, auf Akzeptanz kapitalistischer Sachzwänge, gestrickten Rahmen der Gewerkschaften nicht möglich.
Dem gewerkschaftlichen Credo „ein gerechter Lohn für ein gerechtes Tagewerk“ setzten die Revolutionäre die Losung entgegen: “Nieder mit der Lohnarbeit!“

Krieg dem Imperialistischen Krieg!
Für den revolutionären Defätismus!

Kapitalismus heißt Krieg! Die Kriege des imperialistischen Zeitalters sind keine Betriebsunfälle oder eine Abkehr von der Norm des kapitalistischen Alltagsgeschäfts. Sie sind nicht das Werk einzelner Politiker, Diktatoren oder Staaten, sondern Ausdruck verallgemeinerter wachsender imperialistischer Konkurrenz, „das Produkt eines bestimmten Reifegrades in der Weltentwicklung des Kapitals, eine von Hause aus internationale Erscheinung, dem sich kein einzelner Staat zu entziehen vermag“ (Rosa Luxemburg). In diesen stets auf Kosten der Arbeiterklasse geführten Auseinandersetzungen der Herrschenden um Macht- und Einflusszonen gibt es weder eine „richtige Seite“ zu wählen, noch ein „kleineres Übel“ zu unterstützen.
Die Arbeiterklasse hat kein Vaterland! Die einzige Perspektive gegen den Krieg liegt in der Aufkündigung des Friedens mit den Herrschenden, im grenzüberschreitenden Klassenkampf gegen den Kapitalismus in all seinen Ausformungen. Gegen jede nationalistische Ideologie, jede Mystifikation der Warengesellschaft – ob nun im Namen der „Demokratie“, des „Antifaschismus“, oder der „Menschenrechte“! Für den proletarischen Internationalismus!

Tod den Vaterländern!
Gegen jeden Nationalismus!

Wir wenden uns gegen jede Form des Nationalismus. Die Idee der Nation ist eine entscheidende Stütze jeder bürgerlicher Herrschaft. Sie verschleiert den Klassencharakter des sozialen Systems und vermittelt die Vorstellung, die bestehende Ordnung sei Ausdruck der gemeinsamen Interessen des „Volkes“. Nationalismus bedeutet immer Unterordnung des Proletariats unter die „eigene Bourgeoisie“. Im Zeitalter des Imperialismus, in dem die Herrschaft des Kapitals den gesamten Erdball umfasst, ist die Vorstellung spezifisch „nationaler Entwicklungsmöglichkeiten“ oder „noch zu lösender demokratischer Aufgaben“ absurd und in jeder Hinsicht reaktionär. Die sogenannten „nationalen Befreiungsbewegungen“ verkörpern die Interessen bürgerlicher Fraktionen und Strömungen und agieren als Teilelemente der innerimperialistischen Auseinandersetzungen gegen das Proletariat. Alle Theorien und Losungen „der nationalen Befreiung“ oder des „Selbstbestimmungsrechtes der Völker“ zielen darauf ab, nationalistische Spaltungslinien in der Klasse zu fördern und das Proletariat bürgerlichen Kräften zu unterwerfen. Als Internationalisten kennen wir keine Solidarität mit „Völkern“, „Staaten“, oder „Nationen“, sondern nur mit konkreten Menschen und ihren Kämpfen und sozialen Auseinandersetzungen. Unser Ziel ist der Kampf der Arbeiter aller Nationen als einzige Perspektive zur Überwindung jeder Unterdrückung und Diskriminierung.

Gegen den Rassismus

Der Rassismus, die Unterdrückung und Diskriminierung von Menschen anhand ihnen zugeschriebener Merkmale ist nicht nur eine moralische Obszönität, sondern eine wesentliches Organisationsprinzip der kapitalistischen Gesellschaft. Durch das Schüren und die Verbreitung rassistischer Ideen und Vorurteile werden Spaltungslinien in der Klasse bewusst forciert und vertieft. Der Rassismus untergräbt somit die einzige Grundlage auf der erfolgreicher Widerstand gegen die alltäglichen Zumutungen dieses Systems möglich ist – die Klassensolidarität. Die Spaltung der Arbeiterklasse kann nicht dadurch überwunden werden, dass sich die „ausländischen“ Minderheiten an die herrschende deutsche Dominanzkultur „anpassen“. Wir lehnen jede positive Bewertung der „Integration“ oder der „Assimilation“ ab. Derartigen Vorstellungen liegt immer das bürgerliche Vorurteil der Höherwertigkeit irgendeiner „nationalen Kultur“ oder Sprache zu Grunde.
Zur Überwindung rassistischer Spaltungslinien ist eine bewusste Minderheitenpolitik mit den unterdrücktesten Sektoren der Klasse notwendig. Das kompromisslose Eintreten gegen alle rassistischen Schikanen und Diskriminierungen, Ausnahmegesetze und Verwaltungspraxen ist für uns eine wesentliche Grundbedingung zur Herstellung der Klasseneinheit. Ein Recht auf Menschenrechte ist in diesem System nur bedingt einklag- und jederzeit wieder angreifbar. Es lohnt, dafür zu kämpfen – es lohnt, für mehr zu kämpfen: Für eine menschliche Weltgemeinschaft jenseits der kapitalistische Verwertungslogik!

Die Frauenfrage im Klassenkampf

Ausbeutung, Hausarbeit, Diskriminierung und sexuelle Gewalt – das ist die alltägliche Realität für Millionen proletarischer Frauen weltweit. Die Unterdrückung der Frau hat ihre Wurzel in der Teilung der Gesellschaft in besitzende und besitzlose Klassen. Sie stellt ein besonderes Unterdrückungsverhältnis dar, welches die Arbeiterklasse als ganzes schwächt. Der Kampf gegen sexistische Diskriminierung kann nicht auf den Tag X nach der Revolution vertagt werden. Es ist eine grundlegende Aufgabe von Revolutionären schonungslos gegen reaktionäre Einstellungen und Verhaltensmuster gegenüber Frauen vorzugehen. Wir wenden uns gegen die Verklärung der bürgerlichen Ehe und Familie, der Keimzelle patriarchaler Unterdrückung, und gegen die Diskriminierung von sexuellen Orientierungen, die von der herrschenden bürgerlichen Sexualmoral „abweichen“. Im Gegensatz zu bürgerlichen Feministinnen sind wir nicht der Meinung, dass der Sexismus durch individuelle Verhaltensmaßregeln oder gar die Quotierung des Staatsapparates zu mildern oder zu überwinden ist. Ebenso ist der Kampf gegen Frauenunterdrückung für uns keine „reine Frauenangelegenheit“, sondern untrennbar mit dem Kampf für den Sozialismus verbunden. Die Emanzipation der Frau kann nur in einer Gesellschaft realisiert werden, in der die Aufgaben der Kindererziehung, der Hausarbeit, Kranken- und Altenversorgung Teil der kollektiven gesellschaftlichen Tätigkeit sind. Kein Sozialismus ohne Befreiung der Frau, keine Befreiung der Frau ohne Sozialismus!

Der Stalinismus – der Totengräber der Revolution

Die Erfahrungen der russischen Revolution beweisen, dass eine proletarische Erhebung auf Dauer nicht isoliert in einem Lande überleben kann. Die Degeneration der russischen Oktoberrevolution resultierte aus der Niederschlagung der weltweiten Klassenbewegungen und der damit verbundenen Schwäche, die erkämpften Ansätze der Arbeitermacht gegen die stalinistische Konterrevolution zu verteidigen. Als Herrschaftsform wie als politische Strömung agierte der Stalinismus auf der Basis eines nationalistischen und staatskapitalistischen Programms: Unterwerfung des Proletariats unter den Staat, Terror, Revolutionsverzicht und Massenmord an Kommunisten. Er war kein irgendwie gearteter „sozialistischer Versuch“, sondern der Totengräber der Revolution, eine besonders perfide Variante des Antikommunismus. Sein durch und durch reaktionärer Charakter offenbarte sich in der Kultivierung von Nationalismus und Antisemitismus, in der Propagierung einer reaktionären frauenfeindlichen Sexualmoral und der Verklärung der Lohnarbeit.
Alle aus der stalinistischen Fälscherschule entstammenden Theorien über „nationale Wege zum Sozialismus“ sind ausnahmslos arbeiterfeindlich und reaktionär. Sie zielen sämtlich darauf ab, das Wertgesetz auf dem Rücken der Arbeiterklasse im nationalstaatlichen Rahmen dressieren zu wollen. Als weltumfassendes System kann der Kapitalismus nur im internationalen Maßstab überwunden werden.

Der Staatskapitalismus

Die UdSSR oder anderer Länder des frühren Ostblocks waren genauso wenig „sozialistisch“ wie das heutige China, Cuba oder Nordkorea, sondern staatskapitalistische Länder, in denen die Arbeiterklasse der Ausbeutung durch eine Klasse von Bürokraten unterworfen wurde. Während die Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaft, Warenproduktion und Lohnarbeit, erhalten blieben, wurden allumfassende staatliche Kontrolle und forcierter Arbeitszwang zu „sozialistischen Errungenschaften“ umgelogen. Die Proletarier blieben Lohnarbeiter ohne jede Verfügungsgewalt über die in den Händen des Staates konzentrierten Produktionsmittel. Die gleichermaßen von Sozialdemokraten und Stalinisten vorgenommene Gleichsetzung des Sozialismus mit dem Staatseigentum an Produktionsmitteln ist eine reaktionäre mit dem revolutionären Marxismus unvereinbare Position. Die sogenannten Verstaatlichungen änderten nichts am kapitalistischen Charakter der Ausbeutung, sie potenzierten sie vielmehr. In all seinen Ausprägungen stellte der Stalinismus eine besonders brutale Variante des Staatskapitalismus dar.

Für den Sozialismus von unten

Der Sozialismus oder Kommunismus bedeutet weder Verstaatlichung, Demokratisierung oder gar Verwaltung der kapitalistischen Verhältnisse. Er ist kein Zustand oder ein Programm, welches sich per Partei oder Staatsdekret in die Praxis umsetzen ließe, sondern eine gesellschaftliche Bewegung zur bewussten Überwindung des Kapitalverhältnisses, die Abschaffung des Staates, der Warenproduktion, des Wertgesetzes. Er erfordert gleichermaßen Eigeninitiative, Selbstaktivität und Solidarität. Sozialismus ist der bewusste Prozess der Selbstemanzipation der Klasse aus dem Joch der Lohnarbeit. Er ist kein Erziehungsprogramm sondern in seinem Ziele und auf seinem ganzen Wege ein Kampf für die Verwirklichung der Freiheit. Nur eine rational auf Befriedigung der Bedürfnisse orientierte Gesellschaft wird die existentiellen Probleme der Menschheit lösen können. Grundlage sozialer Emanzipation ist die Möglichkeit der freien Entscheidung aller über jeden Aspekt der Gesellschaft. Erst in einer Gesellschaft der Freien und Gleichen, in der „die freie Entwicklung eines jeden, die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“, wird die Herausbildung wirklicher Individualität möglich sein, werden die kommenden Generationen nicht nur menschenwürdig, sondern als Menschen leben können.

Die revolutionäre Partei

Das Proletariat ist aufgrund seiner Stellung zu den Produktionsmitteln und seiner Organisationsfähigkeit in der Lage, die kapitalistische Totalität als vergängliche Ausbeutergesellschaft zu durchschauen, und zu überwinden. Angesichts der Dominanz der bürgerlichen Ideologie ist die Bewusstwerdung des Proletariats jedoch kein gradliniger Prozess. In der kapitalistischen Klassengesellschaft ist die Arbeiterklasse notwendigerweise fragmentiert. Angesichts diverser Spaltungslinien in Branchen, Berufsgruppen, Nationen und Geschlechter sind Bewusstseinsstand und Kampferfahrungen unterschiedlich stark ausgeprägt. Ein einheitliches in der Klasse gleichmäßig ausgeprägtes Bewusstsein gibt es nicht. Um den Kampf für den Sozialismus erfolgreich zu führen, ist es notwendig, die bewusstesten Teile der Klasse in einer revolutionären Partei zusammenzuschließen. Die revolutionäre Klassenpartei kann weder ein abgehobener intellektueller Zirkel, noch eine populistische Massenorganisation sein. Sie ist der organisatorische Ausdruck der bewussten marxistischen Minderheit der Klasse. Ihre Aufgabe besteht in der aktiven Intervention in die Klassenkämpfe, der Auswertung und Verallgemeinerung von Kampferfahrungen und der Verteidigung und Weiterentwicklung des revolutionären Programms. Sie muss demokratisch in ihren Entscheidungsprozessen sein, und zentralistisch, um die einheitliche Umsetzung von Beschlüssen zu gewährleisten. Da der Kampf für den Sozialismus notwendigerweise international geführt werden muss, muss die Partei über eine internationale Struktur, Präsenz und Verankerung verfügen. Eine solche Partei kann nicht durch voluntaristischen Gründungsakt deklariert werden, noch wird sie aus eine der heute bestehenden revolutionär-internationalistischen Gruppierungen gradlinig emporwachsen. Ebenso kann ein den Anforderungen und Erfordernissen des 21 Jahrhunderts gewachsenes revolutionäres Programm vor dem Hintergrund der harten Schläge, die die Konterrevolution hinterlassen hat, heute allenfalls in Elementen entwickelt werden. Die revolutionäre Partei von morgen wird nur vor dem Hintergrund sich verschärfender Klassenauseinandersetzungen, durch einen langwierigen Prozess der Diskussion, theoretischen Verständigung und Umgruppierung der Revolutionäre aufgebaut werden können. In diesem Prozess wird es Spaltungen und Fusionen geben.

Unser Ausgangspunkt

Allein machen sie Dich ein! In der alltäglichen Realität des Kapitalismus sind wir Anforderungen und Zwängen unterworfen, die uns all zu oft als gegebene Notwendigkeiten erscheinen, im Grunde aber Herrschaftsverhältnisse sind. Diese Herrschaftsverhältnisse können sicherlich individuell in Frage gestellt, analysiert und kritisiert werden. Effektiver Widerstand gegen die Verhältnisse, die konsequente Aufkündigung des Konsenses mit den Herrschenden und ihren verqueren Ideologien erfordert jedoch Kollektivität und solidarisches Miteinander. Wir halten daher einen organisatorischen Zusammenhalt als grundlegende Ausgangsbedingung für die Entwicklung revolutionärer Politik. Revolutionäre Organisierung ist nicht das Ende, sondern überhaupt die Voraussetzung und gleichermaßen Mittel individueller Emanzipation. Wir verstehen uns als politisches Kollektiv von Menschen, die gegen die alltäglichen Zwänge und Zumutungen dieses Systems revoltieren. Dies erfordert Verbindlichkeit, Solidarität und vor allem offene, selbstkritische Diskussionen. Spontanem, oft isoliertem Handeln in allerlei Bewegungen, Initiativen und Zusammenhängen sind enge Grenzen gesetzt. Deswegen organisieren wir uns auf der Grundlage verbindlicher politischer Positionen und gemeinsam erarbeiteter politischer Analysen. Im Gegensatz zu anderen vorgeblich „revolutionären“ Gruppen und Organisationen behaupten wir nicht, die Vertreter der „reinen Lehre“ zu sein. Wir sind nicht mehr und nicht weniger als ein Arbeitszusammenhang, der einen Betrag zum Aufbau einer neuen revolutionären Organisation leisten will. Wir beziehen uns dabei auf die Erfahrungen und theoretischen Errungenschaften des Bundes der Kommunisten, der Ersten, Zweiten und Dritten Internationale und der Strömungen der kommunistischen Linken. Der Marxismus ist für uns kein Glaubensbekenntnis, sondern eine wissenschaftliche Erkenntnismethode zur Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse, eine Anleitung zum Handeln. Wir suchen den Kontakt und die Diskussion mit anderen Revolutionären weltweit. Diskussionen sind für uns jedoch niemals Selbstzweck, sondern Ausgangsbedingung für die etwaige Entwicklung einer gemeinsamen Praxis. Vorraussetzung einer Zusammenarbeit mit anderen Gruppen und Einzelpersonen ist für uns ein Minimum an politischer Verbindlichkeit und Ernsthaftigkeit, sowie die Bereitschaft zur aktiven Intervention in die Klassenkämpfe.
Angesichts der zahlenmäßigen Schwäche der Revolutionäre ist die Intervention in Bewegungen und Kämpfe heute in erster Linie von der taktischen Frage abhängig zu machen, wo und wie wir mit unseren wenigen Kräften am meisten für das langfristige Gesamtinteresse der Arbeiterklasse, die Überwindung des Kapitalismus, ausrichten können. Für uns bedeutet dies in der gegenwärtigen Situation schwerpunktmäßig den Aufbau eines marxistischen Kaderkerns voranzutreiben. „Kader“ sind nach unserem Verständnis nicht die Befehlsempfänger einer allwissenden Zentrale, sondern Genossen, die eigenständig politische Einschätzungen erarbeiten und überprüfen, und selbstständig im Sinne unserer Politik auftreten und intervenieren können. Das Verhältnis von Revolutionären zu den Ansprechpartnern ihrer Politik ist keine Einbahnstrasse. Revolutionäre Politik entwickelt sich dann, wenn Revolutionäre in der Lage sind, von den Kämpfen der Klasse zu lernen, Kampferfahrung zu verallgemeinern und Bewusstsein und Perspektiven in die Bewegung zu tragen.
Nur durch eine Kombination prinzipienfester Propaganda und flexibler Bewegungsintervention wird es in nächster Zeit möglich sein, in diesem Sinne substantielle Schritte nach vorn, zum Aufbau eines neuen revolutionären Organisationsansatzes zu machen.
Wir fordern all diejenigen auf, sich uns anzuschließen, die mit unseren politischen Positionen übereinstimmen und bereit sind, aktiv am Kampf für den Sozialismus teilzunehmen.

Gruppe Internationaler SozialistInnen (im August 2004)